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Vor der Tarifrunde: Mercedes will drei Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Woche durchsetzen
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Der Vorstand von Mercedes-Benz hat in den laufenden Tarifverhandlungen offiziell die 38-Stunden-Woche für die deutschen Standorte vorgeschlagen. Drei Stunden mehr Arbeit pro Woche, ohne einen Cent mehr Lohn. Diese Forderung nutzt Mercedes als Druckmittel in den anstehenden Tarifverhandlungen.
„Die Arbeitsstunde muss günstiger werden.“ – das gab der Mercedes-Benz-Vorstandschef Ola Källenius in einem Schreiben an die Belegschaft Ende Juni bekannt. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller legte im Handelsblatt-Interview nach und forderte offen die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Das Gesamtbild: Mehr Arbeitsstunden pro Woche, weniger Lohn pro Stunde. Diese Vorhaben spiegeln sich auch in den laufenden Tarifverhandlungen von Mercedes-Benz mit der Gewerkschaft IG-Metall.
Hinzu kommen Verhandlungen über Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie bei der Gewinnbeteiligung. Eine tarifliche Sonderzahlung von 18,4 Prozent eines Monatsgehalts, der sogenannte Transformationsbaustein, wurde im Juli bereits einbehalten – der Konzern erwägt inzwischen, sie ganz zu streichen.
Mercedes reiht sich damit in Maßnahmen seiner Konkurrenten ein. Bei Porsche wurden Sonderzahlungen bereits gekürzt, VW kündigte den Abbau von bis zu 100.000 Stellen sowie die Schließung mehrerer Werke an, und BMW senkte seine Gewinnprognose und kündigte ebenfalls Sparmaßnahmen, sowie Entlassungen an. Mit dieser Welle nahezu zeitgleicher Sparprogramme werden lang erkämpfte Standards in der in der Autobranche flächendeckend abgebaut. Jedoch nicht ohne Gegenwehr der Arbeiter:innen aus den Betrieben, wie Proteste in den vergangenen Wochen zeigen.
Mehr Arbeit bei gleichem Lohn: Bundesweite Massenproteste an Mercedes-Benz-Standorten
Lohngefälle als Druckmittel
Mercedes-Benz nutzt dabei das Lohngefälle im Vergleich zum Ausland als Druckmittel. Das geht unter anderem aus den Äußerungen des stellvertretende Konzernbetriebsratschef Michael Häberle bei einer Kundgebung am Montag vor der Konzernzentrale in Stuttgart-Untertürkheim hervor. In den Gesprächen mit dem Konzern sei offen mit einer weiteren Verlagerung nach Osteuropa gedroht wurden, im Extremfall mit der Schließung eines deutschen Werks samt Motorenfertigung.
An verschiedenen deutschen Standorten zeige das Management Vergleichspräsentationen, in denen die Betonung darauf lege wie viel geringer die Kosten im Ausland seien. In Osteuropa lägen die Lohnkosten rund 75 Prozent niedriger, in den USA knapp ein Fünftel, bei gleichzeitig deutlich längerer Jahresarbeitszeit. Es wird sich auch auf das ungarische Werk Kecskemét bezogen. Während dieses Jahr die deutschen Fertigungskapazität um ein Zehntel gesenkt wurde. wurde dort die Kapazität auf 400.000 Einheiten verdoppelt.
Ein Sprecher des Konzerns bestätigte derweil, dass der Mercedes-Produktionsvorstand gegenüber Beschäftigten die Schließung von zwei Werken in Deutschland angekündigt hat, sollten die hiesigen Kosten nicht reduziert werden. Dabei handle es sich um ein deutsches Aufbauwerk sowie ein deutsches Powertrainwerk.
