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Autofreier Sonntag in Brüssel: Wie anders Stadt sein kann
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Nichts. Kein Auto. Kein lebensgefährlich enges Überholen. Wie breit und bequem Straßen sind! Und diese Ruhe. Kein Hupen. Kein Gedrängel hinter einem. Und kein Vollgas, weil wieder einer unbedingt als Erster an der nächsten roten Ampel sein will. Brüssel ist für einen Tag wieder Stadt, nicht Verkehrsraum für die Asphaltimperialisten auf vier Rädern.
Seit 1999 macht die Region Brüssel-Hauptstadt ihre Straßen an einem Tag im September für den Autoverkehr dicht (Ausnahmen: Taxis, Notfälle). Das betrifft fast 1,3 Millionen Menschen plus BesucherInnen. 2.000 Straßen auf 160 Quadratkilometern sind Fußgängerzone und Radweg. Damit ist Brüssel die größte europäische Stadt, die zumindest einen Tag autofrei ist. Metro, Busse und Tram sind umsonst, ihre ohnehin schnelle Taktfolge ist auf den meisten Linien noch erhöht.
Brüssels Freiheit vom Auto gehört zur Europäischen Mobilitätswoche. Woanders, auch in der Autorepublik Deutschland, bedeutet diese Woche nur Infostände, ÖPNV-Werbung, Diskussionen, Filmabende über andere Städte, etwa in Belgien.
Radeln wir also los. Zu Hunderten geht es die Rue de la Régence dem monströsen Justizpalast entgegen, dessen prachtvoller Eingang in diesem Sommer zum ersten Mal nach über 40 Jahren von Baugerüsten befreit ist. Hinter dem Jubelpark folgen wir strampelnd zwei Joggern durch den Zubringertunnel zur Autobahn (die auch an diesem Sonntag leider eine blieb). Später geht es hoch Richtung Atomium. Ohne Autokulisse vor einem scheint Brüssels glitzerndes Wahrzeichen über seine 102 Meter Höhe hinaus gewachsen zu sein.
Gut gelaunte Fußgängerhorden wälzen sich die Boulevards entlang. Gejoggt wird in Breitformation über Doppelspuren. Kinder nutzen die Straßen als Spielplatz (wie es früher üblich war) und werden nicht mehr in Schutzreservate („Spielplätze“) abgeschoben. Auffällig vor allem: die vielen Kleinkinder, die hier auf ihren Dreirädern, Rollern und Minibikes üben. Das Blech ruht am Rand. Es ist eine Art Paradies.
In allen 19 Stadtteilen Brüssels stößt man auf Nachbarschaftsfeste, straßenweite Flohmärkte, Food Markets, in der City auf eine viel genutzte mobile, ehrenamtliche Rad-Repair-Station, gleich daneben gibt es Straßensalsa statt SUVs. Das Bankra-Bike-Soundsystem, ein niederländisches Musikkollektiv aus Utrecht, radelt derweil basswummernd durch die Stadt.
In der alten Börse, vor der Flaniermeile Boulevard Anspach, der 2015 noch eine vierspurige Stadtautobahn war, versammelt sich die Weltcomic-Hauptstadt zum Comic-Strip-Festival mit Lucky Luke, den Daltons, Spirou und den Nationalhelden Tim & Struppi. Hier jauchzen Kinder (und viele jung gebliebene Erwachsene), wenn sie gerade nicht radeln.
Die Autofreiheit führt indes zu neuen Herausforderungen: Weil Verkehrsschilder und Ampeln (viele auf gelbes Blinken geschaltet) weitgehend ignoriert werden, muss man ständig anderweitig auf der Hut sein, vor allem am Nachmittag, als es immer voller wird.
Die E-Scooter, hier Trottinette genannt, nerven auch am autofreien Sonntag. Im Januar aber ist Schluss mit Leihtrottinetten in Brüssel: zu gefährlich, zu rücksichtslos abgestellt. Am Abend meldet die Polizei ein schwer verletztes Kind, angefahren von einem Taxi.
Außer Taxis (können die nicht auch mal pausieren?) rollt einem nur ganz vereinzelt ein Auto entgegen, meist belgische (mit Sondererlaubnis?), aber auch eine sichtliche verwirrte Britin und ein Wagen aus Wiesbaden, dessen Fahrer möglichst cool zu gucken versucht. Ob die Polizei ihn erwischt hat? Auch Dutzende andere belgische Städte waren am Sonntag für Autos dicht, etwa Antwerpen, Brügge oder Spa.
Autobann für einen Tag bedeutet indes keine Ruhe in der Verkehrspolitik. Die neue Brüsseler Regierung, die sich erst 615 Tage nach der Wahl (Juni 2024) in diesem Frühjahr zusammenfand, kann sich bislang nicht auf die anderen 364 Tage im Jahr einigen.
Der alte Verkehrsplan zur Förderung sanfter Mobilität („Good Move“) mit Tempo 30 im Stadtgebiet (Schnellstraßen 50), neuen Radwegen, zahllosen Bremsschwellen (hier Drempel genannt) und Betonblöcken als Rasereihindernisse ist den meisten der sechs Koalitionäre zu autoschikanös, wie sie klagen.
Good Move wurde zum Kampfbegriff. Ein neuer Mobilitätsplan müsse her, fordert vor allem die rechtsliberale MR, die mit Georges-Louis Bouchez die Brüsseler Regierung auch anführt. Beim Unterschreiben des Koalitionsvertrages feierte Bouchez schon „Fini, Schluss mit Good Move“.
Etwas voreilig womöglich: Die Grünen unter Brüssels Mobilitätsministerin Elke Van Den Brandt kämpfen für möglichst wenige Abstriche. Und sie spielen auf Zeit. Vergangene Woche wurde der Tagesordnungspunkt im Stadtrat zum vierten Mal vertagt. Immerhin: Ab 2027 wird es auf Initiative der Grünen jedes Jahr im Mai einen zweiten autofreien Sonntag geben.
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Source: taz