Germany · taz · 1h
50 Jahre die „Muppet Show“: Queer, multikulti und verdammt woke
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Die politische Stimmung vor 50 Jahren präsentierte sich weltweit ziemlich unerfreulich. Der Vietnamkrieg war zwar vorbei, doch die Diktatur blieb. In Kambodscha errichteten die Roten Khmer unter Pol Pot ihre Schreckensherrschaft. Im Libanon brach der Bürgerkrieg aus, in Argentinien begann die Militärdiktatur, während in den USA Gerald Ford das Land glücklos durch Ölkrise und Rezession führte. Und in Deutschland lief der Stammheimprozess gegen die erste Generation der RAF, was zu massiver weiterer Radikalisierung führte.
Mitten in diese miese Laune platzte im US-Fernsehen am 9. September 1976 ein Frosch. Genauer gesagt waren es ein Frosch, ein Schwein, ein schlecht klavierspielender und noch schlechterer Witze erzählender Bär plus jede Menge weiteres Show-Biz-Getier. Sie warfen sich für die in Serie gehende „Muppet Show“ in Frack und Fummel und ließen die Bühne wackeln. Das war queer, multikulti und, obwohl es all diese Ausdrücke in diesem Sinne noch gar nicht richtig gab, verdammt woke. Vor allem aber war es extrem lustig.
Gaststar der ersten Show war die puerto-ricanische Schauspielerin und Sängerin Rita Moreno, in Folge sieben ließ sich Komponist Charles Aznavour verhohnepipeln, die Schweizer Maskentheatergruppe Mummenschanz trat auf, dazu US-Stars und Sternchen aller Herkünfte und Hautfarben. Am Ende der ersten Staffel gab Peter Ustinov dem Ganzen seinen Segen, aber Waldorf und Statler hatten natürlich trotzdem was zu meckern.
Vielleicht ist es angebracht, sich angesichts der aktuellen Stimmung an der „Muppet Show“ zu orientieren. Denn sie zog wirklich Diskurskorridore auf, war progressiv bis ins Mark, nahm sich dafür selber auf den Arm und gab Grantlern wie Waldorf und Statler sogar jedes Mal einen Logenplatz.
Dilettant*innen aller Länder und Stilrichtungen vereinigten sich, „kulturfremd“ war hier niemand. Die „Muppet Show“ ist vielmehr bis heute der Puppe gewordene Beweis, dass es nur eine Kultur gibt, die alles umfasst und in der fast alles erlaubt ist.
Kurzum, so ziemlich alle durften sich in ihrer Lebensrealität abgeholt, aber nie ganz ernst genommen fühlen. Mit Blick auf die Situation heute ist klar, es braucht eine neue „Muppet-Show“. Zum Auf- und Einreißen der ganzen angeblichen Alternativlosigkeiten und Verstocktheiten. Um endlich wieder ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern und klarzumachen, so mies, wie du guckst, ist es doch gar nicht. „Und das Ganze bitte nicht nur in deiner Nische!“, sagt die Mitbewohnerin. „Menschen lieben Geschichten, einfach, stimmungsvoll und mit tollem visuellen Entertainment.“
Denn das Gefühl, es geht immer nur bergab, hatte auch Kermit bei jeder neuen Show gesagt. Doch es kam immer ganz anders, und auch konservative bis rechtsreaktionäre Gemüter gehörten ganz selbstverständlich dazu.
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Source: taz