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50 Jahre Frauenhäuser in Deutschland: „Hör mal, wir wollen ein Frauenhaus eröffnen“

Tomi Tomek arbeitete im ersten Frauenhaus Deutschlands, das vor genau 50 Jahren entstand. Mit der taz spricht sie über Sicherheit, Solidarität und Mut. mehr...

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taz: Frau Tomek, als 1976 in Berlin das erste Frauenhaus in Deutschland gegründet wurde, waren Sie dabei. Was war das für eine Zeit?

Tomi Tomek: Männergewalt gegen Frauen war sehr präsent, aber offen geredet wurde darüber nicht. „Sie hat das halt provoziert“, hieß es schnell. Ich hatte zuvor als Sozialpädagogin in einem Heim für Wohnungslose in Berlin-Kreuzberg gearbeitet. Da ging es oft rund in den Familien, es wurde viel geschrien. Wenn die Frauen dann mit ihren Kindern zu mir gekommen sind, hatten sie blaue Flecken und haben geweint. Doch in Ruhe reden konnten wir selten, der gewalttätige Mann war ja immer in der Nähe.

taz: Wie wurden Sie Teil der Initiative, die das Frauenhaus gegründet hat?

Tomek: Die bekannte Feministin Ursula Scheu hat mich angerufen. Ich war damals erst 25 und fand sie ganz toll. Sie meinte: „Hör mal, wir wollen ein Frauenhaus eröffnen und brauchen noch eine, die mit den Kindern klarkommt.“ Diese Kinder wurden selbst oft misshandelt oder haben gesehen, wie die Mutter misshandelt wurde – sie wollten also jemanden wie mich, die aus der Praxis kommt. Das fand ich unglaublich spannend. Ich habe dann meinen Job gekündigt und bin dorthin.

ist Sozialpädagogin und Tierschützerin. In den 1970er Jahren arbeitete sie in Berlin im ersten Frauenhaus Deutschlands. Die 74-Jährige lebt heute in der Schweiz und betreibt dort eine Auffangstation für aggressive Katzen.

Tomek: Das Frauenhaus war als Modellprojekt angelegt, die Stadt hat uns eine alte Villa in Grunewald zur Verfügung gestellt. Dort, wo eigentlich die High Society lebt. Es war ruhig, unsere Nachbarn waren Künstler oder Schauspieler. Ich glaube, sogar Romy Schneider hat in der Nähe gewohnt. Wenn man reingekommen ist, war es wie in einem amerikanischen Film: eine riesige Eingangshalle, ein Treppenaufgang rechts und links, im Keller eine große Küche. Vor der Eröffnung am 1. November 1976 mussten wir noch renovieren, Betten besorgen, all das. Aber dann standen im Oktober schon Frauen vor der Tür.

Tomek: Ja. Wenn ich mich richtig erinnere, war die Erste, die zu uns kam, die Ehefrau eines Politikers. „Das ist der Beweis“, haben wir damals gesagt. Es gibt sie überall, die Männergewalt. Damals dachten nämlich viele, das spielt sich vor allem auf der Straße, in Kneipen oder bei Leuten ab, die keine Arbeit, kein Geld oder schwierige Lebensstile haben. Aber der Politiker hat seine Frau eben auch geschlagen – nur immer an Stellen, wo man es nicht sieht – bis sie irgendwann vor uns stand.

taz: Das Frauenhaus war selbstverwaltet. Wie haben sie sich organisiert?

Tomek: Vor Ort war die Hausmutter, Christa Winterfeld. Sie war eine tolle Frau, sehr direkt und sehr stark, sie hat das ganze Haus gemanagt und konnte extrem gut mit den Frauen umgehen. Um die Frauen haben sich Ursula Scheu, Roswitha Burgard und Ruth Nehren gekümmert, für die Kinder und Jugendlichen waren Sylvia Krug, Karin Kaltenberg und ich zuständig. Ilona Böttcher hat das Sekretariat gemacht und die Anwältinnen Ingrid Lohstöter und Alexandra Goy die Rechtsberatung. Wir haben versucht, alle gleich zu sein. Das heißt, es gab sehr viel Kommunikation, wir haben viel diskutiert, viel ausgehandelt. Es war solidarisch.

taz: Was hat das Haus für die Frauen bedeutet, die zu Ihnen gekommen sind?

Tomek: Für die Frauen war das Sicherheit, ein geschützter Raum. Im Frauenhaus konnten sie zum ersten Mal offen reden. Heute gibt es Handys, Instagram, das Internet, um sich auszutauschen und zu informieren – das gab es alles nicht. Wenn also eine Frau bei dir auf dem Zimmer war, die genau dasselbe erlebt hat wie du und davon erzählt, war das damals sehr bedeutsam. Es gab trotzdem auch Streit, die Frauen kamen aus schwierigen Lebenssituationen und aus ganz unterschiedlichen Milieus.

taz: Ein Vorbild für das Berliner Projekt war in London. Erin Pizzey hatte dort bereits 1971 das erste Frauenhaus gegründet. Stimmt es, dass Sie auch im Austausch mit ihr standen?

