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Germany · taz · · 6h

Alternativer Nobelpreis: „Radikales Bewusstsein zu entwickeln braucht Zeit“

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Als das Interview gerade beginnen soll, muss Mercia Andrews kurz ans Telefon gehen – ein Notfall. Danach erklärt sie, was passiert ist.

Mercia Andrews: Das war eine unserer Frauen. Es gab einen schrecklichen Femizid, mit dem wir umgehen müssen, auf einer Farm, wo sie arbeitet. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie nach dem Interview anrufe und wir dann besprechen, was zu tun ist.

ist eine der Gründerinnen der Rural Women’s Assembly aus dem Süden Afrikas

taz: Welche Rolle kann Ihre Bewegung da einnehmen?

Mercia Andrews: Ich habe erst mal ein paar einfache Fragen gestellt. Was hat die Polizei bisher gemacht? Wer hat die Frau gefunden? Sie sagte, es seien Kinder gewesen, und ich habe ihr gesagt, sie müsse dafür sorgen, dass diese Kinder Hilfe bekommen. Ich mache sonst nicht viel unserer Arbeit in Südafrika, weil ich als Koordinatorin für die gesamte Region viel zu tun habe. Aber geschlechtsspezifische Gewalt gehört auch sonst zu meinen Themen als Aktivistin. Weil ich in Südafrika bin und viel mit Farmarbeiterinnen arbeite, mache ich das jetzt.

taz: Die Region, die Sie koordinieren, besteht aus elf Ländern im südlichen Afrika. 178.000 Frauen gehören zur Rural Women’s Assembly – und Sie sind immer noch ehrenamtliche Koordinatorin?

Mercia Andrews: Bis vor Kurzem war ich das. Ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern, und von Anfang an wollten wir uns nicht offiziell als NGO registrieren. Wir experimentieren damit, was wir anders machen können. Ob wir es schaffen, dass unsere Spendengelder nicht von Büros, Infrastruktur und Angestellten aufgesaugt werden. Aber natürlich, wenn Menschen Geld spenden, erwarten sie ein gewisses Maß an Rechenschaft. Ich habe für eine Non-Profit-Organisation gearbeitet, und die kümmert sich um unsere Buchhaltung. Die Einzige mit einem Vollzeitjob in unserer Bewegung ist die Frau für Presse und Kommunikation, sie sitzt in Sambia.

taz: Wie organisieren Sie Ihre inhaltliche Arbeit?

Mercia Andrews: Unter anderem mit ehrenamtlichen Einsatzteams zu unseren verschiedenen Themen – wie geschlechtsspezifische Gewalt, Zugang zu Land, Öko-Landwirtschaft. Alle Länder sind mit einer Frau in jedem Team vertreten. Diese Gruppen besprechen mit mir, wie wir unsere Strategien voranbringen. Und geleitet wird die Bewegung ebenfalls von einer Gruppe – drei Frauen aus jedem Land, die sich monatlich online treffen und viermal im Jahr an einem Ort zusammenkommen.

taz: Ihre Bewegung bekommt nun den Alternativen Nobelpreis. Was bedeutet das für Sie?

Mercia Andrews: Ich sehe es als große Ehre an, dass wir dafür ausgewählt wurden. Die Auszeichnung wird uns Sichtbarkeit geben. Ich ziehe dafür eine Parallele zu unserer Arbeit mit Saatgut: Wir haben eine Studie über Frauen gemacht, die unser traditionelles Saatgut sichern und das Wissen darüber weitergeben. 700 Frauen in sieben Ländern haben wir interviewt und eine Fotoausstellung mit ihnen gemacht. Bis dahin hatten die Frauen das, was sie tun, gar nicht als ungewöhnlich angesehen.

Es war für sie normal, Saatgut zu bewahren und wütend zu werden, wenn die Regierung ihnen das Sammeln verbieten wollte. Die plötzliche Sichtbarkeit durch unsere Ausstellung eröffnete ihnen eine andere Perspektive und sie fühlten sich geehrt. So ähnlich sehe ich das für uns. Eine Bewegung aufzubauen, die versucht, unsere Länder zu einen – das war nach dem Ende der Apartheid fast so etwas wie eine Notwendigkeit.

