Anti-fascism taz
Überlebender des ersten NSU-Anschlags: Er redete mit den Wänden darüber, was passiert war
Am 4. November 2011 enttarnte sich der „NSU“ selbst, nachdem er bereits viele Morde begangen hatte. Das erste Opfer bekam kaum Aufmerksamkeit: Serkan Yıldırım. mehr...
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Dass Serkan Yıldırım das erste Opfer des NSU-Terrors war, wusste er sehr lange nicht. Es dauerte viele Jahre, bis er erfuhr, dass die Explosion, die er 1999 überlebte, ein rechtsextremistischer Anschlag war. Die Behörden, Rechtsanwält*innen und Journalist*innen wussten es vor ihm, während Yıldırım mit seinen offenen Fragen allein blieb.
„Jahrelang habe ich zu Hause mit den Wänden darüber geredet, was 1999 passiert ist“, sagt Serkan Yıldırım. Kurz vor dem 15. Jahrestag der Selbstenttarnung des NSU sitzt er in einem Café am Herrenberger Hauptbahnhof. Immer wieder greift er zu einer kleinen Metallbox, holt eine Zigarette heraus und zündet sie an. „Wollen Sie auch?“, fragt er. Die Zigaretten hat er aus seinem Urlaub in der Türkei mitgebracht. Lächelnd erzählt er von der Reise und seinen „vier Babys“, die zu Hause auf ihn warten – den Katzen Rüzgar, Rüya, Pamuk und Gölge. „Wind, Traum, Baumwolle und Schatten.“ Dass Yıldırım heute wieder von Momenten der Geborgenheit und Freude in seinem Leben berichten kann, musste er sich hart erkämpfen.
Yıldırım wuchs in Nürnberg als Kind einer alleinstehenden Mutter auf. Seine Eltern waren Arbeiter*innen. „Mit meinen zwei Geschwistern hatten wir alles, was wir brauchten.“ Als Baby wird bei ihm Leukämie diagnostiziert, einen Teil seiner Kindheit verbringt er in Krankenhäusern mit Chemotherapien. Erst mit neun Jahren besiegt er die Krankheit.
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Im Juni 1999 ist er 18. „Ich habe es geschafft“, denkt er. Er will in die Selbstständigkeit starten, etwas Eigenes aufbauen, das sei sein Traum gewesen. Mit seinen Eltern übernimmt er das Café Sonnenschein in der Nähe des Nürnberger Hauptbahnhofs. „Das war kein Luxusladen“, erzählt er. „Reich geworden wäre ich dort nicht, aber für mich, in dem Alter, war es ein Erfolg.“
Die Eröffnung des Cafés Sonnenschein am 22. Juni feiern sie mit vielen Menschen. Am nächsten Morgen kommt Yıldırım mit seiner Mutter zurück. Er will aufräumen, bevor die ersten Gäste kommen. Die Gläser und das Geschirr stehen noch herum. Seine Mutter überredet er, einkaufen zu gehen. „Gott sei Dank“, sagt Yıldırım. „Was hätte ich gemacht, wenn meiner Mutter das passiert wäre?“
Auf der Toilette findet Yıldırım eine etwa 30 Zentimeter lange schwarze Taschenlampe, die er zuvor nie gesehen hat. Als er sie in die Hand nimmt, explodiert die Taschenlampe. Die Bundesanwaltschaft stellt später fest: Es handelte sich um ein langes Metallrohr, das an beiden Enden mit Verschlusskappen verschraubt und mit Schwarzpulver gefüllt war. Yıldırım hat Glück: Die Bombe war fehlerhaft zusammengebaut und explodierte deshalb nicht so stark wie erwartet. „Sonst wäre ich heute nicht am Leben“, sagt er.
Die Explosion schleudert ihn bis zur Tür. Nachbar*innen hören den Knall und kommen zu ihm. Kurz darauf verliert Yıldırım das Bewusstsein. Mehrere Wochen verbringt er mit schweren Verletzungen im Krankenhaus, bis heute zeugen Narben von diesem Tag. Noch am Abend des Anschlags beginnt die Kriminalpolizei Nürnberg mit den Ermittlungen, später übernimmt das Bayerische Landeskriminalamt.
