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Germany · taz · · 2h

Berlin Art Week 2026: Alles so schön glatt hier

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Einen massiven Klotz haben die Baseler Stararchitekten Herzog & de Meuron mit dem Berlin Modern gerade in das Berliner Kulturforum gequetscht. Das Museum soll in Zukunft die Kunst für die Öffentlichkeit feiern, macht aber knapp Halt vor der breiten Potsdamer Straße wie ein verschrecktes Kutschpferd vor der Bahnschranke. Dabei könnte hier am Kulturforum, Zentrum der Berlin Art Week, vor der Scharoun’schen Staatsbibliothek einfach mal ein riesiger, öffentlicher, urbaner Platz entstehen. Ein bisschen radikaler darf man schon denken, liefen doch gerade während dieser Kunstwoche im Inneren des Rohbaus von Berlin Modern die Filme von Gordon Matta-Clark, in denen er Häuser und Stadträume zerfräst und zersägt, als wären sie ein Stück Butter.

Stattdessen zieht an der breiten Straßenachse nur mau mal ein Stadtbus vorbei, es sei denn die Prinzessin von Katar und Großmäzenin Al-Mayasa bint Hamad bin Khalifa Al Thani braust mit ihrer Limousinen-Flotte vor die Neue Nationalgalerie, wo sie in den letzten Tagen auch gleich verkündete, dass Gerhard Richter für sie in Doha einen eigenen Pavillon gestalten wird.

Allgemeinen Aufruhr konnte man da vernehmen, dass der katarische Reichtum aus Erdöl- und Gasgeschäften auch den „größten deutschen Künstler der Gegenwart“, so die Prinzessin, korrumpiere, als wäre der Kunstbetrieb sonst rein von globalem Kapital. Ohnehin war diese Kunstwoche eine der Kunstmarkt-Schwergewichte und des Bling-Bling, fast so, als wäre man auf der weltgrößten Kunstmesse in Basel – Ersan Mondtag trug demonstrativ Gucci bei der Party zu seiner Performance-Reihe in der Gemäldegalerie, eine saudi-arabische Delegation sei da gewesen. Der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, holte Maurizio Cattelan in die Neue Nationalgalerie und zieht Matta-Clark auf riesige Projektionsflächen, obwohl dieser zu Lebzeiten lieber im Illegalen Architektur zersägte.

Auch Trisha Browns wieder aufgelegte Performance „Walking on the Wall“ von 1971 hatte was Subversives: Ihre Per­for­me­r:in­nen liefen einfach mal in der Horizontalen entlang der Glaswände der Neuen Nationalgalerie, als wäre die Schwerkraft ausgehebelt. Warum nicht ganz real und ganz lokal einfach nebenan die Trägheit von Stadtplanung und Berliner Behörden sprengen, denkt man sich dann, und die Potsdamer Straße zu einem großen, autofreien Platz erklären.

Denn der öffentliche Raum und wie wir unsere Körper darin verhandeln, tauchten viel auf in diesen Tagen: Anys Reimann tunkt auf ihren collagierten Malereien im Charlottenburger Antonymen Salon die Schwarze Frau lieber ins Dunkel der Nacht, und Rachel Monosov fragte bei einer Performance im Künstlerhaus Bethanien, welchen repräsentativen Zwängen man in der Öffentlichkeit ausgesetzt ist: Menschen waren an meterlange Zöpfe gespannt und rollten in die Geduld herausfordernden Slow-Motion-Bewegungen weiße Fahnen ein und aus. Und bei einem Panel im Hamburger Bahnhof, wo die Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg, Annegret Laabs, nun nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt eine Welle der Kulturkürzungen befürchtet, kam der Ruf auf, die Kunst müsse vor allem ins Öffentliche. Sophie Jung

1976 war es, als Gordon Matta-Clark im New Yorker MoMA PS1 vertikal ausgerichtete, rechteckige Öffnungen durch drei Stockwerke des Gebäudes schnitt. „Doors Floors Doors“ hieß die Arbeit, sie war Teil der Ausstellung „Rooms“, die die Institution für zeitgenössische Kunst damals eröffnete. Es erstaunte also wenig, dass es nun ausgerechnet Matta-Clark war, dessen Arbeiten anlässlich der Art Week im Rohbau des Berlin Modern gezeigt wurden, kuratiert vom Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, persönlich. Schließlich war dieser ab 2010 acht Jahre lang Leiter des MoMA-Ablegers.

Was dann doch erschütterte, war die Biederkeit. Hatte man erwartet, dass im Stile Matta-Clarks in die Baustelle des Rohbaus eingegriffen werden würde, wurde man bitter enttäuscht: Was man sah, waren Filme. Die sind zweifellos toll, verwandelten aber die einst so radikalen Werke des Dekonstruktionskünstlers lediglich in museale Nostalgie und Sehnsucht. Nach einer analogen Zeit vor der kompletten Einverleibung jeden Funken Lebens in globale Markt- und Markenlogiken, die in dieser Art Week allgegenwärtig auf die Spitze getrieben zu sein schienen.

