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Über 400 Menschen bei Schweigen Brechen Konferenz: „Uns macht nicht nur das aus, was wir erlebt haben“
Staatliche sexualisierte Gewalt soll einschüchtern, erniedrigen und politischen Widerstand brechen. Auf der Konferenz „110 Gründe, das Schweigen zu brechen“ machen Betroffene ihre Erfahrungen öffentli
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9 Uhr morgens, Berlin-Kreuzberg. Es nieselt leicht, vor dem Veranstaltungsort hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Hunderte Menschen warten auf den Einlass zur Konferenz „110 Gründe, das Schweigen zu brechen“. Hier sollen an diesem Tag Erfahrungen geteilt werden, über die sonst geschwiegen wird: sexualisierte Gewalt durch die Polizei, bei Demonstrationen, Festnahmen, in Gewahrsam und Gefängnissen. Doch es soll nicht allein um das Erlebte gehen.
Erfahrungen über Grenzen hinweg
Schon im ersten Panel wird deutlich, dass sexualisierte Polizeigewalt nicht an Ländergrenzen halt macht. Frauen aus unterschiedlichen politischen Kämpfen berichten über Repression in der Türkei, im Baskenland, im Iran und auf den Philippinen. Die konkreten Erfahrungen mögen sich unterscheiden, doch in ihrem Zweck scheinen sie gleich zu sein: sexualisierte Gewalt als Mittel, Frauen zu demütigen, einzuschüchtern und ihren politischen Widerstand zu brechen.
Besonders eindrücklich schildert die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi, dass der Staat ihren Körper in ein patriarchales Kampffeld verwandelt habe: „Weil ich ein Körper im Widerstand war und bin.“ Sie erzählt jedoch nicht nur von der Gewalt, sondern auch von dem, was ihr danach Kraft gegeben habe: die Solidarität ihrer Genossinnen. Sie habe nicht beweisen müssen, was ihr widerfahren war. Es habe gereicht zu wissen, „dass ich eine von euch bin“.
Auch die Vertreterin von Sosyalist Kadın berichtet davon, wie schwer es lange Zeit war, sexualisierte staatliche Gewalt öffentlich zu machen. Scham und Vorstellungen von „Ehre“ hätten auch in den eigenen politischen Zusammenhängen zum Schweigen beigetragen. Die Veröffentlichung der Erfahrungen einer Betroffenen wurde zum Wendepunkt. Frauen begannen, die Scham nicht länger selbst zu tragen, sondern sie dorthin zurückzugeben, von wo die Gewalt ausgeübt wurde – dem Staat.
„In der Türkei ist sexualisierte Gewalt Staatsdoktrin“, sagt die Rednerin von Sosyalist Kadın. Die Täter würden dabei durch staatliche und juristische Strukturen geschützt: Ermittlungen blieben aus, Verfahren verjährten und Folter werde nicht ausreichend dokumentiert.
Von ähnlichen Mechanismen erzählen die Berichte aus dem Iran und von den Philippinen. Prisoners Dialogue berichtet von sexualisierter Gewalt gegen politische Gefangene und sogenannten Jungfräulichkeitstests.
Auch die Vertreterin der philippinischen Frauenorganisation Gabriela macht deutlich, wie fest verankert diese Gewalt in staatlichen Institutionen sei und wie sie öffentlich als legitime Vorgehensweise gegen widerständige Frauen dargestellt werde. Sie zitiert Aussagen des philippinischen Militärchefs, der fordert, „Widerstandskämpferinnen in die Vagina zu schießen, um sie unbrauchbar zu machen“.

Die Berichte sind bewegend. Trotzdem entsteht im Raum in keinem Moment eine Stimmung der Ohnmacht. Denn jede Erzählung über Repression ist zugleich eine Erzählung darüber, wie Frauen sich dagegen zusammengeschlossen haben.
„In diesem Moment der Geschichte stehen wir im Kampf und in der Positionierung gegen Krieg, Völkermorde und Faschismus auf der richtigen Seite. Sie können unseren Kampf, unseren Widerstand und unsere Leidenschaft für die Freiheit nicht verhindern“, beendet die Vertreterin von Sosyalist Kadın ihren Beitrag und erntet dafür lauten Applaus.
Und in Deutschland?
Nach der Pause richtet sich der Blick auf Deutschland. Betroffene und Organisationen berichten über sexualisierte Polizeigewalt hierzulande. Der Palästina-Rechtsfonds 3ezwa thematisiert etwa, wie eng antimuslimischer Rassismus und sexualisierte Gewalt zusammenwirken können – beispielsweise, wenn Polizisten Frauen das Kopftuch herunterreißen.

