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Wahljahr 2026 | Soll man taktisch wählen?
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Jahrelang durch »taktisches Wählen« künstlich am Leben erhalten, heute endlich jenseits des öffentliches Interesses: die FDP Foto: dpa/Hendrik Schmidt Das taktische Wählen, so erklären uns die Schulmeisterinnen und Schulmeister der Demokratie, hat einmal mehr dafür gesorgt, dass die Wahlergebnisse – zum Beispiel in Sachsen-Anhalt – noch miserabler ausgefallen sind, als sie bei der momentanen gesellschaftlichen Lage ohnehin sein müssten. »Taktisches Wählen«, sagen die einen stolz und tun so, als hätten sie ein Geheimrezept gefunden, mit dem doch noch alles gut würde. Ganz so, als würde die Demokratie das kennen: gut und schlecht. »Taktisches Wählen«, sagen die anderen mit empörter Stimme und tun so, als hätte jemand zum Putsch aufgerufen.
Das sind zwei Ausprägungen nur eines Missverständnisses, dem die irrige Annahme zugrunde liegt, der geneigte Wähler, die geneigte Wählerin müsse nur in sich hineinhorchen, und wenn die Person ganz still ist, hört sie da ganz tief in sich jemanden das Programm einer Partei vorlesen. Nun muss nur noch ermittelt werden, welcher Partei genau, und dann wird schon an der richtigen Stelle gekreuzt.
Aber so ist es nicht. Das Stammwählertum ist eigentlich ein undemokratisches Prinzip, das die Gesinnungsgefolgschaft über den eigenen Kopf stellen will. Und wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass doch fast jede Wahlentscheidung aus taktischen Erwägungen heraus getroffen wird. Möchte man nur eine bestimmte Regierung verhindern? Möchte man den potenziellen Juniorpartner einer Koalition stärken? Eine mächtige Opposition ermöglichen? Allen im Parlament vertretenen Parteien eins auswischen? Ein wenig repräsentiertes Thema verhandelt wissen? Oder vielleicht die Liste mit den meisten weiblichen Kandidaten mit der eigenen Stimme belohnen?
Das alles sind Zeichen der Taktiererei, wie sie die parlamentarische Demokratie naturgemäß zeitigt. Sie sind nicht mehr oder weniger ehrenwert als die »reine« Gewissensentscheidung nach Sichtung des letzten TV-Duells oder die Stimmabgabe nach Lektüre sämtlicher Wahlprogramme. Die einen propagieren das taktische Wählen und glauben, alle anderen wären planlos. Die anderen verurteilen es und halten alles für böse Taktik, was nicht den eigenen Interessen entspricht. Ist das schon Postdemokratie – oder nur Augenwischerei?
Kaum einer wird behaupten, dass das Damoklesschwert Fünf-Prozent-Hürde ihn bei der Wahl völlig unbeeindruckt ließe. Sei es, weil man seine Stimme nicht »verlieren« möchte. Sei es, weil man sich – jetzt erst recht – zur Unterstützung aufgerufen sieht. Zu geißeln sind aber nicht derartige taktische Wahlüberlegungen, sondern höchstens das Quorum selbst, das einigermaßen überkommen scheint.
Wer beim Strategiespiel repräsentative Demokratie mitmischen will, sollte sich nicht darüber beschweren, wenn die Mitspielerinnen und Mitspieler die Regeln nach ihren Vorstellungen auslegen. Demokratien können verschwinden – wenn Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung oder Grundrechte aufgehoben werden. Aber sie werden nicht daran zugrunde gehen, dass das Wahlvolk sich das Recht nimmt, nach eigenen Maßgaben über die Vergabe (oder Nicht-Vergabe) der Stimmen zu entscheiden. Erik Zielke
Wenn Wahlen was ändern würden, wären sie verboten, sagen die Anarchisten. Stimmt ja auch, in Diktaturen gibt es keine freien Wahlen. Die bürgerliche Demokratie ist großzügiger: erlaubt ist, was gefällt. Hat oft nur keinen Einfluss, gilt als Schrulle oder Hobby. Es heißt immer, gemeinsam sind wir stark, doch es ist ein langer Weg über die Fünf-Prozent-Hürde. Leider kann man dann in der Masse seine eigene Stimme nicht mehr erkennen.
Bei der Kleinpartei hingegen merkt man jede Stimme. Ich weiß noch, wie ich als junger Salonbolschewist die Maoisten wählte. An der Schule hatte ein linker Lehrer ein paar meiner Freunde und mich davon überzeugt und uns eingeprägt: »Wichtig ist nur die Zweitstimme. Ihr könnt mit der Erststimme ungültig wählen und die eine Hälfte des Wahlzettels durchstreichen. Die angekreuzte Zweitstimme zählt trotzdem!«
Tatsächlich konnte ich dann in der Zeitung lesen, dass es in meinem Dorf bei den Bundestagswahlen für die Maoisten nur eine Stimme gegeben hatte – es war meine. Genauso war es, als ich bei der Europawahl Mitte 1989 spontan die Trotzkisten ankreuzte, weil ich kurz vorher im Fernsehen gesehen hatte, wie in Budapest Imre Nagy offiziell beerdigt wurde, 31 Jahre, nachdem ihn die Stalinisten hingerichtet und in ein Massengrab geworfen hatten. Als dann 1990 die PDS antrat, bekam sie im Dorf drei Stimmen: von einem trinkenden Freund meines Bruders, von meiner Mutter, die ich in längeren Diskussionen überzeugt hatte, und von mir.
Doch in der Warentausch-Gesellschaft, in der für alles bezahlt werden soll, werden solche Stimmen für Parteien unter fünf Prozent von den Parteien über fünf Prozent als »verschenkt« bezeichnet. Man soll nur die wählen, die Erfolg haben. Eine Steigerung ist die Aufforderung, seine Stimme zu »verleihen«, um eine Partei, auf die es angeblich ankommt, über fünf Prozent zu hieven. Das nennen manche »taktisches Wählen«. Jahrzehntelang wurde so eine der überflüssigsten Parteien überhaupt, die FDP, ins Parlament gebracht, erst von der SPD, dann von der CDU. Seitdem die zu schwach dafür geworden sind, ist die FDP verloren. Nun musste die SPD in Sachsen-Anhalt zusammen mit den Grünen parlamentarisch gerettet werden, um eine absolute Mehrheit der AfD zu verhindern.
Hat geklappt, doch solche Aufrufe sind unbefriedigend. Es wird einem gesagt, Politik sei eben eine ernste Sache. Auch wenn vieles lächerlich wirkt. »Und die Herren Politiker, die sind alle doof«, sang Helge Schneider, die sollten alle nach Hause gehen und sich erst mal waschen, »bevor sie was entscheiden«. Und das soll taktisch sein?
Viele wählen bestimmte Personen und keine Programme, denn die liest ja keiner. Auch ich wählte Joschka Fischer, als er in Hessen der erste Umweltminister war, oder auch mal Klaus Wowereit in Berlin, bloß weil ich ihn sympathisch fand. Denen habe ich meine Stimme wirklich geschenkt. Haben die natürlich nicht gemerkt, aber ich. Denn wenn man’s nicht ernst meint oder »taktisch«, kann man es auch lassen. »Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen«. Das ist nicht anarchistisch, sondern Goethe.
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Source: nd