Aufbauwerke bezeichnen Werke in denen die Autos zusammengebaut werden. In Deutschland gibt es davon eines in Sindelfingen, eins badischen Rastatt und in Bremen. In Powertrainwerken werden hingegen Komponenten für die Autos hergestellt. Diese gibt es in Stuttgart-Untertürkheim, Affalterbach bei Stuttgart, Berlin, Hamburg, Kamenz (Sachsen) sowie Kölleda und Arnstadt (Thüringen).
Die deutsche Autoindustrie setzt auf Osteuropa – wird die Rechnung aufgehen?
Der größere Rahmen: Tarifrunde 2026
Formell laufen die Mercedes-Verhandlungen getrennt von der Tarifrunde für die gesamte Metall- und Elektroindustrie. Sie fallen allerdings genau in deren heiße Phase. Am Dienstag den 22. September beschlossen die regionalen Tarifkommissionen der IG Metall ihre konkreten Forderungen für die rund 3,8 Millionen Beschäftigten der Branche, die Friedenspflicht läuft am 31. Oktober aus. Damit sind Warnstreiks ab dem 01. November möglich – die Tarifverhandlungen beginnen am 07. Oktober.
Die Gewerkschaft fordert mindestens 5 Prozent mehr Lohn und Arbeiter:innen aus unteren Entgeltgruppen sollen bessergestellt werden. Außerdem fordern sie eine tarifliche Sicherung von Zukunft und Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie, wie die konkret aussehen soll ist noch unklar. In sogenannten „Boom-Unternehmen“ fordert die IG-Metall eine Gewinnbeteiligung für Beschäftigte.
Die Arbeiter:innen wehren sich
Im Juli, direkt nach Bekanntgabe der ersten Sparpläne, gingen bundesweit rund 33.000 Beschäftigte auf die Straße. 20.000 davon waren bei einer Kundgebung in Sindelfingen. Auch in einem Bremer Werk Sebaldsbrück legten Beschäftigte die Produktion für anderthalb Stunden lahm.
In Untertürkheim prägte eine Transparent mit dem Schriftzug „Streikbereit“ die Kundgebungen, auch hier steht ein Werk vom Mercedes-Benz. Der Schriftzug ist kein Zufall, sondern erinnert bewusst an 1995, als die 35-Stunden-Woche nach einem siebenwöchigen Streik erkämpft wurde. Den aktuell fordern die Gewerkschaften zumindest in Worten immer wieder auch den Erhalt der 35 Stunden, der sich jedoch bisher nicht in ihrem expliziten Forderungskatalog wieder findet.
Die Proteste in der gesamten Autobranche gehen weiter. Am vergangenen Montag wurde von der IG-Metall zu einem Aktionstag aufgerufen. Es gab interne Betriebsversammlungen, aktive Mittagspausen, Sternmärsche sowie öffentliche Kundgebungen. Dem Protestaufruf folgten laut Gewerkschaft IG Metall rund 175.000 Menschen an 280 Orten. Laut der IG-Metall beteiligten sich Arbeiter:innen von Volkswagen, VW-Tochterfirmen, Zulieferern sowie Partner-Firmen in Entwicklung und Transport. In Salzgitter waren den Angaben zufolge außerdem Beschäftigte von MAN und Bosch dabei.
Auch in Bremen-Hemelingen starteten drei Demonstrationszüge. Laut der IG Metall könnte der Aktionstag sich auf die Produktion im Mercedes Werk ausgewirkt oder deren Produktion sogar zum erliegen gebracht haben. Eine Mercedes-Sprecherin teilte allerdings mit, dass das durch die hohe Flexibilität im Werk ausgeglichen werden könne.
Auch in Emden waren Menschen auf der Straße, hier steht die Schließung eines VW-Werks zur Debatte. Ebenso wie in Hannover, wo eine der größeren Kundgebungen im Stadtteil Stöcken statt fand – es beteiligten sich rund 3.500 Menschen. Stöcken ist einer der VW-Standorte, die schließen könnten, aktuell sind hier 10.000 Personen beschäftigt.
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Source: Perspektive Online