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Gaza in Trümmern, die Welt in Bewegung – drei Jahre nach dem 7. Oktober

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Drei Jahre sind vergangen seit jenem 7. Oktober 2023, als der bewaffnete palästinensische Widerstand in Gaza die Grenzanlagen durchbrach und Israel angriff. Drei Jahre, in denen sich das Gesicht der Region und der Welt verändert hat und in denen eine der größten imperialistischen Verbrechen der jüngeren Geschichte über die Palästinenser:innen hereinbrach. Zeit für eine Bilanz: Was geschah wirklich? Wem nützte es? Und was bleibt? – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.

Festzuhalten ist zunächst: Der Angriff vom 7. Oktober war keine spontane Aktion einer einzelnen Gruppierung. Es handelte sich um eine koordinierte militärische Operation verschiedener palästinensischer Widerstandsorganisationen und nicht nur der Hamas, sondern auch anderer bewaffneter Gruppen. Die Operation durchbrach die israelischen Sperranlagen, griff Militärstützpunkte und Siedlungen an und nahm Zivilist:innen als Geiseln. Ihre unmittelbare Wirkung blieb begrenzt: Israel erholte sich militärisch schnell, die politische und militärische Führung des Widerstands wurde weitgehend zerschlagen oder in den Untergrund gedrängt.

Dass zu dem Zeitpunkt besonders islamisch-fundamentalistische Gruppierungen wie die Hamas den Widerstand anführten – und nicht etwa sich am Marxismus orientierende Kräfte wie in den 70er Jahren – schlug sich auch in den Geschehnissen vom 7. Oktober nieder. Besonders die Massaker an der Zivilbevölkerung, beispielsweise an feiernden Jugendlichen auf dem „Supernova“-Festival oder das Töten von Anti-Besatzungs-Aktivist:innen, stehen ohne Zweifel einer Verbrüderung der Völker der Region im Weg. Und doch berichtete selbst der Spiegel darüber, wie Netanjahu die Hamas regelrecht aufpäppelte. Dass zahlreiche palästinensische Widerstandsorganisationen einen eher reaktionären Hintergrund haben, ist nicht einfach reiner Zufall.

Wer ist die Hamas?

Doch die politische Bedeutung des 7. Oktober liegt nicht nur in dem, was an diesem Tag geschah, sondern auch in dem, was daraus gemacht wurde. Israel nutzte den Angriff als casus belli – als Kriegsgrund-, um eine Strategie fortzuführen, die bereits vor dem 7. Oktober angelegt war: die Vernichtung des Gazastreifens als lebensfähiger palästinensischer Raum. Die massiven Bombardierungen, die Bodenoffensive, die Zerstörung von Wohnvierteln, Krankenhäusern und Schulen – all das war keine spontane „Reaktion“, sondern die Umsetzung eines weiteren Schrittes der längst von Teilen der israelischen Politik gefordert wurden. Der 7. Oktober lieferte die Legitimation für das, was folgte.

Die Mythen und ihre Funktion

Um diesen Tag ranken sich bis heute unzählige Mythen. Von „geköpften Babys“ war die Rede, von systematischer Vergewaltigung als Kriegswaffe, von einer Bedrohung, die Israel existenziell gefährdet habe. Einiges davon erwies sich als falsch oder maßlos übertrieben. Die Untersuchungen von Al Jazeera und anderen haben auch gezeigt: Es kam zu schweren Menschenrechtsverletzungen durch Hamas-Kämpfer und andere Beteiligte. Dennoch, die Darstellung einer monolithischen, von langer Hand geplanten „Terrororgie“ diente vor allem einem Zweck: der Rechtfertigung der israelischen Vergeltung.

Was geschah am 7. Oktober 2023? – Mythen und Fakten

Diese Mythen sind kein Zufall. Sie erfüllen eine Funktion. Sie sollen den Bruch markieren, der den 7. Oktober von allem Vorherigen unterscheidet und damit die anschließende Gewalt als beispiellos, als notwendig, als gerecht erscheinen lassen. Doch die Wahrheit ist: Die israelische Besatzung, die Blockade Gazas, die systematische Entrechtung der Palästinenser:innen – all das existierte lange vor dem 7. Oktober. Das militärische Ausbrechen war eine Reaktion auf diese Realität.

Netanjahu wusste Bescheid – und ließ es geschehen

In den vergangenen Monaten sind neue Informationen ans Licht gekommen, die das Bild weiter verschieben. Der israelische Journalist Schlomi Eldar veröffentlichte in Haaretz eine Recherche, wonach Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits Ende September 2023 – also kurz vor dem Angriff – von den militärischen Plänen der Hamas wusste. Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Zayed, hatte ihn in einem 45-minütigen Telefonat gewarnt. Netanjahu habe geantwortet, er habe „die Lage unter Kontrolle“.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die israelische Führung über die Pläne informiert war und nichts tat. Mehr noch: Sie verweigerte Verhandlungen, die Sinwar – damals Hamas-Führer in Gaza – über eine Lockerung der Blockade und einen Gefangenenaustausch angeboten hatte. Zweimal, 2018 und 2023, scheiterten diese Gespräche an Netanjahus Weigerung, in Verhandlung zu gehen.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um daraus einen Schluss zu ziehen: Der 7. Oktober kam Netanjahu gelegen. Er lieferte den Vorwand für die vollständige Zerstörung Gazas, für die Vertreibung der Bevölkerung, für die Zerschlagung des palästinensischen Widerstands, aber auch die Stärkung der eigenen politischen Kräfte – Ziele, die weit über eine bloße „Vergeltung“ hinausgingen.

