Germany nd
Weltcup | Ski Alpin: Saisonstart mit desaströser Bilanz in Sölden
Beim Weltverband Fis hinterlässt der alte Präsident Johan Eliasch finanziell und strukturell ein Chaos, Schnee-Depots müssen derweil den Sport sichern.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Saisonstart in Sölden: Gut präparierte Piste – aber das ewige Eis schmilzt auch am Rettenbachgletscher. Foto: imago/Mathias Mandl Schon wieder Ski-Weltcup? Es war doch gerade noch Sommer. Die Frage stellt sich jedes Jahr wieder, wenn in Sölden die ersten alpinen Rennen der neuen Saison stattfinden. Aber dieses Mal ganz besonders nach einem Hitzesommer und angenehmen Temperaturen bis Anfang Oktober. Eine Folge: Erstmals hatten in Europa alle Gletscherskigebiete geschlossen. Das ewige Eis ist nicht mehr ewig, es schmilzt überall dahin.
Dass der Ski-Weltcup trotzdem wie gewohnt am letzten Oktober-Wochenende mit je einem Riesenslalom für die Frauen am Sonnabend und die Männer am Sonntag stattfinden kann, hat mit den großen Schnee-Depots zu tun, die seit ein paar Jahren in den Bergen oberhalb von Sölden im Frühjahr gefüllt werden. Die Weltcup-Piste auf dem Rettenbachferner ist daher bestens präpariert, und wie bestellt sind in den vergangenen Tagen oben auch noch ein paar Flöckchen Schnee gefallen.
Alles gut? Nein. Für die Teams wird die Vorbereitung immer komplizierter und kostspieliger, fast alle reisen im Sommer mittlerweile in Skigebiete der südlichen Hemisphäre, nach Neuseeland oder Südamerika. In Argentinien und Chile waren die Schneeverhältnisse dieses Mal gut, das Wetter nicht immer. Schwierig wurde es nach der Rückkehr. »Da konzentrierte sich bisher alles auf das Pitztal«, sagte Linus Straßer. Weil beim Auftakt aber der Riesenslalom dran ist, hatten die Athletinnen und Athleten, die in Sölden starten, in den vergangenen Wochen auch beim Training Vorrang. »Da bin ich als Slalomfahrer zweiter Sieger«, meint Straßer, für den die Saison Mitte November in Levi beginnt.
»Es herrscht ein anderer Geist, ein neues Miteinander.«
Den Skisport zukunftssicher zu machen, ist eine der Hauptaufgaben für Alexander Ospelt. Der neue Präsident des Internationalen Skiverbandes Fis aus Liechtenstein hat im Sommer den umstrittenen Johan Eliasch an der Spitze abgelöst und damit vor allem bei den großen Skinationen für Aufatmen gesorgt. »Es herrscht ein anderer Geist, ein neues Miteinander«, sagt Stefan Schwarzbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Skiverband und Mitglied im Executive Board der Fis. »Man versucht, einander zu verstehen und zuzuhören.« Die Präsidentin des Österreichischen Skiverbandes Roswitha Stadlober stellt eine »echte Aufbruchstimmung« fest. »Ospelt steht für Transparenz, das betont er immer wieder. Unter Eliasch war das anders, da hat einer allein etwas entschieden und die anderen oft nicht einmal davon wissen lassen.«
Wenn auch die Richtung stimme, wie Schwarzbach findet, »die Probleme lassen sich nicht über Nacht lösen«. Denn: »Die Bilanz nach fünf Jahren Eliasch ist schlichtweg desaströs.« Vor allem die finanzielle: Der Schwede mit britischem Pass hat ein strukturelles Defizit von 20 Millionen Schweizer Franken hinterlassen, fast 50 Prozent der Reserven sind aufgebraucht. Weil mehr Geld in die Kasse kommen muss und dies nicht nur durch ein Verschlanken der Strukturen und des unter Eliasch aufgeblähten Personalapparats gelingen kann, warf die Fis die Idee in den Raum, alle vier Jahre zusätzliche alpine und nordische Weltmeisterschaften zu veranstalten. Darüber nachzudenken, findet Schwarzbach, sei legitim, aber »es ist sehr schnell klar geworden, dass ein solcher Schritt mit Blick auf 2028 nicht realistisch ist«.
Kaum hatte sich die Aufregung darum etwas gelegt, sorgte Fis-Renndirektor Markus Waldner mit seinem kurzfristigen Rücktritt für die nächste. Der Südtiroler gab fehlende Energie und mentalen Druck als Grund an. Aber womöglich steckt noch etwas anderes dahinter. Denn der bei der Fis für die Weltcup-Abfahrten zuständige Hannes Trinkl lehnte nicht nur die Nachfolge Waldners ab, sondern erwog selbst ebenso einen Rückzug. Es scheint noch immer etwas zu rumoren im Weltverband.
Die Athletinnen und Athleten kümmern sich weniger darum, was hinter den Kulissen passiert. Für sie steht die neue Saison im Fokus, der Kampf um die Weltcup-Kugeln. Weil die überragende Skirennläuferin der Gegenwart, Mikaela Shiffrin, ankündigte, weniger Slaloms fahren zu wollen, sich dafür mehr auf Riesenslalom und Super-G zu konzentrieren, werden nun Emma Aicher gute Chancen auf den Gewinn des Gesamtweltcups eingeräumt. Im vergangenen Winter fehlten der Allesfahrerin vom SV Mahlstetten nur 87 Punkte auf die US-Amerikanerin.
Aicher verspürt nach ihren beiden Silbermedaillen bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Cortina d’Ampezzo und einer Saison, in der es viel besser gelaufen sei, »als ich es erwartet habe«, noch immer keinen Druck: »Ich will mich auf meins konzentrieren und was ich besser machen kann. Den Rest kann ich nicht beeinflussen.«
Aicher fährt zwar alle vier Disziplinen wegen des Gesamtweltcups, aber auch, weil sie einfach gerne Ski fährt und die Abwechslung liebt. Doch klar, gibt sie zu, sei es »ein Ziel«, die große Kristallkugel zu gewinnen. Irgendwann. Shiffrin kann aber zum einen auch Riesenslaloms und Super-G-Rennen gewinnen und so die fehlenden Punkte im Slalom kompensieren. Zum anderen »sind so viele schnelle Mädels am Start, egal in welcher Disziplin«, sagt Aicher. »Da muss man schon deutlich Gas geben.« Aber das fällt ihr ja bekanntlich nicht schwer.
Andere Medien haben Konzerne oder Milliardäre im Rücken. Wir haben die nd.Genossenschaft und Leser*innen wie dich. Das macht uns unabhängig und genau das wollen wir bleiben. Aber es heißt auch: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Du kannst direkt hier spenden, einmalig oder regelmäßig, damit nd bleibt.