Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

An der Nordsee: Jede Mehrheit braucht eine Minderheit

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I n der Nacht hat irgendwer das Klohäusl am Strand abgebrannt. Frühmorgens stehen mein vierjähriger Sohn und ich dabei, wie drei riesige Traktoren in einer an den Film „Real Steel“ gemahnenden Aktion sich durch den Sand wühlen, um das Ding von den Stelzen zu heben und abzutransportieren.

Für mein Söhnchen wird es das größte Ereignis dieses Nordseeurlaubs sein. Und ich denke melancholisch, wie er in 20 Jahren noch davon berichten wird, vielleicht seine erste Erinnerung und eine, die uns verbinden wird, über die Lebenszeiten hinaus.

Die Insel ist für die übergroße Mehrheit zum Erholen da. An diesem Morgen sehen wir die Minderheit am Werk. Hier wird gearbeitet. Die tätigen Menschen tragen lange Hosen und feste Schuhe. Manchmal rauchen sie sogar, daran erkennt man hier – außer ein paar gestressten Müttern aus den Kurkliniken – die Einheimischen.

Die Minderheit arbeitet, um sich, wenn die Mehrheit wieder abgereist ist, auch ein Mehrheitsleben leisten zu können. Der Wattführer erzählt, wo er schon überall war. Er kennt die Gezeiten aller sieben Weltmeere.

Vor unserem Ferienhaus mit vier Wohnungen parken drei SUVs. Alle haben den gleichen Fahrradträger von Thule, der laut ADAC knapp 700 Euro kostet und gut ist. Meine Schwiegermutter findet, dass unser Außenbereich wenig Privatsphäre bietet, aber wir kommen gern in Kontakt. Unsere Nachbarn lächeln irgendwie verschämt, als wir erzählen, dass wir mit der Bahn angereist sind. Ja, das, ist, das, ginge, schon, auch, irgendwie, aber, eben, nicht – die Bahn halt! Erleichterung platzt auf in den Gesichtern, dass man aufs Auto nicht verzichten muss, weil es die Bahn als seriöses Angebot nicht gibt.

Was wir für die Hinfahrt nicht, für Rückfahrt sehr wohl bestätigen können, als wir in einen Ersatzbus gequetscht nach Husum zuckeln. Nur eine Vollbremsung – und hier täte sich jemand sehr weh. Der zum Klönen aufgelegte Fahrer wird seiner Verantwortung gerecht und fährt entsprechend zurückhaltend, und wir kommen, wie gesagt, gern in Kontakt. Er sagt in seinen Worten, was Bahnchefin Palla im August 2026 dann „organisierte Verantwortungslosigkeit“ genannt hat.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Bahnstrecke in der Urlaubszeit saniert wird, damit in der Arbeitszeit alle pünktlich zu ihrer Arbeit kommen. Im Urlaub hat man ja Zeit! Urlaubszeit ist auch irgendwie Minderheitenzeit, zur Arbeit kommen zu müssen, ist dagegen mehr mehrheitsfähig. Und die ganze Bahnreise kostet für uns alle nur knapp 100 Euro bei vorhandenem Deutschlandticket.

Also: Wir meckern nicht. Wir sind glücklich, dass wir hier sein dürfen, und dann, wenn es denn sein muss, auch irgendwie wieder nach Hause kommen. Auf der Insel, erfahren wir bei gelegentlichen Spielplatzgesprächen, fahren die M��nner früher nach Hause. Sie erwirtschaften Rentenpunkte, die Frauen dürfen noch bleiben und werden hoffentlich nicht irgendwann in Altersarmut sitzen gelassen. Auch gekocht wird nicht, weil niemand Lust hat, hören wir; was wir so interpretieren, dass die Frauen, die eh immer kochen, keine Lust haben zu kochen, und die Männer es weiterhin eh nicht tun.

Warum mit Gewohnheiten brechen? Die Insel funktioniert sehr gut. Und sie funktioniert vielleicht noch besser, wenn auch der Letzte merkt, dass man bei 40 Grad Außentemperatur nicht viel machen kann, nicht mal sich gepflegt abschießen.

Auf der Insel geht man sogar im Hochsommer gern in die Sauna. Alle Häuser scheinen mit einer neuen Wärmepumpe ausgestattet zu sein, Induktion, Waschmaschine plus Trockner sind Standard, dazu wird Filterkaffee gereicht.

Mein Söhnchen aber sagt: Alle haben was, ein Auto, einen Hund, wir haben gar nix! Nach solchen Ausbrüchen über die versagenden Eltern ist man dann dankbar – dass jemand, vielleicht ja ein Angehöriger einer Minderheit, der Jugend möglicherweise – das Klohäusl angezündet hat und wir dabei sein durften: bei Bob dem Baumeister live und in 3D!

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Source: taz