Immer wieder geht es um die Frage, was nach einem Übergriff geschieht: Spricht eine Betroffene öffentlich darüber? Was bedeutet es, sich gegen eine staatliche Institution zu stellen? Und wie lässt sich verhindern, dass Scham und Angst Betroffene isolieren?
Eine Betroffene beschreibt den Schritt in die Öffentlichkeit als schwierig, aber befreiend. Die eigene Erfahrung öffentlich zu machen, wird damit selbst zum Schritt in die Offensive. „Wir tragen nach außen, was passiert ist. Und genauso tragen wir unseren Willen nach außen, dass wir dagegen kämpfen, dass so etwas nochmal jemand anderem passiert“, betont Anna von ZORA. „Es gibt uns gegenseitig Kraft und bestärkt uns darin“, fährt sie fort.
Auch die Moderatorin macht deutlich, dass die Beiträge der Veranstaltung das Gegenteil dessen gezeigt hätten, was Frauen häufig zugeschrieben wird: „Frauen gehen nach vorne.“
Für Paula Maier von der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) hat dieser Kampf ein klares Ziel: „Wir müssen eine klare Perspektive vor Augen haben – die Perspektive von befreiten Frauen in einer befreiten Gesellschaft.“ Am selben Morgen wurde die Initiative Ungebrochen gestartet, die auf Paulas Fall und andere Fälle sexualisierter Folter aufmerksam machen soll.

Sexualisierte Polizeigewalt, so wird auf dem Panel diskutiert, soll Frauen nicht nur im konkreten Moment erniedrigen. Sie soll einschüchtern und davon abhalten, politisch aktiv zu sein. Umso stärker wird die Öffentlichkeit selbst zum Ort des Widerstands. „Uns macht nicht nur das aus, was wir erlebt haben, sondern das, wofür wir kämpfen und dass wir uns von nichts und niemandem aufhalten lassen“, sagt Anna.
Die Stimmung im Raum verdichtet sich. „Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben, lasst uns das System aus den Angeln heben“, rufen hunderte Teilnehmer:innen.
Gleichzeitig richtet sich der Blick nach innen. „Wir müssen schmerzhafte Ehrlichkeit lernen“, sagt Maier. Es gehe darum, Strukturen zu schaffen, in denen Betroffene sprechen können und ihnen geglaubt wird.
„Mich wird kein Bulle davon abhalten“
Im letzten Panel öffnet sich die Diskussion für die über 400 Teilnehmer:innen. Nun sprechen nicht mehr nur die eingeladenen Referentinnen. Teilnehmer:innen aus dem Publikum teilen eigene Erfahrungen mit sexualisierter und rassistischer Polizeigewalt.

Eine junge Frau erzählt von einer Demonstration: „Während ich eingereiht mit meinen Genoss:innen stand, kamen Bullen auf mich zu. Sie rissen mir die Kufiya vom Kopf – doch damit nicht genug.“ Während die Polizisten an ihr zerren, reißen sie auch ihr Kopftuch herunter. Mit solcher Gewalt, dass es dabei zerreißt.
Auch ein migrantischer junger Mann berichtet von rassistisch motivierter, sexualisierter Polizeigewalt, die er während einer Blockade im Zuge des Rheinmetall-Entwaffnen-Camps erlebt hat. Polizisten treten ihm mehrfach in den Genitalbereich, um ihn aus der Blockade zu lösen. Bei der anschließenden erkennungsdienstlichen Behandlung folgen weitere Übergriffe.
Die persönlichen Berichte sind emotional und ergreifend. Gleichzeitig bleibt der Austausch nicht bei der Schilderung des Erlebten stehen. Betroffene machen deutlich, was die Gewalt für ihren politischen Aktivismus bedeutet: „Mich wird kein Bulle davon abhalten, mit meinen Schwestern Seite an Seite auf der Straße zu stehen.“
„Du musst aufrecht bleiben, du musst aufrecht stehen, du darfst dich hier nicht kleinkriegen lassen“, fordert eine andere.
Am Ende steht die Aufforderung, sich zusammenzuschließen, Erfahrungen öffentlich zu machen und sich gemeinsam zu organisieren. Sexualisierte Polizeigewalt soll nicht länger etwas sein, mit dem Betroffene allein bleiben müssen. Damit führt die Diskussion zurück zu dem Anspruch, mit dem die Konferenz am Morgen begonnen hat: das Schweigen zu brechen und gemeinsam zu kämpfen.

Gemeinsam gegen das Schweigen
Dass die Konferenz nicht als einmalige Veranstaltung verstanden werden soll, zeigt die verabschiedete Resolution: Die Organisator:innen kündigen die Gründung einer Initiative gegen sexualisierte Polizeigewalt an. Fälle sollen öffentlich gemacht, Betroffene nicht allein gelassen und gemeinsame Antworten auf staatliche Repression organisiert werden.
Damit bleibt die Konferenz nicht bei der Dokumentation von Erfahrungen stehen. Denn das Schweigen wird nicht nur gebrochen, sondern politisch beantwortet. Wer sexualisierte Gewalt als Mittel der Einschüchterung einsetzt, setzt darauf, dass Betroffene schweigen, sich zurückziehen und vereinzeln. Die Antwort der Konferenz ist eine gegenteilige: Öffentlichkeit, Solidarität und Zusammenschluss.
Am Ende geht es also um mehr als nur über das Geschehene zu sprechen. Es geht darum, sich die eigene Stimme und den eigenen politischen Raum nicht nehmen zu lassen. Die Betroffenen schließen sich zusammen und leisten Widerstand. Und genau darin liegt die Botschaft der Konferenz: Die Betroffene sind nicht nur diejenigen, denen etwas widerfahren ist. Sie sind diejenigen, die die für eine Gesellschaft kämpfen, in der solche Gewalt keinen Platz mehr hat.
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