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„Wir bleiben ungebrochen!“
In den letzten Monaten häuften sich Erfahrungsberichte von sexualisierter Gewalt durch staatlich Beamte in Deutschland und international. Im Oktober gründete sich die Initiative „Ungebrochen“, um dage
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In den letzten Monaten häuften sich Erfahrungsberichte von sexualisierter Gewalt durch staatlich Beamte in Deutschland und international. Im Oktober gründete sich die Initiative „Ungebrochen“, um dagegen vorzugehen. Über ihre Ziele berichtet Ivan Barker.
Gegen Ende letzten Jahres machten Antifaschist:innen aus Nürnberg patriarchale Polizeigewalt öffentlich. Bei fast wöchentlichen Protesten gegen faschistische Demonstrationen kam es laut den Aktivist:innen immer wieder dazu, dass Beamte gezielt Frauen am Hals packten und sie würgten.
Zu einem ähnlichen Zeitpunkt trat Anna Liedtke, eine deutsche Aktivistin der Frauenorganisation Zora, mit ihrer Erfahrung in israelischer Gefangenschaft an die Öffentlichkeit. Sie war Teil der Freedom Flotilla gewesen, die den Versuch startete, die israelische Seeblockade gegen Gaza zu durchbrechen. Bei einer Konferenz in Paris erklärte Anna in einem Statement, dass sie beim Transfer in ein Abschiebegefängnis während einer Nacktdurchsuchung vergewaltigt wurde.
Die deutsche Aktivistin Paula Maier machte dann im August diesen Jahres öffentlich, dass sie in türkischer Haft von einem Polizeibeamten vergewaltigt wurde. Sie war im Januar Teil einer Solidaritätsdelegation nach Bakur (Nordkurdistan), die vor Ort auf die Bedrohung der kurdischen Autonomieregion Rojava aufmerksam machte. Sie und weitere Aktivist:innen wurden währenddessen in der Türkei inhaftiert und abgeschoben. Auch andere Teilnehmer:innen der Delegation berichteten von Folter während ihrer Zeit in Haft.
Ihre Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Folter und sexualisierte Gewalt werden international von Staaten eingesetzt, um unterdrückte Bevölkerungsgruppen und politische Aktivist:innen zu brechen. Insbesondere kämpfende Frauen werden dabei immer wieder zur Zielscheibe.
Sexualisierter Gewalt und Folter den Kampf ansagen
Um dieser Praxis ein Ende zu bereiten, hat sich im Oktober die Initiative „Ungebrochen – Initiative gegen staatliche sexualisierte Gewalt & Folter“ gegründet. Konkreter Anlass war die Arbeit zu Paula Maier. Ihr Ziel ist es aber, staatliche sexualisierte Gewalt und Folter insgesamt sichtbar zu machen und zu bekämpfen.
Betroffene sollen gestärkt werden, da sie häufig ein Leben lang unter den Folgen der Gewalt leiden. Ihre Erfahrungen öffentlich zu machen erfordert zudem große Anstrengungen, da sie meist angezweifelt und die Verantwortlichen geschützt werden.
Dabei ist Öffentlichkeit ein zentrales Mittel, staatliche sexualisierte Gewalt zurück zu drängen. Gesellschaftliche Isolation, Scham und Angst sollen dafür sorgen, dass das Erlebte auch über den konkrete Tatzeitpunkt hinaus Betroffene darin hindert, Widerstand dagegen zu leisten.
Die Initiative sieht deswegen Frauen und Aktivist:innen in der Verantwortung zu handeln: „Wir dürfen nicht wegsehen, wenn sexualisierte Gewalt und Folter als Instrument politischer Unterdrückung eingesetzt werden. Unsere Solidarität darf nicht bei Worten enden. Wir müssen Betroffene unterstützen, Fälle dokumentieren, Öffentlichkeit schaffen und politischen Druck aufbauen.“ Betroffene sollen dabei nicht auf ihre Erfahrungen reduziert werden, sondern sind ein aktiver Teil der Arbeit.
Widerstand auf allen Ebenen
Konkret hat die Initiative mehrere Ziele festgehalten, die sie mit ihrer Arbeit erreichen will. Neben der Erhöhung der Sichtbarkeit von sexualisierter Gewalt und Folter als eines systematisch eingesetzten Mittels von Staaten gehört auch der Widerstand gegen ihre Normalisierung. Der immer noch normalen Relativierung, Verharmlosung und auch Entpolitisierung der Fälle soll entgegengetreten werden.
Des Weiteren sollen Verantwortliche, das heißt Täter sowie staatliche Institutionen zur Rechenschaft gezogen und unter Druck gesetzt werden, zu handeln. Betroffene sollen in ihren Kämpfen und Forderungen unterstützt werden, sowohl politisch als auch diplomatisch und juristisch. Zu diesem Zweck sollen Berichte zusammengetragen und Zusammenhänge aufgedeckt werden.
Die Arbeit soll dafür auch national und international vernetzt werden. Der Kampf soll gemeinsam mit bestehenden Initiativen, Frauenorganisationen, Menschenrechtsgruppen, Jurist:innen, Journalist:innen und politischen Akteur:innen in Deutschland und anderen Ländern geführt werden. Die Formen können dabei Pressearbeit, öffentliche Veranstaltungen, Demonstrationen und weitere Aktionen sein.
Sexualisierte Folter hat eine lange Geschichte – der Widerstand dagegen auch
Aus Erfahrungen lernen
Die Initiative kann auf eine Geschichte des Kampfes gegen sexualisierte Gewalt und Folter aufbauen. So zum Beispiel auf die Erfahrungen einer Kampagne in der Türkei, die 2000 zur Konferenz „No to Sexual Harassment and Rape in Custody Congress“ führte. Bei dieser Konferenz versammelten sich 138 Frauen, Anwältinnen und Betroffene von sexualisierter Folter, um ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. In der Folge hatten vor allem die Frauen erreicht, dass für mehrere Jahrzehnte Vergewaltigungen in Haft stark zurückgedrängt wurden.
Ein weiteres Beispiel ist die baskische Widerstandskämpferin Nekane Txapartegi, die 1999 von der spanischen paramilitärischen Polizei Guardia Civil entführt und eine Woche lang gefoltert und vergewaltigt wurde. 2007 wurde sie von der spanischen Justiz wegen eines unter Folter erzwungenen Geständnisses in einem Massenprozess zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.
Daraufhin tauchte sie unter und flüchtete in die Schweiz, in der sie 2016 erneut festgenommen wurde. Ihr drohte die Auslieferung, obwohl der Europäische Menschenrechtshof in Strasbourg Spanien bereits mehrfach verurteilt hatte, weil Foltervorwürfe nicht untersucht und die Verantwortlichen nicht angeklagt wurden. Aber Nekane machte ihre Erfahrungen öffentlich, und durch ihren Mut, ein große Welle an internationaler Solidarität und den Druck, der dadurch auf Behörden ausgeübt wurde, konnte ihre Abschiebung verhindert werden.
Diese Beispiele zeigen, dass kollektiver Widerstand, Öffentlichkeit und Solidarität wirken. „Das Ziel der Gewalt ist es, Widerstand zu brechen. Dieses Ziel darf nicht gelingen – und es ist nicht gelungen“, so die Initiative. Gleichzeitig wird es noch ein langer Weg sein, bis staatliche sexualisierte Gewalt und Folter der Vergangenheit angehören werden. Mit „Ungebrochen“ wurde aber bereits ein weiterer wichtiger Schritt dafür gegangen.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 116 vom November 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.
Der Beitrag „Wir bleiben ungebrochen!“ erschien zuerst auf Perspektive.