Statt jungen Positionen die Chance zu geben, etwas wirklich Visionäres auf der Baustelle auszuprobieren, wurde dort der Geist des Drastischen lediglich beschworen. Es ist schwer vorstellbar, dass der schon 1978 verstorbene Matta-Clark damit einverstanden gewesen wäre, der schließlich einst als Beitrag einer Ausstellung mit Beiträgen seiner ehemaligen Professoren („I hate what they stand for“) mit einem Luftgewehr die Fenster des Ausstellungsraumes herausschoss.

Doch die Präsentation passt zum Zeitgeist. Alles so schön glatt hier. Zyniker könnten anmerken, dass in diesem Jahr eben auch nur vom Wirtschafts- und nicht vom Kultursenat gefördert wurde, doch natürlich fügte sich damit nur zufällig die Form zum Inhalt. Als weiteres Gegenwartssymptom kam meist die Gegenkultur in mundgerechten Häppchen. Die hatte es auch in Form von Patisserie im Adlon Kempinski gegeben, wo, angeführt von der Künstlerin Sunny Pudert, die wohl begehrteste Performance der Art Week stattfand. Doch in der ikonischen Royal-Suite, aus deren Fenster Michael Jackson einst sein Baby hielt, waren die Plätze begrenzt. Unten in der Lobby drängten sich die Wartenden. Der konzentrierte Wahnsinn der „Ordinary Tales of City Madness“ blieb – wie im echten Leben – halt nur Wenigen vorbehalten.

Erstaunlich leer blieb es dafür Freitagnacht in der Moabiter Arminiusmarkthalle. Die Münchner Krawallnudeln von Chicks on Speed gaben dort ein DJ-Set zum Besten, um die Bar der Galerie Ebensperger mit ihrer Vorliebe für abwegige Räumlichkeiten am neusten Standort einzuweihen. Zwischen Bier und Neonschminke fand sich hier zumindest breite Konsensstimmungen in der Nachbesprechung der Galerieausstellungen der Potsdamer Straße: David Claerbout bei Esther Schipper: hot. Gerhard Richters Ehefrau Sabine Moritz bei Max Hetzler: not. Hilka Dirks

Man muss sich schon auch auf den Füßen herumstehen wollen. Das Programm der Berlin Art Week wird mit jedem Jahr satter, spätestens seit es um die vollständige Formation des Gallery Weekends angereichert ist.

Das neue Festival Soft Power – nicht zu verwechseln mit dem bereits etablierten, sehr guten Projektraum Soft Power – hat sich die Art Week einverleibt samt zweieinhalbtägigem Rund-um-die-Uhr-Programm. Das Designfestival Currents debütierte Art-Week-unabhängig über den Stadtraum verteilt. Literaturfestival war außerdem und natürlich das Drachenfestival auf dem Tempelhofer Feld.

Wie kompliziert kann man es machen, damit sich Kunstinteressierte bei denkbar vielseitigem Angebot am Ende doch nur an denselben Orten wiederfinden und im Wesentlichen auch dasselbe sagen? Ersan Mondtag in der Gemäldegalerie: hui („Warst du früher auch immer im King Size?“), bei Dittrich & Schlechtriem pfui, weil so viel Kopulationsgetue muss dann auch nicht sein.

Vom Museumsneubau Berlin Modern erwartet man Großes, weil man Großes erwarten will. Was hingegen niemand vergessen hat: die Sache mit dem einstigen Nachwuchspreis. Maurizio Cattelans Tauben in der Neuen Nationalgalerie jedenfalls werden nur mit Beisatz „ja, aber“ gut gefunden.

Innerhalb des S-Bahn-Rings sind sich also alle einig. Außerhalb des S-Bahn-Rings liegen und lehnen die, die alles richtig gemacht haben. Zum Beispiel im Kochhaus der DRK Kliniken Berlin Westend, wo Lu Yang zwei bekannte Videoarbeiten zerstückelt und zwecks intimer Gucksituation auf zehn Screens für je ein Krankenbett aufgeteilt hat. Oder auf dem Gelände der Haubrok Foundation, wo UdK-Absolventin Seongwon Park ihre Reduktionen Lichtenberger Fassaden in einer Industriehalle floaten lässt.

Auf den Treppenstufen des Privatmuseums Fluentum in Steglitz-Zehlendorf passen plötzlich 120 Sekunden in eine Minute. Dort taucht Arash Nassiri alles in Blau: die Prunkarchitektur seines Insekten-Puppen-Videos, die unbehagliche Nazi-Pracht des Ausstellungsraums.

Der Final Boss der Entschleunigung: das Reethaus in – schon wieder – Lichtenberg. Hier herrscht ab Eingangstür Schweigefuchsimperativ. Zu Füßen von getrocknetem Schilfrohr und Waschbeton dösen ausgestreckt dicht aneinander diejenigen, die zum Ende der Art Week nicht mehr viel zu sagen haben. Klangkunst lässt den Raum vibrieren, eine Viertelstunde oder vier Tage später: vollständige Entspannung. Während der Berlin Art Week am besten rausfahren und rumliegen. Memo fürs nächste Jahr. Anna Meinecke

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Source: taz