Yıldırım erlebt bei den Ermittlungen, was viele Angehörige von NSU-Opfern später auch durchmachen mussten: eine Täter-Opfer-Umkehr. Ermittelt wird in seinem Umfeld und Bekanntenkreis und nicht in der rechten Szene. Drogenhandel, Prostitution und Verschleierungsbetrug seien als mögliche Ermittlungsansätze genannt worden, erinnert er sich. „Das war armselig“, sagt Yıldırım. Er zieht an seiner Zigarette. 27 Jahre später klingt noch immer die Wut in seiner Stimme mit.
Wenige Monate nach dem Anschlag werden die Ermittlungen eingestellt, ein politischer Hintergrund wird ausgeschlossen. Dabei hatte die Polizei erst ein Jahr zuvor in einer als Bombenwerkstatt genutzten Garage des NSU-Trios in Jena Sprengstoff, Rohrbomben und rechtsextremes Propagandamaterial gefunden. Danach tauchten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unter. Ob man den Rohrbombenanschlag in Nürnberg mit dem Fund in Jena hätte in Verbindung bringen können? Das schließen die Behörden heute aus.
Ermittelt wird wegen fahrlässiger Körperverletzung. Als sei es kein gezielter Anschlag gewesen. Ein Zeuge aus dem Bereich der Generalbundesanwaltschaft 2022 beim zweiten NSU-Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag sagt, dass er „fahrlässige Körperverletzung jetzt nicht so naheliegend“ fand. Auch ein weiterer Ermittler findet, den Fall hätte man hochstufen müssen – als Mordversuch. Dadurch habe der Fall bei der Polizei auch längere Zeit keine hohe Priorität gehabt. Im Abschlussbericht des zweiten Untersuchungsausschusses des Landtags wird zudem festgehalten, das Verfahren hätte „etwa im Falle einer Suche nach weiteren unaufgeklärten Sprengstoff- oder Mordanschlägen bei den Staatsanwaltschaften überhaupt nicht gefunden werden können“.
Die Angst prägt Yıldırıms Alltag. „Ich konnte nicht mehr auf die Straße gehen“, sagt er. Lange fällt es ihm sogar schwer, allein auf die Toilette zu gehen. Er entschließt sich, Nürnberg zu verlassen, die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist, in der seine Familie und seine Freunde leben.
Im Jahr 2004 zieht er in eine ländlichere Umgebung in die Nähe von Herrenberg in Baden-Württemberg. „Ich musste von null anfangen“, sagt er. Yıldırım muss Insolvenz beantragen. „Ich hatte in meiner Wohnung nur eine Matratze, einen Fernseher“, sagt der heute 46-Jährige. Er litt in diesen Jahren unter Depressionen und Angstzuständen. In Herrenberg fängt er an, wieder zu arbeiten, mal in einem Dönerladen, mal als Aushilfe. Einen eigenen Laden will er nicht mehr. Auch Vertrauen aufzubauen fällt ihm schwer. Als er seine jetzige Partnerin kennenlernt, kann er ihr zunächst nicht von dem Anschlag erzählen. „Ich hatte Angst, sie zu verlieren und ihr auch Angst zu machen.“
Im November 2011 enttarnt sich der NSU selbst. 2012 wird Carsten S. als Waffenlieferant des NSU-Trios festgenommen. Im Jahr darauf berichtet er vor dem Oberlandesgericht, von einem fehlgeschlagenen Anschlag von Mundlos und Böhnhardt mittels einer Taschenlampe in Nürnberg zu wissen. Noch am selben Tag stellen Journalist*innen fest: Das „Taschenlampenattentat“ war in Yıldırıms Café Sonnenschein. Die Generalbundesanwaltschaft leitet auch bezüglich dieser Tat ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Beate Zschäpe ein.
