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Buch über Nazi-Jugendkultur in Sachsen: Hitlergruß für Aura
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Auf Wänden, auf Stickern an Laternen, auf Jacken, auf nackten Oberkörpern: Hakenkreuze. Manuela Müller kommt nicht mehr an ihnen vorbei – weder beim Spazierengehen noch bei der Arbeit. Das Problem ist: Sie werden mehr. Und bleiben. Niemand macht sie mehr weg.
Müller wuchs in der Nähe von Chemnitz auf, als es noch Karl-Marx-Stadt hieß. Heute lebt sie in Zwickau, mitten in Sachsen. Als Reporterin der Freien Presse Chemnitz spricht sie mit allen möglichen Menschen in ihrer Region – von Bürgermeisterinnen beim Friseur bis zu saufenden Jungs auf dem alljährlichen Simson-Moped-Treffen. Für ihre Gesellschaftsreportagen wurde sie mehrfach mit dem Deutschen Reporter:innen-Preis ausgezeichnet. Seit einiger Zeit fällt ihr auf: Nazi-Style ist wieder cool.
Neonazis in Ostdeutschland … das ist nichts Neues, oder? Laut Müller war es zumindest zwischendrin auch mal anders: In den 2000ern gab es zwar Nazis in Sachsen, aber in Müllers Wahrnehmung waren sie eher Randgestalten der Gesellschaft. Heute sind sie am Bratwurststand auf Dorffesten gut integriert – und bei Jugendlichen geben sie sogar den Ton an. Müllers Beobachtung zufolge sind junge Leute in ihrer Heimat jetzt tendenziell politisch rechter eingestellt als ältere.
Seit wann wird vor der DDR-Fahne mit Hitlergruß salutiert? Manuela Müller untersucht den Sog des Rechtsradikalismus unter Jugendlichen um sie herum und geht auf die Suche nach Möglichkeiten, diese Generation nicht völlig zu verlieren.
Wie Mosaikteile setzt sie einzelne Begegnungen mit Menschen aus ihrer Provinz zusammen – mit dem einzigen linken Jugendlichen im Dorf, der freitags trotzdem mit der Naziclique in der Garage Bier trinkt, weil er nicht einsam sein will. Mit dem Mädchen, das zum ersten Mal verliebt ist, in den gutaussehenden Jungen aus der Parallelklasse, der auf Insta die AfD verehrt. Mit der Siebzehnjährigen, die im Gefängnis mit Beate Zschäpe puzzelt. Mit der verzweifelten Mutter, deren dreizehnjähriger Sohn seit Kurzem Nazi sein will. Der bei der Beratungsstelle gesagt wird, sie solle dem Jungen neue Hobbys ermöglichen – dabei gibt es im Dorf nur die Feuerwehr, die von Nazis geleitet wird.
Aus den Blitzlichtern ergibt sich ein Bild: völlige Ratlosigkeit. Überforderung. Und schwarz-weiß-rote Reichsfahnen über schmalen Kinderbetten. Wie ist es dazu gekommen?
Rechte Politisierung beginnt nicht mit Wahlprogrammen. Laut Manuela Müller beginnt sie in der Schule, wo Lehrer:innen aufgegeben haben oder selbst rechts sind und deutsche Geschichte nicht richtig lehren. Sie beginnt in Dörfern, wo es nichts zu tun gibt und kaum mal ein Bus in die nächste Stadt fährt. Und natürlich auf Social Media, wo Politiker rechtsradikale Propaganda mit Flirt-Tipps kombinieren. Das ist die Krux: Erst sind es Erwachsene, die Jugendliche beeinflussen. Und dann kommen Erwachsene nicht mehr an sie ran.
Dazu kommt die gärende Unzufriedenheit in der sächsischen Provinz. Wenn Manuela Müller von Gesprächen mit AfD-Wähler:innen berichtet, lässt sie deren Aussagen vom Soziologen Ulf Bohmann einordnen. Der kommt immer wieder auf eine Erklärung zurück: Verunsicherung führt zu dem Wunsch, dazuzugehören. Das Gefühl, abgehängt zu sein, führt zu dem Wunsch, es den anderen mal so richtig zu zeigen.
Manuela Müller: „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze. Von der Radikalisierung einer Generation“. Tropen Verlag/Klett-Cotta, Stuttgart 2026, 240. S., 18 Euro
Was kann man also tun, um dieser vermeintlichen Rebellion der vermeintlichen Verachteten Einhalt zu gebieten? Wie wird Nazi-Lifestyle an Schulen endlich peinlich? Einfach zu beantworten ist das nicht. Aber Manuela Müller zieht Schlüsse: Politik darf nicht weiter rausgehalten werden aus der Schule. Statt im Gemeinschaftskundeunterricht nur den Aufbau politischer Systeme auswendig zu lernen, sollte über die Hakenkreuzschmierereien auf der Toilette gesprochen werden und generell mehr miteinander.
In ihrer Recherche bemüht sich Müller, den Alltag hinter den Nazi-Schlagzeilen über die ostdeutsche Provinz zu zeigen. Geduldig und offen spricht sie dafür mit etlichen Leuten. Sie gibt einen tiefen Einblick in ostdeutsche Lebensrealitäten abseits von Leipzig und Dresden. Völlig außen vor bleiben dabei aber die Perspektiven nichtweißer Menschen in Sachsen. Spätestens wenn Müller sich über den schlechten Ruf „Dunkeldeutschlands“ beschwert und behauptet, es brauche keinen Mut, in Sachsen zu wohnen, zeigt sich, dass das Bild des ostdeutschen Alltags hier aus einer sehr weißen Sicht zusammengepuzzelt wird.
Müller berichtet persönlich, an einigen Stellen ausschweifend, über ihre Begegnungen. Dabei spricht sie immer wieder von den „zwei Extremen“ rechts und links, denen die Mitte fehle. Zwar sind es eindeutig Rechtsradikale, die ihr Sorgen machen, trotzdem wird manchmal nicht ganz deutlich, dass ein Nazi, der Menschen zusammenschlägt, und ein Punk, der einen Iro hat, nicht die gleiche Art von „extrem“ sind.
Müller hat allerdings einen Punkt, wenn sie schreibt, Lokalreporter:innen seien die Seismografen der Demokratie. Sie sind vor Ort, wenn auf einem Stadtfest die Stimmung kippt, wenn auf dörflichen Wahlveranstaltungen immer mehr gehetzt wird, wenn auf Demos menschenfeindliche Parolen gerufen werden. In ihren Notizbüchern schreiben sie die kleinsten Ausschläge des Hasses nieder.
„Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“ zeigt strukturelle Missstände im Umgang mit Kindern und Jugendlichen im ländlichen Sachsen auf. Die Brisanz dieser Recherche geht aber über das Bundesland hinaus: Denn die strukturschwache Provinz – in Ost und West – ist das Demokratie-Frühwarnsystem des Landes.
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Source: taz