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Welttag der Suizidprävention | Häufigste Todesursache bei jungen Leuten

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An »Hotspots« sollen Barriren errichtet werden. Foto: dpa/Bastian Benrath Über einen Zeitraum von viereinhalb Jahrzehnten betrachtet haben sich in Deutschland insgesamt immer weniger Menschen pro Jahr das Leben genommen. Von 1981 bis 2019 hatte sich die Gesamtzahl der jährlichen Suizide sogar mehr als halbiert. Doch seither steigt sie wieder an. Im Jahr der »Zeitenwende« 2022 fiel dieser Anstieg mit 9,8 Prozent am stärksten aus: von 9215 »Fällen« im Vorjahr auf 10 119. Seither sind es wieder konstant mehr als 10 000 Menschen, die hierzulande ihr Leben durch Suizid beenden. Die Zahl der Suizidversuche liegt um ein Vielfaches höher.

Wie gefährdete Menschen besser und früher erreicht und Hilfsangebote ausgestaltet werden könnten, darüber diskutierten Fachleute und Hinterbliebene aus Selbsthilfekreisen Anfang der Woche in den Räumen der Kaiserin-Friedrich-Stiftung für ärztliche Fortbildung in Berlin – auch mit Blick auf den Welttag der Suizidprävention, der jedes Jahr mit ökumenischen Gedenkgottesdiensten, Podiumsdiskussionen und Infoständen am 10. September begangen wird.

In diesem Jahr steht er vielfach unter dem Motto der Kampagne »Deine Geschichte ist nicht zu Ende«, mit der eine Arbeitsgruppe des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (Naspro) »crossmedial« verschiedene Alters- und Zielgruppen ansprechen will. Denn bei jungen Menschen im Alter von zehn bis 25 Jahren ist Suizid die häufigste Todesursache – Ältere, die sich das Leben nehmen, sind aber insgesamt in der Mehrzahl.

10 372 vollendete Suizide – von »Selbstmord« wollen Fachleute für mentale Gesundheit und Betroffene, die suizidale Gedanken haben oder hatten, nicht sprechen, weil dadurch Verzweiflung in die Nähe von Verbrechen gerückt wird – gab es im Jahr 2024. Dass für 2025 noch keine Zahlen vorliegen, weil die Todesursachenstatistik jeweils erst in der zweiten Hälfte des Folgejahres erscheint, war nur einer von vielen Kritikpunkten auf der zweitägigen Fachtagung »Suizidprävention wirksam verankern – aufklären, qualifizieren, Reichweite erhöhen, Dialog fördern«. Veranstaltet wurde sie vom Naspro, das als Fachnetzwerk 2001 in Kooperation mit dem Bundesgesundheitsministerium unter Ulla Schmidt (SPD) und der WHO Europe gegründet wurde, und der Deutschen Akademie für Suizidprävention.

Thema war neben der Erreichbarkeit von Betroffenen mit Suizidgedanken und ethischen Spannungsfeldern im Zusammenhang mit assistiertem Suizid auch der aktuelle Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums »zur Stärkung der nationalen Suizidprävention«. Fachverbände hatten zum Teil kritische Stellungnahmen dazu abgegeben – sie haben gegen das Gros der Maßnahmen zwar nichts einzuwenden, fordern aber deutliche Nachbesserungen. Die Bundesärztekammer nannte den Entwurf »unkonkret und unverbindlich« und forderte eine verlässliche Finanzierung.

Enthalten sind zum Beispiel die Schaffung einer bundesweit einheitlichen Krisendienst-Rufnummer und das Erschweren des Zugangs zu potenziell tödlichen Mitteln und Methoden – etwa durch Barrieren an »Hotspots« wie Brücken oder kleinere Packungsgrößen für bestimmte Medikamente. Außerdem soll eine Fachstelle für Suizidprävention im Gesundheitsministerium eingerichtet werden.

Naspro-Leiter Reinhard Lindner begrüßte das geplante Gesetz als wichtigen Schritt. Er bezweifelt aber, dass der vorliegende Entwurf den Anforderungen der Praxis gerecht werde. Wirksame Suizidprävention brauche nicht nur medizinische Fachstrukturen, sondern auch eine belastbare gesellschaftliche Infrastruktur, betonte der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie.

Ans Eingemachte ging es bei einer Podiumsdiskussion. Winfried Hardinghaus vom Deutschen Ethikrat warnte vor einem »Normalisierungstrend« in Bezug auf assistierten Suizid als »Entsorgungsmöglichkeit«; er vermisst eine »gesamtgesellschaftliche Strategie« dagegen. Der Geschäftsführer der Deutschen Akademie für Suizidprävention, Georg Fiedler, verwies auf den »Gedanken der Solidarität, der heute vielleicht nicht ganz so gefragt ist«.

Eine Teilnehmerin aus dem Publikum, die vor sechs Jahren ihren besten Freund durch Suizid verloren hatte, unterstrich, dass nicht nur akut suizidale Menschen Hilfe bräuchten. Sie selbst sei »eine von den Hunderttausenden Suizid-Hinterbliebenen« und habe dadurch erfahren, wie schwer es sei, bei Arbeitsunfähigkeit nach einem solchen Trauma Hilfe zu bekommen. »Wir leben in einem Sozialstaat«, sagte sie – dennoch gehe es ständig um Kosten.Dieses gesellschaftliche Klima ist einer der Gründe, warum der Ethikrat es ablehnt, dass Ärzte schwerkranke Patienten »proaktiv« auf einen möglichen Sterbewunsch ansprechen dürfen, der noch gar nicht geäußert wurde. Derzeit ist dies aber rechtlich möglich und wird auch zum Beispiel in einem Leitfaden des Uniklinikums Köln zum »Umgang mit Todeswünschen« als Möglichkeit erörtert.

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Source: nd