Im Jahr 2013 laden Kriminalbeamte Yıldırım zu einem Termin ein. Der dauert mehrere Stunden, er muss mehrere Bilder aus den vielen Akten anschauen. Eine Person erkennt er dabei direkt: Susann Eminger. Er hat sie schon mal gesehen, weiß aber nicht, wo. Sie und ihr Ehemann André Eminger gehörten zum engsten Unterstützerkreis des NSU-Kerntrios. Sie gilt zudem als die engste Vertrauensperson und beste Freundin der verurteilten Rechtsextremistin Beate Zschäpe. Wen er auf dem Foto gesehen hat, das hätten ihm die Beamten damals nicht gesagt, sagt Yıldırım.
Bis er wirklich realisiert, dass er das erste Opfer des NSU-Terrors war, dauert es noch Jahre. 2018 erreicht ihn ein Brief von einem Journalisten des Bayerischen Rundfunks und einem Rechtsanwalt, der die Nebenklage im NSU-Prozess vertritt. Sie finden Yıldırım nach sehr langer Suche in Herrenberg. „Wissen Sie, wen Sie damals erkannt haben?“, fragen sie Yıldırım.
Erst jetzt wird ihm klar, dass er Opfer rechtsextremen Terrors geworden ist. Einerseits ist er erleichtert, endlich zu wissen, was damals geschehen ist. Andererseits stellen sich ihm neue Fragen: „Warum ich? Was habe ich getan?“ Aus Angst bleibt er zunächst anonym und nennt sich Mehmet O., wenn er mit Medien spricht.
Später wird Yıldırım als Nebenkläger aus dem NSU-Prozess ausgeschlossen. Als Begründung werden „verfahrensökonomische Gründe“ angeführt: Beate Zschäpe war bereits zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden, die besondere Schwere der Schuld war festgestellt worden.
Zuletzt gab es vor dem Oberlandesgericht Dresden das Verfahren gegen die NSU-Unterstützerin Eminger. Wieder wird Yıldırım nicht als Nebenkläger zugelassen. Damit konnte Yıldırım bis heute bei keinem Prozess aussagen, außer im zweiten Untersuchungsausschuss in Bayern 2022. „Ich bin einfach auf die Seite geschoben worden, als ob ich nichts wert bin“, sagt Yıldırım. Es würde ihm auch nichts nützen, wenn man ihn jetzt als Opfer anerkennt und Mitleid zeigt. „Die haben meine Psyche kaputt gemacht“, sagt Yıldırım. Ärztliche Hilfe musste er sich selbst suchen. Bis auf die 13.000 Euro Entschädigung habe er keine weitere Unterstützung erhalten.
Erst seit 2025 geht Yıldırım mit seinem Namen an die Öffentlichkeit. Er arbeitet heute im Bereich Lebensmittelverpackung als Helfer. Yıldırım kämpft weiterhin mit seiner Gesundheit, denn er hatte neben den psychischen Problemen auch zweimal einen Gehirntumor, einer ist noch da. Trotz allem sagt Yıldırım: „Çok şükür“. Gott sei Dank. Es hätte alles schlimmer kommen können. Heute erzählt er in Schulen seine Geschichte, das mache ihm Mut. „Die Gesellschaft muss wissen, was uns passiert ist“, sagt er.
Am meisten hilft ihm der Kontakt zu Hinterbliebenen. Vor wenigen Jahren lernt Yıldırım bei einer Veranstaltung in Nürnberg Hinterbliebene der Familien Şimşek und Taşköprü kennen. Sie beschließen spontan, noch einmal ins Café Sonnenschein zu gehen, gemeinsam mit vielen anderen. Es ist das erste Mal, das Serkan Yıldırım wieder dort ist. Es habe ihn Überwindung gekostet, aber umso größer sei die Erleichterung gewesen.
„Alle sind mitgekommen, gemeinsam haben wir einen schönen Abend gehabt und gefeiert“, sagt Yıldırım. „Diesen Abend werde ich nie vergessen.“ Die Hinterbliebenenfamilien hätten ihm geholfen, wieder Vertrauen zu anderen zu fassen. Aber zum deutschen Staat? „Wie soll man dem Staat dann noch weiter glauben?“, fragt er.
Vor wenigen Monaten hat Yıldırım in der Türkei geheiratet, erzählt er stolz. Nun hofft er, irgendwann mit seiner Frau in die Türkei ziehen zu können. „Vielleicht machen wir dann dort einen kleinen Laden auf.“