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WSI-Verteilungsbericht | Kleine Statistik der Ungleichheit
Die Einkommensunterschiede in Deutschland sind auf dem zweithöchsten Stand seit 1992. Das liegt am schwächelnden Sozialsystem und birgt Zündpotenzial.
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Die Armut nimmt zu und die untere Mittelschicht schrumpft. Foto: dpa/Maurizio Gambarini; Jens Kalaene Teilhabe, Zufriedenheit, Lebenserwartung – vieles hängt bekanntlich mit dem Einkommen zusammen. Es ist jedoch immer ungleicher verteilt, wie aus einem Bericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervorgeht. Die Einkommensungleichheit befindet sich in Deutschland auf dem zweithöchsten Niveau seit 1992. Ab 1992 liegen Daten der OECD vor, mit denen das WSI arbeitete.
Das bedeutet: Immer mehr Menschen rutschen in die Armut ab, Aufstiege aus der unteren Mitte werden seltener. »Die permanente Aufforderung, mehr zu arbeiten, geht an den Erfahrungen vorbei. Das Wohlstandsversprechen ist für viele keine Realität mehr«, erklärt WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch bei der Vorstellung des Berichts am Donnerstag. »Das hat das Potenzial, die Gesellschaft zu destabilisieren.«
Zwar sank die Lohnungleichheit in der vergangenen Dekade. Das hängt vor allem mit der Einführung des Mindestlohns 2015 von damals 8,50 Euro zusammen, wie die Autor*innen des Berichts, Dorothee Spannagel und Claus Schäfer, ausführen. Bis dahin gab es in der Bundesrepublik aufgrund der Hartz-IV-Reform einen im internationalen Vergleich großen Niedriglohnsektor. Das Einkommen setzt sich aber aus Mieteinnahmen, Dividenden, Gewinnen aus Betriebsvermögen, Erwerbseinkommen und staatlichen Transferleistungen zusammen. Mechanismen wie der Mindestlohn können deshalb den unteren Rand der Lohnverteilung begrenzen, nicht jedoch jenen der Einkommensverteilung.
»Armut und Reichtum lassen sich genauso wenig objektiv feststellen wie die Schwelle, ab der zu viel Ungleichheit erreicht ist«, stellen die Autor*innen des Verteilungsberichts des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts fest. Gängigerweise sind in Berechnungen jene Haushalte arm, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens besitzen. Das entspricht derzeit bei einer allein lebenden Person einem jährlichen Nettoeinkommen von weniger als 15.673 Euro. Jene Haushalte mit mehr als 200 Prozent des Medianeinkommens sind nach dieser Definition reich, zurzeit liegt der Betrag bei 52.244 Euro netto im Jahr. Dazwischen liegt die Mittelschicht. Das Institut für Wirtschaftsforschung (IW) wiederum zieht die Grenze zum Reichtum erst bei 250 Prozent des Medianeinkommens. Dadurch ist die Mittelschicht in IW-Berechnungen breiter und über längere Zeitperioden stabil.
»Löhne sind ein wichtiger Mechanismus, um Ungleichheit zu senken«, so Spannagel. »Aber eben nur einer von mehreren, weil viele Menschen nicht auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind.« Für die Erwerbsbevölkerung gilt: Je ausgeglichener die Lohnverteilung ist, desto weniger müssen die sozialen Sicherungssysteme und das Steuersystem korrigierend eingreifen. Menschen im Ruhestand oder Erwerbslose sind bei jenen Entwicklungen dagegen außen vor.
Ab 2010 hielten Renten und das sogenannte Arbeitslosengeld nicht mehr mit der relativ starken Entwicklung von Löhnen und mittleren Einkommen mit, sie sicherten kein Leben oberhalb der Armutsgrenze mehr. Außerdem waren immer mehr Menschen, auch aufgrund mangelnder Möglichkeiten zur Kinderbetreuung, in Teilzeit beschäftigt. Darum die höhere Einkommensungleichheit trotz mehr Fairness bei den Löhnen.
Während die obere Mittelschicht seit 1992 einigermaßen stabil blieb, schrumpfte die untere Mittelschicht deutlich. Am unteren Rand sind mehr Menschen arm, ihr Anteil stieg um 76 Prozent, von 5,9 auf 10,4 Prozent. Der Anteil der Reichen blieb einigermaßen stabil, jener der sehr Reichen hat sich dagegen beinahe verdoppelt. Spitzeneinkommen profitierten mehr von wirtschaftlich starken Jahren und waren weniger von Krisen betroffen. Diese Entwicklung wäre deutlich ausgeprägter, wenn auch Vermögen einberechnet würden. »Armut hat sich vertieft, die untere Mitte ist unter Druck geraten, Reichtum konzentriert sich zunehmend an der Spitze«, lautet das Fazit von Spannagel und Schäfer in dem Bericht. »Die Einkommensverteilung polarisiert zunehmend.«
Soziale Ungleichheit lässt sich nur rechtfertigen, solange der Wettbewerb gerecht erscheint.
Das WSI sieht die Entwicklung sowohl ökonomisch als auch politisch problematisch. Ökonomisch, weil höhere Einkommen die Nachfrage stärken. Politisch, weil Zweifel an der gerechten Verteilung das Vertrauen in die Demokratie schwächen können. Die soziale Ungleichheit in der Leistungs- und Wachstumsgesellschaft lässt sich nur so lange rechtfertigen, wie der Wettbewerb gerecht erscheint – Stichwort: Alle haben dieselben Chancen auf Wohlstand. Funktioniert das nicht, gerät die entscheidende Legitimation des demokratischen Systems ins Wanken.
Die derzeitigen Entwicklungen im Sozialsystem sind ein Grund zur Sorge für das WSI. Die neue Grundsicherung setzt verstärkt auf eine schnellere Vermittlung in Erwerbsarbeit. Zwar gibt es heutzutage anders als zu Zeiten von Hartz IV den Mindestlohn, der die Ausweitung des Niedriglohnsektors in einem gewissen Maß abfangen sollte. Zurzeit liegt er bei 13,90 Euro, 2027 steigt er auf 14,60 Euro. Dennoch befürchten die WSI-Forscher*innen, dass dies den Druck auf untere Segmente des Erwerbsarbeitsmarkts erhöhen und so die Ungleichheit weiter fördern könnte.
Im Hinblick auf die anstehende Rentenreform sei noch vieles unklar, so Spannagel zu »nd«. Von der geplanten Erhöhung des Renteneintrittsalters und der vorgeschlagenen Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63 dürften eher negative Effekte ausgehen. »Viele Menschen, gerade solche in schlechter bezahlten Berufen mit schlechteren Arbeitsbedingungen, sind hiervon negativ betroffen.« Die diskutierten Freibeträge für die gesetzliche Rente in der Grundsicherung könnten jedoch dazu führen, dass die Rente »wieder etwas armutsfester« werde. Sollten dagegen die aktuellen Kürzungsdebatten den Sozialabbau vorantreiben, könnte das die Ungleichheit verschärfen, warnt Kohlrausch.
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