Ein Verbrechen, das sein Ziel nicht ganz erreichte

Seit Beginn der israelischen Gegenoffensive unter dem Namen „Operation Eiserne Schwerter“, welche noch am 7. Oktober 2023 selbst mit 16 Tonnen abgeworfenem Sprengmaterial startete, ist im Gazastreifen geschehen, was Beobachter:innen als Völkermord bezeichnen. Über 41.000 Menschen wurden bis Oktober 2024 gesichert direkt getötet, 44 Prozent von ihnen Kinder. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen. Ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht. Krankenhäuser, Schulen, Universitäten – zerstört. Die verbliebene Bevölkerung lebt in Trümmern, unter ständiger Bedrohung, ohne ausreichende Versorgung und der Witterung ausgesetzt. Die Toten aufgrund dieser Realität steigen bisher auch jeden Tag immer mehr.

Und doch: Das Ziel, den palästinensischen Widerstand zu vernichten, wurde nicht erreicht. Die islamisch-fundamentalistische Hamas ist militärisch geschwächt, ihre Führung dezimiert, aber sie existiert weiter. Der Widerstand hat sich transformiert, dezentralisiert, neue Formen angenommen. Die Idee, für die er steht, nämlich das legitime Recht der palästinensischen Bevölkerung auf Selbstbestimmung, ist nicht verschwunden. Sie ist in den Trümmern lebendig geblieben.

Das ist die entscheidende Ironie: Israel hat Gaza zerstört, um den Widerstand zu vernichten. Aber es hat einen Widerstand geschaffen, der nun in der ganzen Welt Resonanz findet. Die Palästina-Solidaritätsbewegung in Deutschland und international hat seit dem 7. Oktober einen Aufschwung erlebt, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht gab. Der Funke ist übergesprungen – von Gaza auf die Universitäten, auf die Straßen, auf eine neue Generation.

Das Vermächtnis des 7. Oktober

Der „Friedensplan“ als Fortsetzung des Krieges

Ende 2025 präsentierte US-Präsident Donald Trump seinen „20-Punkte-Plan“ für Gaza. Ein „historisches Abkommen“ zur „vollständigen Abrüstung“ der Hamas, so Trump. Doch was folgte, war keine Waffenruhe im eigentlichen Sinne. Die Angriffe gingen weiter – wenn auch mit geringerer Intensität. Der Fokus verschob sich: von der massiven Bombardierung auf Vertreibung, auf Siedlungsbau, auf die schrittweise Zementierung der Besatzung.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Ausmaß. Seit der sogenannten Waffenruhe im Oktober 2025 wurden weitere 1.394 Palästinenser:innen getötet, berichtet UNRWA. 94 Prozent der Bevölkerung benötigen humanitäre Hilfe für Unterkünfte.

Knapp ein Jahr danach: Israel greift Gaza trotz Trumps 20-Punkte-Plan weiter an

Im Westjordanland hat sich die Lage ebenfalls dramatisch verschlechtert. Über 1.600 Siedlerangriffe wurden in diesem Jahr registriert, durchschnittlich 6,7 pro Tag – ein Anstieg gegenüber fünf pro Tag im Jahr 2025. Mehr als 4.300 Palästinenser:innen wurden vertrieben. Israel hat Ausschreibungen für 1.234 Wohnungen im Gebiet E1 nahe Ostjerusalem veröffentlicht – ein Projekt, das das Westjordanland faktisch teilen würde.

Staaten außerhalb von der Region, allen voran die USA, verwalten diesen Prozess. Der „Friedensrat“, dem Trump vorsteht, umfasst Persönlichkeiten wie Tony Blair, Jared Kushner und Marco Rubio. Es ist ein Gremium, das die Interessen des Imperialismus vertritt, nicht die der Palästinenser:innen. Der „Friedensplan“ ist keine Abkehr von der Gewalt, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln und Legitimierung auf internationaler Bühne.

Die Wahlen in Israel – „Bibi“ unter Druck

Ende Oktober 2026 finden in Israel Parlamentswahlen statt. Benjamin Netanjahu steht innenpolitisch unter Druck. Die neue Recherche über sein Wissen um die Angriffspläne könnte ihm gefährlich werden. Die Angehörigen der Geiseln, die Überlebenden der betroffenen Gemeinden, weite Teile der israelischen Gesellschaft fordern Aufklärung. Netanjahu hat bislang jede Untersuchungskommission blockiert, die seine persönliche Verantwortung klären könnte.

Völkermord in Wort und Tat: Ben-Gvir zeigt das wahre Gesicht Israels

Doch wer glaubt, mit Netanjahu werde der radikalste Flügel der israelischen Politik abgewählt, irrt. Das Gegenteil ist der Fall: Rechts von ihm wachsen Kräfte, die noch aggressivere Forderungen erheben. Offene Vertreibungsfantasien, die vollständige Annexion des Westjordanlands, die Wiedererrichtung zionistischer Siedlungen in Gaza – Positionen, die vor wenigen Jahren noch als zu offen radikal oder unpraktisch galten, sind heute Teil des Mainstreams.

Der Wahlkampf wird auf dem Rücken der Palästinenser:innen ausgetragen, und die Frage ist nicht, ob die Besatzung fortgesetzt wird, sondern wie brutal. Für die Palästinenser:innen bedeutet das: Egal, wer in Israel die Regierung bildet – die Verantwortlichen für das Verbrechen von Gaza werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil. Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende und Schritte, die zu einem friedlichen und gleichberechtigten Zusammenleben der verschiedenen Völker in Westasien führen, müssen erst gegangen werden.

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Source: Perspektive Online