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Vierter Insolvenzantrag: Bei Galeria zahlen am Ende immer dieselben
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Die Warenhauskette Galeria hat zum vierten Mal seit 2020 Insolvenz beantragt. Gläubiger und Staat haben bisher auf fast fünf Milliarden Euro verzichtet – die Beschäftigten auf Lohn und Sicherheit. Ob es diesmal Insolvenzgeld gibt, ist offen.
Galeria hat am Freitag beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Der Betrieb in den 83 verbliebenen Warenhäusern soll vorerst weiterlaufen, teilte das Unternehmen mit. Gründe nannte es nicht. Für die rund 12.000 Beschäftigten, die am Vormittag informiert wurden, ist damit zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren offen, ob ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt und wer in den kommenden Monaten ihre Löhne zahlt.
Der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein kommentierte gegenüber dem Handelsblatt, bei Galeria werde „pünktlich alle zwei Jahre“ die nächste Insolvenz beantragt. Die Chronik stützt diesen Befund: 2020, 2022, 2024, 2026. Jedes Verfahren folgte demselben Muster. Schließungslisten wurden veröffentlicht, Vermieter, Kommunen und Gläubiger zu Zugeständnissen gedrängt, die Beschäftigten verzichteten, der Staat half. Danach dauerte es jeweils rund zwei Jahre bis zum nächsten Antrag.
Wer bisher gezahlt hat
Die Bilanz der drei abgeschlossenen Verfahren lässt sich beziffern: Im Jahr 2020 verzichteten die Gläubiger auf gut zwei Milliarden Euro, 2022/23 auf 1,3 Milliarden, 2024 auf weitere 860 Millionen. Ungesicherte Forderungen wurden zuletzt mit zwei bis dreieinhalb Prozent bedient.
Der Bund stellte seinerseits in den Jahren 2021 und 2022 über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds 680 Millionen Euro bereit, begründet mit den Lockdowns und der Bedeutung der Warenhäuser für die Innenstädte. Davon sind rund 550 Millionen Euro verloren. Hinzu kamen allein aus dem zweiten Verfahren 96,8 Millionen Euro Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit, mit dem drei Monatsgehälter der Belegschaft bezahlt wurden.
Insgesamt summiert sich der Verzicht von Gläubigern und Staat auf fast fünf Milliarden Euro. In jeder Runde schlossen zudem Filialen: im Jahr 2020 rund 40, 2023 standen 47 auf der Liste, 2024 schlossen 9.
Die Insolvenzspirale aus Arbeiter:innensicht
Die Belegschaft ist seit dem Jahr 2019 von rund 32.000 auf 12.000 geschrumpft. Wer geblieben ist, hat Einbußen hingenommen. Schon der Sanierungstarifvertrag von Ende 2019 sah den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld bis 2025 vor. Nach Angaben der Gewerkschaft ver.di verdienen viele Galeria-Beschäftigte heute bis zu rund 30 Prozent weniger als ihre Kolleg:innen im Einzelhandel mit Flächentarif. Ver.di-Vorstandsmitglied Silke Zimmer sprach am Freitag von „haarsträubenden Managementfehlern“ und warf den Gesellschaftern vor, keine nachhaltigen Investitionen getätigt zu haben.
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Besonders unsicher ist diesmal die Frage des Insolvenzgelds. Die Bundesagentur zahlt es für die letzten drei Monate vor Eröffnung eines Verfahrens, wenn die Arbeitgeber:innen zahlungsunfähig sind. Galeria steht jedoch bis Ende Juli 2027 noch unter der gerichtlichen Planüberwachung aus dem dritten Verfahren. Ein Sprecher der Bundesagentur hatte deshalb bereits im Juni erklärt, in diesem Fall sei eine erneute Zahlung mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen, jeder Fall werde aber einzeln geprüft. Laut Handelsblatt wird Insolvenzgeld bei Neustarts üblicherweise fest eingeplant, weil das Unternehmen in dieser Zeit die Lohnkosten spart. Diesmal fehlt dieser Puffer womöglich.
Die Septembergehälter wurden nach Angaben aus Unternehmenskreisen erst am 30. September überwiesen. Nach Handelsblatt-Informationen sollen die Eigentümer im August noch einmal Geld nachgeschossen haben, der Kreditgeber habe danach keine weiteren Mittel gegeben. Diese Angaben beruhen auf Insidern und sind nicht bestätigt. Belegt ist dagegen, dass Galeria laut Branchenkreisen während der Planüberwachung alle Gläubigeransprüche bedient hat – bis zuletzt. Die 160-Millionen-Kreditlinie vom Juni war nach diesen Angaben weitgehend für Altkredite und Mietrückstände verbraucht.
Sollte es sich, wie aus Unternehmenskreisen verlautet, um eine Regelinsolvenz ohne Eigenverwaltung handeln, kann der Insolvenzverwalter Arbeitsverhältnisse mit einer Frist von höchstens drei Monaten zum Monatsende kündigen, unabhängig von tariflichem Kündigungsschutz (§ 113 Insolvenzordnung). Ein Sozialplan im Insolvenzverfahren ist gesetzlich auf zweieinhalb Monatsverdienste je betroffener Person begrenzt (§ 123 InsO).
