Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Antimuslimischer Rassismus: Der Blick, der bis heute wirkt

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Ich war zehn Jahre alt und in der fünften Klasse, als zwei Flugzeuge in das World Trade Center flogen. Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Bild, das damals über den Fernseher flimmerte. Aber ich erinnere mich an meine Lehrerin. Sie zeigte auf mich und fragte: „Und was sagst du denn jetzt dazu?“ Auf mich. Ich war zehn Jahre alt.

Was ich darauf sagen sollte, wusste ich nicht. Ich hatte keine Erklärung für die fürchterlichen Anschläge. Ich kannte weder Al-Qaida noch geopolitische Zusammenhänge, weder die Geschichte Afghanistans noch die amerikanische Außenpolitik – so wie jedes andere zehnjährige Kind. Das Einzige, was mich von meinen Mit­schü­le­r*in­nen unterschied, war, dass ich muslimisch gelesen wurde. Und plötzlich sollte ich etwas erklären, das ich weder getan hatte noch verstehen konnte.

Vielleicht beginnt genau hier meine Geschichte mit dem 11. September. Bei einem schrecklichen historischen Moment, dessen Folgen ich in meiner muslimischen Identität bis heute spüre. Denn 25 Jahre später frage ich mich: Was passiert, wenn aus einem Terroranschlag eine Brille wird, durch die eine ganze gesellschaftliche Gruppe betrachtet wird?

9/11 hat nicht nur unsere Angst vor Terrorismus geprägt. Es hat auch den Blick auf Mus­li­m*in­nen verändert. Über Jahre entstand in Medien und Politik ein Islambild, in dem Mus­li­m*in­nen immer wieder als potenzielles Sicherheitsproblem erscheinen – und dieser Blick wirkt bis heute nach.

Die Anschläge haben nicht nur die Sicherheitsarchitektur verändert, sondern auch die öffentliche Wahrnehmung des Islams. Für viele Menschen, die kaum persönlichen Kontakt zu Mus­li­m*in­nen hatten, entstand das Bild einer Religion vor allem durch Nachrichten, Talkshows und die immer gleiche Bildsprache: brennende Türme, vermummte Frauen, bewaffnete Islamisten, Moscheekuppeln mit Halbmond, Massen beim Freitagsgebet und Polizeieinsätze.

Wo die direkte Begegnung fehlt, werden mediale Bilder besonders wirkmächtig. Der persönliche Austausch mit Mus­li­m*in­nen blieb oft die Ausnahme, während die mediale Konfrontation zur Regel wurde. Dass laut einer Bertelsmann-Studie etwa jede zweite befragte Person den Islam als Bedrohung wahrnimmt, fällt deshalb nicht vom Himmel. Es ist auch Ausdruck einer Öffentlichkeit, in der Mus­li­m*in­nen über Jahrzehnte auffällig häufig im Zusammenhang mit Terror, Integration oder Sicherheitsdebatten sichtbar waren.

Diese Logik wirkt bis heute. Im Alltag bestimmen Kopftuch-, Integrations- oder Migrationsdebatten regelmäßig die Schlagzeilen. Nach jedem islamistisch motivierten Terroranschlag beginnt für viele Mus­li­m*in­nen ein vertrauter Reflex: der Rechtfertigungsmodus. Obwohl wir mit der Tat nichts zu tun haben, wissen wir schon am nächsten Morgen, dass wir wieder gefragt werden, uns zu distanzieren. Als müsste unsere Unschuld erst bewiesen werden.

Gleichzeitig verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Begriffe wie „Remigration“ wandern aus rechtsextremen Kreisen in den politischen Alltag. „Ausländer raus“ wird als Partysong mitgegrölt und vielerorts als Provokation verharmlost. Das bleibt nicht folgenlos. Es schafft ein Klima, in dem muslimische Menschen immer häufiger nicht als Individuen wahrgenommen werden, sondern als Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste.

Dabei geht es nicht darum, Terror kleinzureden. Im Gegenteil: Die Opfer des 11. September verdienen Erinnerung, Mitgefühl und eine klare Verurteilung der Täter. Aber wenn die Konsequenz eines Terror­anschlags darin besteht, Millionen Menschen dauerhaft unter Generalverdacht zu stellen, dann haben wir aus diesem Tag zu wenig gelernt. Kein zehnjähriges Kind sollte jemals wieder im Klassenzimmer erklären müssen, warum andere Menschen Terror verübt haben.

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Source: taz