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Kanada und die EU: Alliance for the future?

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EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen bot Kanada eine „assoziierte Mitgliedschaft“ in der EU an, Premier Carney reagierte offen, aber zurückhaltend. Hintergrund sind Zollkonflikte mit den USA und der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von China und den USA. Trump reagierte mit Zolldrohungen. – Ein Kommentar von Enrico Telle.

Am Mittwoch hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) in ihrer Rede zur Lage der Union im Europäischen Parlament in Straßburg Kanada eine „assoziierte Mitgliedschaft“ in der EU angeboten, vor den Augen des kanadischen Premiers Mark Carney.

Der kanadische Premierminister Mark Carney zeigte sich grundsätzlich offen gegenüber dem Vorschlag, Kanada einen Status als assoziiertes Mitglied der Europäischen Union anzubieten. Er erklärte, Kanada begrüße die „Ambition“ des Vorschlags, und sagte im Europäischen Parlament: „Europe and Canada are stronger together.“ Gleichzeitig übernahm Carney nicht ausdrücklich die Bezeichnung „assoziiertes Mitglied“, sondern sprach eher von einer „Allianz für die Zukunft“. Dabei betonte er, dass für Kanada vor allem die konkrete Ausgestaltung einer möglichen Zusammenarbeit entscheidend sei und weniger die Bezeichnung des neuen Status. Wie eine solche Partnerschaft letztlich aussehen könnte, ist derzeit noch offen.

Was eine „assoziierte Mitgliedschaft“ ist, lässt sich bislang nur ungefähr sagen, denn die EU-Verträge sehen einen solchen Status nicht vor. Im Mai schlug Bundeskanzler Friedrich Merz vor, die Ukraine zu einem „assoziierten Mitglied“ der EU zu machen. Das Land solle Beobachterstatus in den EU-Gremien erhalten, schrittweise Zugang zu bestimmten Programmen und gegenseitige Hilfe im Fall eines künftigen Angriffs, argumentierte Merz. Laut Euronews wären die Ukraine in den Gremien Europäischer Rat, Kommission und Parlament vertreten, aber ohne Stimmrecht.

Am Tag nach von der Leyens Vorschlag sprach kanadischer Premierminister Mark Carney selbst vor dem EU-Parlament. Wichtig sei die Unabhängigkeit von den USA und China: „Wer nicht mit am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.“ Einen dritten Supermacht-Block wolle man dennoch nicht aufbauen.

Statt Abhängigkeit von den USA und China: Eigene Bündnisse als Alternative?

Hintergrund des Vorstoßes sind Konflikte zwischen den USA und Kanada. Wenig überraschend ist US-Präsident Donald Trump von dem Vorschlag einer „assoziierten Mitgliedschaft“ Kanadas nicht begeistert. Kurz nach von der Leyens Vorstoß drohte er mit hohen Zöllen, sollte die EU „bad intentions“ (dt.: üble Absichten) haben. Die USA hatten schon zuvor Zölle auf kanadische Importe erhoben, unter anderem wegen des Milchhandels zwischen der EU und Kanada im Rahmen des Freihandelsabkommens CETA. Kanada antwortete mit ähnlich hohen Zöllen.

Kanadas selbstbewusstes Auftreten im Zollstreit mag nach Unabhängigkeit aussehen, tatsächlich gehören die USA und Kanada aber zu den engsten Handelspartnern. 71,7 Prozent der kanadischen Warenexporte gehen in die USA. Diese Abhängigkeit sinkt allerdings: 2024 waren es noch 75,9 Prozent.

Für die EU geht es bei dem Deal mit Kanada vor allen Dingen darum, weniger Produkte und Rohstoffe aus China zu importieren. Die EU importiert derzeit deutlich mehr Waren von China als umgekehrt – und das gefällt der EU anscheinend nicht. Schließlich hat China in den letzten Jahren sowohl militärisch als auch wirtschaftlich enorm aufgeholt und drängt, die USA als Weltmacht zu überholen.

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Anscheinend sind die EU und Kanada weder Anhänger der USA noch China: Schon Anfang des Jahres hatten der kanadische Premier Mark Carney und Bundeskanzler Merz beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärt, die „Mittelmächte“ müssten ihre Position in der Welt behaupten und einen eigenen „Weg der Stärke“ finden, um gegenüber Supermächten wie den USA und China bestehen zu können.