Mercia Andrews: Wir mussten neue Perspektiven auftun, um zu merken: Ich bin ein Teil Afrikas, ich bin pan-afrikanisch. Bei uns erleben Frauen zum Beispiel, dass Nguni-Sprachen in vier oder fünf Ländern gesprochen werden. Wir kommunizieren in Englisch, Französisch, Portugiesisch – den Kolonialsprachen. Aber wir kommunizieren auch in den lokalen Sprachen. Auch das war uns wichtig zu zeigen: Wir brauchen, wie Samen, die Möglichkeit zu reisen. Um zu wachsen, zu gedeihen, uns in unserem gemeinsamen Menschsein zu verbinden.

taz: Welche Gemeinsamkeiten haben Sie noch gefunden?

Mercia Andrews: Es ist wieder das Saatgut – die Pflanzen und das Essen verbinden uns. Wir haben gemerkt, dass manche Samen in der ganzen Region denselben Namen haben, und dass wir die gleichen Gerichte damit kochen. Die Verteidigung der Lebensmittel- und Saatgut-Souveränität ist der Schlüssel zu allem, und das eint uns.

Mercia Andrews: Die Verteidigung des Gemeinguts, der Commons, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. In unserer Region geht es dabei hauptsächlich um Land. Etwa in Mosambik darf es eigentlich nicht verkauft werden. Aber man sieht, dass viele dort Land von Chiefs gekauft haben und entlang der Küste große Resorts bauen. Oder in Simbabwe: Man sieht chinesische Firmen kommen und Land aufkaufen. Unsere Herausforderung ist es, das Patriarchat zu bekämpfen und Zugang zu unserem rechtmäßigen Land zu bekommen. Um Frauen Unabhängigkeit geben zu können, aber auch, um unsere regionale Souveränität zu verteidigen. Man kann nicht einfach nach Afrika kommen und die Mineralien abbauen oder unsere Bäume abholzen, und dann tschüss. Auch deshalb sind die Commons ein wichtiges Thema. Hinzu kommen die Folgen der Klimakrise. Wir fragen zum Beispiel: Was für Frühwarnsysteme haben unsere Regierungen implementiert? Da ist nichts – also machen wir eine Kampagne.

taz: Sie beschreiben ihre Bewegung mit „eher laut als radikal“. Was heißt das?

Mercia Andrews: Das ist so ähnlich wie mit der Tatsache, dass wir uns nicht feministisch nennen, obwohl wir das anstreben. Aber mit so vielen Mitgliedern kann man nicht garantieren, dass alle sich als Feministinnen sehen. Wie mit dem Begrif „radikal“: Wir wissen, wenn wir bestimmte Schritte unternehmen, machen wir das als ungleiche Aktivistinnen. Ein radikales Bewusstsein zu entwickeln braucht Zeit. Sich radikal zu nennen, würde bedeuten, dass wir alle am gleichen Ort sind. Wir müssen lernen, bescheiden zu sein bei der Frage, welche Schritte wir unternehmen, um etwas zu erreichen – und wie wir die Menschen dabei mitnehmen.

taz: Wie sehen Sie selbst auf das bisher Erreichte?

Mercia Andrews: Der Kampf für das Recht von Frauen auf Land geht weiter. Aber wir haben schon viel erreicht. Auch in Südafrika, wo viel noch von der weißen kommerziellen Landwirtschaft kontrolliert wird. Wir haben uns gewehrt, haben angefangen, Land zu besetzen und dort Gemüse anzubauen. In Eswatini haben wir gerade einen Prozess gewonnen, da hatten Leute versucht, Bäuerinnen zu vertreiben. Wir haben viel erreicht, und ich glaube, das ist ein Grund dafür, dass wir weiter wachsen – die Frauen sehen den Wert der Gemeinschaft, den Wert des gemeinsamen Lernens, des Strebens nach neuen Ideen. Kürzlich haben wir ein Kochbuch herausgebracht. Wozu soll das gut sein?, könnte man fragen. Aber es ging um unser einheimisches Blattgemüse. Was wächst im Wald, was wir ernten könnten? Die Leute teilen das Wissen ihrer Vorfahren, damit wir davon lernen können. Wir haben ja nicht immer aus dem Supermarkt gelebt.

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Source: taz