Tomek: Oh ja. 1977 sind Sylvia und ich zu Erin nach London gefahren. Von dort haben wir viel zurück nach Deutschland gebracht: Wie wir mit Männern umgehen, wenn sie vor dem Frauenhaus auftauchen, oder wie wir die Polizei schulen, damit sie bei Gewalt gegen Frauen sensibilisiert sind. 1979 war ich dann ein halbes Jahr in Denver in den USA in einem Frauenhaus. Dort habe ich das „Assertiveness Training“ kennengelernt – ein Rollenspiel, durch das man lernt, „Nein“ zu sagen. Das haben wir dann hier mit den Kindern, den Frauen und sogar den ehrenamtlichen Helferinnen geübt. Ich glaube, das haben wir alle im Frauenhaus gelernt: sich zu trauen. Sachen zu machen.

taz: Sie sprechen von Männern, die aufgetaucht sind. Auch heute kann die Arbeit in der Gewalthilfe gefährlich sein. Wie bedrohlich war es damals?

Wenn Frauen geschlagen, bedroht oder kontrolliert werden – beispielsweise durch ihren Partner – können sie in einem Frauenhaus Schutz suchen. Dort können sie kostenlos wohnen, bis die nächsten Schritte geklärt sind. Auch für ihre Kinder gibt es Platz.

In Deutschland gibt es nach Schätzungen des Vereins Frauenhauskoordinierung derzeit rund 400 Frauenhäuser mit 7.800 Plätze für Frauen und ihre Kinder. „Zu wenig“, sagen Ex­per­t:in­nen und Verbände. Nach der von Deutschland ratifizierten „Istanbul Konvention zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, fehlen rund 12.000 Plätze in Frauenhäusern hierzulande.Die Bundesregierung hat im Februar 2025 das Gewalthilfegesetz beschlossen. Ab 2032 soll künftig ein Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung geben – die Bundesländer verpflichtet das, ausreichend Schutzeinrichtungen und Beratungseinrichtungen anzubieten.

Sie sind von Gewalt betroffen oder kennen jemanden, die es ist? Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist unter der Nummer 116 016 rund um die Uhr erreichbar. Betroffene aller Nationalitäten, mit und ohne Behinderung, sowie deren Angehörige, Freun­d:in­nen und Fachkräfte werden anonym und kostenfrei beraten – telefonisch und via Online-Beratung.

Tomek: Es war nicht ungefährlich. Die Adresse des Frauenhauses war eigentlich nicht öffentlich, aber irgendwann gab es ein Foto von dem Haus in den Medien – ich glaube, es war in der Bild-Zeitung. Von da an sind immer wieder Männer in der Gegend aufgetaucht, haben das Haus gesucht und manchmal auch versucht hereinzukommen. Manche haben gedroht. Wir haben dann die Polizei eingeschaltet. Einmal war es sehr brenzlig: Ich bin mit einer Frau in ihre Wohnung gegangen, um ihre Sachen zu holen und der Mann stand hinter der Tür in der Küche und hat mir das Küchenmesser an den Hals gesetzt. Ich habe dann Karate-Kurse besucht.

taz: Das klingt belastend. Hatten Sie denn auch externe Unterstützung, Verbündete in der Politik und Gesellschaft?

Tomek: Für das Frauenhaus wurde damals ein Trägerverein gegründet, darin saßen auch Frauen aus der Politik. Das war extrem wichtig, denn sie waren gut informiert und konnten auf der politischen Ebene etwas durchsetzen. Aber diese Verbündeten brauchte es auch in anderen Bereichen: unter Ärzten, bei Sozialarbeitern, Juristinnen, unter Journalisten. Wir haben mit allen ständig geredet, überall Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Und das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet, der Bericht wurde dann der Bundesregierung und dem Berliner Senat vorgelegt. Ich bin sicher, das hat geholfen, dass auch in anderen großen Städten Frauenhäuser eröffnet wurden – andernfalls hätte es noch viel länger gedauert.

taz: Sie sind 1980 in die Schweiz gezogen, arbeiten mittlerweile nicht mehr in der Gewalthilfe, sondern im Tierschutz. Wenn Sie heute, 50 Jahre später, zurückblicken: Was wurde erreicht?

Tomek: Vieles. Gewalt gegen Frauen wird heute öffentlich gemacht, dadurch gibt es auch mehr Reaktionen darauf. Ich glaube auch, dass die Erziehung anders ist – Jungs werden nicht wie früher zur Gewalt erzogen und Mädchen mehr bestärkt. Aber trotzdem ist Männergewalt immer noch ein riesiges Thema, und der aktuelle Maskulinismus-Trend bereitet mir Sorgen. Um Gewalt von Männern zu verhindern, muss schon viel früher angesetzt werden – in Kindergärten und Schulen, bei Rettungshelfern, Polizisten, Sozialarbeitern, in Filmen und Büchern. Das Frauenhaus sollte die letzte Option sein.

Originally published bytaz
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