Könnte Kanadas LNG und Öl Europas Energieproblem lösen?

Ihre Zölle begründet die Trump-Regierung meist mit Handelsdefiziten, und um sie auszugleichen, sollen andere Länder mehr in den USA einkaufen. So sagte die EU im Turnberry-Abkommen zu, bis 2028 US-Energie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar zu kaufen, darunter Rohöl und verflüssigtes Erdgas (LNG). Das Turnberry-Abkommen ist ein Deal zwischen den USA und der EU, welcher im Juli 2025 geschlossen wurde und sich für die EU als eher unvorteilhaft erweist.

Die EU hat dabei auch zugesagt, KI-Chips, Rüstungsgüter und Investitionen in den USA zu tätigen. Laut Global Trade Alert liegen die Energiekäufe bisher bei etwa 41 Prozent des Tempos, das für das Ziel nötig wäre. Kritiker:innen hielten die Summe schon bei Abschluss für unrealistisch. Die EU-Kommission kann zwar verhandeln, Energieunternehmen aber nicht zu bestimmten Käufen zwingen.

Energie ist für die EU seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ein Dauerproblem. Will sie vom russischen Gas und Öl wegkommen, braucht sie Alternativen, und der Iran-Krieg verschärft die Lage. Kanadisches LNG ist dafür aber keine einfache Lösung: Es kommt von der kanadischen Westküste, der Transport nach Deutschland ist lang und teuer. US-LNG von der Ostküste ist deutlich attraktiver.

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Auch die LNG-Anlage Ksi Lisims, aus der das Gas stammen soll, hat Haken. Die deutschen Unternehmen SEFE und Uniper haben dafür 20-Jahres-Verträge über zusammen etwa drei Millionen Tonnen pro Jahr abgeschlossen. Eine finale Investitionsentscheidung steht aber noch aus, und ein Spatenstich hat noch nicht stattgefunden. Zum Vergleich: „LNG Canada Phase 1“ brauchte von der Projektankündigung bis zur ersten Ladung 14 Jahre. Hinter Ksi Lisims steht außerdem die texanische Firma Western LNG, die von den US-Fonds Blackstone und Apollo finanziert wird. Die Verträge entsprechen einem Marktwert von etwa 4 Milliarden US-Dollar, der jährliche Gasverbrauch allein Deutschlands liegt bei etwa 80 Milliarden.

Am LNG-Beispiel zeigt sich: Die Annäherung zwischen Kanada und der EU ist neu, das Gefüge im Westen und die Abhängigkeit von den USA dürften sich aber nicht über Nacht ändern. Helfen kann kanadische Energie trotzdem, auch das Rohöl aus den Ölsanden der Provinz Alberta. Es wird zwar größtenteils in den USA raffiniert, doch über sogenannte „Swap“-Geschäfte lassen sich Lieferungen tauschen: Öl oder Gas, das für Europa bestimmt ist, geht gegen Ware, die nach Asien soll. So kann Kanadas Energiesektor, der fast nur die USA und Asien beliefert, den europäischen Markt erschließen.

SAFE: Rüstung als gemeinsames Projekt

Schon vor den Äußerungen von Premier Mark Carney und Kommissionspräsidentin von der Leyen hatte Kanada einen anderen Deal mit der EU geschlossen: den Beitritt zum europäischen Rüstungsprogramm SAFE. Kanada ist das einzige nicht-europäische Land, das in dieser Form Zugang zu diesem Finanzierungsinstrument erhält. Es soll unter anderem Lieferketten stabilisieren und den Aufbau eigener Technologien fördern, um die Abhängigkeit von den USA zu verringern. Das Abkommen wurde Mitte Februar unterzeichnet und sichert kanadischen Unternehmen einen Anteil an einem Markt, der sonst europäischen Firmen vorbehalten wäre.