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SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf forderte nun Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf, für eine Zukunft des Unternehmens zu kämpfen. Die Beschäftigten dürften nicht erneut „jahrelange Managementfehler ausbaden“, sagte er dem Focus. Damit ist die Frage von erneuter staatlicher Hilfe noch am Tag der Insolvenzerklärung im politischen Berlin angekommen.
Der Hebel
Im Juli hatte Galeria 33 Filialen auf den Prüfstand gestellt und deren Fortbestand ausdrücklich an Mietnachlässe und das Entgegenkommen von Vermietern und Kommunen geknüpft. Nur bei neun dieser Häuser läuft der Mietvertrag demnächst aus. Die übrigen 24 ließen sich außerhalb einer Insolvenz nur gegen hohe Abschlagszahlungen beenden. Mit dem Antrag vom Freitag kann Galeria diese Verträge nun einseitig kündigen, mit drei Monaten Frist (§ 109 InsO). Der Vermieter erhält lediglich einen Schadensersatzanspruch als Insolvenzgläubiger, der zu Quoten im einstelligen Prozentbereich bedient würde.
Wie wirksam dieser Druck ist, zeigt Braunschweig. Dort hatte die Volksbank Brawo als Eigentümerin der Karstadt-Immobilie am 24. September nach Angaben der Stadt umfangreiche Zugeständnisse gemacht, der Standort galt als gesichert bis 2028. Acht Tage später stellte Galeria den Insolvenzantrag. Oberbürgermeister Thorsten Kornblum (SPD) nannte das einen „Schlag ins Gesicht“ und warf dem Unternehmen vor, Kommunen mit wiederkehrenden Schließungsankündigungen und Vermieter mit immer neuen Forderungen zu konfrontieren. Ähnliche Zugeständnisse hatten im Jahr 2020 in Frankfurt und 2023 in Bayreuth, Erlangen, Oldenburg, Rostock und Leipzig Häuser von Schließungslisten geholt.
Warum die Kommunen nachgeben
Die Angst der Städte hat eine Grundlage: Nach einer Untersuchung der Stadtplanerin Nina Hangebruch vom ILS-Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung ist die Zahl der Warenhäuser von Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten seit 1994 von 394 auf 83 gesunken. Von den 92 seit dem Jahr 2020 geschlossenen Häusern waren im September 2025 erst zehn nachgenutzt, an 13 liefen Umbauten. Für etwa die Hälfte der leeren Gebäude gäbe es wenig bis kein Interesse.
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Lange Leerstände ziehen laut Hangebruch Frequenz und Image ganzer Innenstädte nach unten. Viele Kommunen treten deshalb inzwischen selbst als Mieter, Zwischeninvestor oder Nutzer auf. Die Hoffnung, leere Kaufhäuser in Wohnraum zu verwandeln, hat sich bislang kaum erfüllt: Eine Studie des Instituts empirica im Auftrag des Immobilienverbands ZIA fand in nur acht von 56 ehemaligen Kaufhäusern Wohnungen, insgesamt rund 350.
Der Deutsche Städtetag forderte im Juli, die betroffenen Kommunen in die Gespräche einzubinden, und warnte vor einer „Abwärtsspirale“. Der Bund hatte im Jahr 2021 das Programm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ mit 250 Millionen Euro aufgelegt. Nordrhein-Westfalen stellte im Jahr 2023 fünf Millionen Euro für Umnutzungskonzepte nach Galeria-Schließungen bereit. Die öffentliche Hand zahlt also an zwei Stellen: für den Erhalt der Häuser und für die Folgen ihrer Schließung.
Die offene Frage
Der Handelsverband Deutschland hatte Galeria im Jahr 2021 gegenüber der Bundesregierung als systemrelevant für die Innenstädte bezeichnet und für das Darlehen geworben. Das Finanzministerium verteidigte die Hilfen noch 2024 mit dem Argument der Innenstadtbelebung. Heinemann erwartet nun erneut massiven politischen Druck aus den Kommunen, so viele Häuser wie möglich weiterzuführen. Er hält Galeria selbst in der bisherigen Form für nicht sanierungsfähig. Johannes Berentzen von der Handelsberatung BBE sieht dagegen 40 bis 50 Standorte als fortführungsfähig an, allerdings nur mit einem strategischen Investor und einem anderen Konzept als dem Vollsortiment.
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Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der die Bundesregierung einen Konsolidierungskurs angekündigt hat und zugleich ab dem 1. Oktober einen Tankrabatt finanziert, der Bund und Länder rund 2,5 Milliarden Euro kostet – jedoch vor allem den Mineralölkonzernen zugute kommt.
Ob der Staat Galeria ein weiteres Mal stützt, ist offen. Sicher ist, wer die Zeit bis zur Entscheidung aushalten muss: 12.000 Beschäftigte, die seit sechs Jahren von Verfahren zu Verfahren leben.
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Source: Perspektive Online