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Weltspartag | Viele wollen vorsorgen, doch oft fehlt es am Geld
Im Schulterschluss mit der Bundesregierung macht die Finanzbranche mobil: Die Zukunft der Altersvorsorge liege an der Börse.
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Wer fürs Alter investieren soll, muss erst einmal Geld übrig haben: Werbung im Hamburger Hauptbahnhof. Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen Sparen war gestern, heute wird investiert. So lautet die Botschaft der kommunalen Sparkassen in Deutschland. »Sparen bedeutet heute mehr, als Geld auf dem Sparbuch zurückzulegen«, sagte Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), während einer Videopressekonferenz anlässlich des Weltspartages am 31. Oktober, der vor über 100 Jahren von Sparkassen aus der Taufe gehoben worden war. »Es bedeutet auch, einen Teil des Ersparten langfristig zu investieren.« Doch beim langfristigen Sparen nutzen viele Menschen die Kapitalmärkte bislang kaum – zum Ärger der Finanzbranche, versteht sich.
Laut dem »Vermögensbarometer 2026« des Sparkassenverbandes halten immerhin 75 Prozent der Befragten regelmäßiges Sparen für wichtig oder sehr wichtig. Unter den 16- bis 29-Jährigen sind es sogar 83 Prozent. Deutliche Unterschiede zeigen sich beim Wertpapierbesitz: Während 36 Prozent der Männer Wertpapiere besitzen, sind es bei den Frauen 21 Prozent. Dadurch bleibe beim sogenannten Vermögensaufbau viel Potenzial ungenutzt, beklagt DSGV-Chef Reuter.
Das Narrativ, das Werbeabteilungen von Sparkassen und Banken verbreiten, ist einfach: Die zukünftigen Renten seien unsicher und in jedem Fall zu niedrig. Um den gewünschten Lebensstandard zu halten, reiche auch das klassische Sparen wegen der zu niedrigen Zinsen nicht mehr aus. Der propagierte Ausweg: in den Kapitalmarkt »investieren«. Konkret sollen die Verbraucher Geld in Aktien und ähnliche an Börsen gehandelten Wertpapiere anlegen. Diese böten Chancen auf eine höhere Rendite als das Sparbuch. Garantien dafür gebe es zwar nicht, aber wer nicht wagt ...
Dabei verschweigen Finanzdienstleister ihr eigenes Interesse. Während sie bei klassischen Sparanlagen regelmäßig Zinsen an Kunden auszahlen müssen, kassieren sie bei »Investitionen« Provisionen und streichen unmittelbar Gewinne ein.
Ulrich Reuter, Chef des Verbands der kommunalen Sparkassen, trommelt für Geldanlagen an der Börse. Foto: IMAGO/Funke Foto Services Assistiert wird das Narrativ »Investieren statt Sparen« von der schwarz-roten Bundesregierung. Zum Jahreswechsel löst das angesichts klammer Kassen großzügig vom Staat geförderte, aktienorientierte »Altersvorsorgedepot« die bisherige, auf Sicherheit bedachte Riester-Rente ab. Kürzlich hat der Bundestag außerdem das Frühstartrentengesetz beschlossen. Mit diesem schafft die Regierung Merz/Klingbeil den Einstieg in eine private Altersvorsorge schon im frühen Kindesalter von sechs Jahren.
Sparkassen, Banken und Finanzvertriebe wittern nun das große Geschäft.
Sparkassen, Banken und Finanzvertriebe wittern nun das große Geschäft. Marktbeobachter erwarten einen Ansturm besonders auf ETF-Produkte, die höhere Renditen bei geringen Kosten versprechen. Ein solcher »Exchange Traded Fund« ist ein börsengehandelter Fonds, der die Wertentwicklung eines Index nachbildet. Da Geldanlagen grundsätzlich breit gestreut werden sollten, legen viele ETFs das Geld ihrer Kunden in weltweit operierenden Indizes wie den MSCI World an. Hier dominieren aber US-amerikanische Aktiengesellschaften und Technologiekonzerne wie Amazon, Meta (früher Facebook) und Tesla des Donald-Trump-Vertrauten Elon Musk. »Wir stärken mit dem MSCI World nicht den heimischen Markt, sondern die USA«, kritisierte kürzlich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Vereinigung der Finanzberater, Thorsten Müller, das Altersvorsorgekonzept der Bundesregierung.
Dabei verschweigen Finanzdienstleister, dass selbst eine erfolgreiche Aktienanlage das individuelle Rentenloch nur selten stopfen wird. Langfristig kann sie in normalen Zeiten zwar eine Rendite von etwa acht Prozent im Jahr bringen – was im Alter genügen mag, wenn zeitlebens höhere Summen eingezahlt werden. Nur ein Teil der Bürger kann das.
Laut Statistischem Bundesamt ist Deutschland das Sparschwein Europas. Private Haushalte in Deutschland sparen anteilig mehr als in vielen anderen Industriestaaten. Mit 18,9 Prozent liegt die Bruttosparquote deutlich über dem Durchschnitt in der Europäischen Union von 14,3 Prozent und den USA mit 10,7 Prozent. Die Sparlust der Bundesbürger belastet allerdings die Volkswirtschaft erheblich, da Erspartes als kaufkräftige Nachfrage ausfällt. Zugleich erklärt die geringe Sparneigung der US-Konsumenten teilweise die höheren Wachstumsraten in den Vereinigten Staaten.
Nach einer repräsentativen Befragung, die im Auftrag des Bundesverbandes der Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), aslo des genossenschaftlichen Sektors, zum Weltspartag durchgeführt wurde, sparen die Menschen in Deutschland durchschnittlich rund 200 Euro im Monat. Auch bei jungen Menschen ist die Renten-Botschaft der Politik angekommen. Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren legen der Befragung zufolge schon durchschnittlich rund 100 Euro im Monat zurück. »Das ist eine gute Voraussetzung für den langfristigen Vermögensaufbau und die private Altersvorsorge«, meint BVR-Präsidentin Marija Kolak.
Allerdings spiegeln solche Durchschnittswerte nur einen kleinen Teil der gesellschaftlichen Realität wider. Während etwa ein Fünftel der Befragten 20, 30 und mehr Prozent des monatlichen Netto-Einkommens auf die hohe Kante legt, »investiert« die Hälfte der Bürger nur unregelmäßig, wenn mal Geld übrig ist. Und bei 21 Prozent ist das nie der Fall. Mehr als jeder und jede Fünfte spart also höchstens – beim Konsum.
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