Für die US-Rüstungsindustrie, die bei SAFE-Aufträgen nur begrenzt zum Zug kommt, schließt ein neues Abkommen zwischen Deutschland und den USA diese Lücke teilweise. Es weitet die gemeinsame Produktion von Patriot-Abfangraketen aus. Außerdem will Deutschland Tomahawk-Marschflugkörper und Typhon-Startsysteme kaufen, wofür laut Medienberichten knapp 3,4 Milliarden Euro eingeplant sind. Geprüft wird, welche Tomahawk-Teile deutsche Firmen liefern könnten, ein möglicher Gewinn für die deutsche Rüstungsindustrie. Eine Lizenz zur Fertigung von Patriot-Abfangraketen, einem Flugabwehrsystem, hatten sich die deutschen Unternehmen MBDA und Rheinmetall bereits gesichert.

Auch Kanada selbst kauft Rüstungsgüter in den USA, vor allem Flugzeuge, und liefert zugleich Triebwerke. Die Lieferketten sind also in mehrere Richtungen verflochten.

Kanada hat auch veröffentlicht, dass es sich ebenfalls um die Aufnahme in die von Großbritannien geführte Militärkoalition Joint Expeditionary Force (JEF) beworben hat.

Kanadas Rohstoffe für EU interessant, aber es mangelt an Weiterverarbeitungsmöglichkeiten

Ein Bereich, in dem die EU laut von der Leyen und Carney gern in Kanada einkaufen würde, sind kritische Rohstoffe. Dazu zählen unter anderem Lithium, Graphit und die Seltenen Erden, die für viele Hightech-Produkte wie Chips, Batterien oder Waffensysteme unverzichtbar sind.

Kanada fördert heute vor allem Kali, Uran, Nickel, Kobalt, Niob und Platinmetalle und stellt Aluminium her. Der Großteil des kanadischen Kalis, das vor allem als Dünger dient, geht in die USA, auch wenn die EU ihren Anteil zuletzt deutlich gesteigert hat. Beim Uran ist Kanada schon heute einer der wichtigsten Lieferanten der EU, die auch hier unabhängiger von Russland werden will.

Bei Graphit, Lithium und Seltenen Erden sieht es anders aus: Die kanadische Produktion und vor allem die Weiterverarbeitung sind noch nicht ausgereift. Es gibt Projekte, aber kaum Raffinerien im industriellen Maßstab. Der Graphitproduktion fehlt zum Beispiel die Veredelung zu Anodenmaterial, das für Batterien gebraucht wird. Das Batterieprojekt von Northvolt ist in Europa wie in Kanada gescheitert. Ein Deal müsste deshalb auch den gemeinsamen Bau von Raffinerien umfassen. Eine Produktion, die die chinesische Marktdominanz brechen könnte, ist noch Jahre entfernt.

Hinzu kommt die Frage der indigenen Rechte: Viele Vorkommen liegen in Gebieten, in denen Indigene nach kanadischem Recht konsultiert werden müssen. Manche Gemeinden lehnen Großprojekte ab und können sie über Jahre verzögern oder verhindern, andere sind selbst Partner.

Kanada und Deutschland rücken bei KI zusammen, bleiben bei Chips aber von den USA abhängig

Auch bei künstlicher Intelligenz haben die EU und Kanada gegenüber den USA einiges aufzuholen. Während OpenAI-Chef Sam Altman dieser Tage dafür wirbt, die Entwicklung besonders leistungsfähiger KI aus Sicherheitsgründen zu drosseln, rücken Kanada und Deutschland enger zusammen: Rund um von der Leyens Ankündigung unterzeichnete der kanadische Konzern Cohere die Vereinbarung zur Übernahme des deutschen Unternehmens Aleph Alpha. Der Zusammenschluss braucht noch die Zustimmung der Behörden.

Auf der kanadischen KI-Konferenz ALL IN in Montreal war Deutschland Ehrengast. Digitalminister Karsten Wildberger und Kanadas KI-Minister Evan Solomon kündigten dort an, die Organisation LawZero des KI-Forschers Yoshua Bengio gemeinsam zu fördern: Kanada will 150 Millionen kanadische Dollar geben, Deutschland 100 Millionen Euro. Zudem vereinbarten die Institute Mila (Kanada) und DFKI (Deutschland) eine Forschungspartnerschaft.

Bei den notwendigen Chips bleiben Kanada, die EU und Deutschland dagegen abhängig von den USA. Solomon räumte selbst ein, dass kanadische Unternehmen und Behörden stark auf amerikanische Technik wie Cloud-Dienste angewiesen sind.

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Source: Perspektive Online