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Wahlen in Texas | Wahlen in Texas: Die Vorstädte werden lila

Texas hat einen konservativen Ruf. Doch auch hier ist die Unzufriedenheit mit den regierenden Republikanern spürbar.

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Jubel bei einer Wahlkampfveranstaltung der Demokraten in Weslaco (Texas) am 25. Oktober: 2,6 Millionen Menschen sind seit der Pandemie im Jahr 2020 nach Texas gezogen, viele aus demokratischen Bundesstaaten wie Kalifornien und New York. Foto: Gabriel V. Cardenas / AFP [M] Fährt man durch die Vororte von Dallas, stechen die vielen kleinen Wahlplakate der Demokraten in den Vorgärten ins Auge: Mit »Talarico for Texas« wollen hier viele ihre Unterstützung für den jungen Senatskandidaten ausdrücken. Ab und zu ist auch der Name der Anwärterin für den Posten der Gouverneurin zu lesen: Gina Hinojosa. Unverkennbar stehen auch hier in Texas die Midterms vor der Tür: die Wahlen für den US-Senat und das Repräsentantenhaus, das Gouverneursamt und andere Regierungspositionen auf regionaler und kommunaler Ebene. Und obwohl Texas einen sehr konservativen Ruf hat, scheinen die Liberalen mehr und lauter zu werden. Bahnt sich hier tatsächlich ein Bruch mit den Republikanern an?

Texas ist der Heimatstaat des Bush-Clans, der seit 1988 zwei Präsidenten und Gouverneure in mehreren Bundesstaaten stellte. Donald Trump hatte hier bei seinen drei Präsidentschaftswahlen jedes Mal einen Vorsprung von mehreren Hunderttausend Stimmen, 2024 sogar von 1,5 Millionen. Zwei von drei Texanern sind gläubige Christen. Seit einigen Jahren herrschen hier strenge Anti-Abtreibungsgesetze. Bis 12 Uhr mittags kann man in Texas sonntags keinen Alkohol kaufen, weil diese Zeit für die Kirche reserviert ist. Für die meisten Europäer sind das befremdliche Zustände. Doch Texas war schon in viel wichtigeren Anliegen rückschrittlich: In keinem Bundesstaat wurde das Ende der Sklaverei im Juni 1865 so spät verkündet wie hier. Auch die Rassentrennung wurde in Texas endgültig erst im Jahr 1970 aufgehoben.

Umso erstaunlicher ist es, wie multikulturell das heutige Texas ist. Hier liegt der Anteil der weißen Bevölkerung mittlerweile unter 50 Prozent. Den Rest machen vor allem Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln aus (etwa 41 Prozent). Auch hat Texas, der Bundesstaat mit den zweitmeisten Einwohner*innen, mit 4,3 Millionen die größte Zahl von Afroamerikanern im ganzen Land und eine rasant wachsende asiatisch-stämmige Population. Diese Gruppen wählen jedoch nicht unbedingt die Demokraten – Teile der indischen und Latino-Communitys sind recht konservativ.

Die geografischen Unterschiede im Wahlverhalten sind eindeutiger: Die texanischen Großstädte sind blau, werden also von Demokraten regiert – Austin seit den 1990ern, Dallas seit 2006, Houston seit 2016. Dagegen sind ländliche Gebiete auf Wahlkarten oft tief rot, hier ist der Zuspruch für Trumps Maga-Bewegung groß und Wahlplakate für die Republikaner allgegenwärtig, wie zum Beispiel: »Sechs biologische Geschlechter? Der liberale Freak James Talarico ist zu verrückt für Texas«. Das ist eine Anspielung auf einen längst zurückgenommenen Kommentar des demokratischen Senatskandidaten. Auch die Suburbs, die Vororte der Großstädte, waren einst mehrheitlich republikanisch-rot – dies scheint sich aber nun zu ändern, sie werden zunehmend »lila«, wie Texaner scherzhaft sagen. Und das hat zahlreiche Gründe.

»Texas liegt bei der Finanzierung öffentlicher Schulen auf Platz 47 von allen 50 Staaten. Wir haben Besseres verdient. Vor allem die Kinder hier.«

Während der Pandemie wurden texanische Vororte für viele Amerikaner aus demokratischen Bundesstaaten wie Kalifornien oder New York, die im Homeoffice arbeiten wollten, attraktiv: Laxe Maskenregeln, offene Restaurants und Schulen sowie niedrige Steuern und günstige Immobilien bewegten sie zum Umzug. 2,6 Millionen Menschen zogen seit 2020 nach Texas, was dazu beitrug, dass der »Lone Star State« nach Kalifornien über die zweitgrößte Wirtschaftskraft der USA verfügt. Diese meist den Generationen X und Y angehörigen Gutverdiener wählen oft demokratisch.

Doch auch Ur-Texaner wenden sich zunehmend von den Republikanern ab, verursacht durch eine Reihe von Enttäuschungen durch deren Politiker. So reiste Senator Ted Cruz mit seiner Familie in den Urlaub nach Mexiko, als im Winter 2021 ein tödlicher Eissturm in Texas wütete; es folgte ein öffentlicher Aufschrei, die Texaner fühlten sich von ihrem Senator im Stich gelassen. Auch Gouverneur Greg Abbott enttäuschte mehrmals die Wähler. Sein Abtreibungsverbot von 2022 führte zu Hunderten von Todesfällen von Frauen, verursacht durch fehlende medizinische Versorgung. Ärzten, die abtreiben, drohen in Texas nun 99 Jahre Haft. Kimberly Bower, die deswegen von Rot zu Blau gewechselt ist, meint: »Frauen sollten mitbestimmen dürfen, wenn es um ihre eigenen medizinischen Entscheidungen geht.« Sie ist Mutter dreier Töchter.

2025 führte Abbott zudem eine umstrittene Bildungsreform ein, die texanischen Familien gestattet, Mittel aus dem öffentlichen Schulsystem abzuziehen und als Subvention fürs Homeschooling oder den Besuch einer Privatschule zu nutzen. Es wird geschätzt, dass staatlichen Schulen dadurch Hunderte Millionen Dollar abhandengekommen sind, was viele Eltern verärgerte. Gabrielle Dade, Ehefrau eines Marine-Veteranen, gibt diesem Ärger freien Lauf: »Texas liegt bei der Finanzierung öffentlicher Schulen pro Schüler auf Platz 47 von allen 50 Staaten. Wir haben Besseres verdient. Vor allem die Kinder hier.«

Abbotts aktuellste Kontroverse ist sein Umgang mit Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Seine Regierung hat knapp 600 davon genehmigt. Mehr als 300 sind schon am Netz. Die »Texas Tribune« recherchierte jüngst, dass die Hälfte von Abbotts Kampagnen-Spenden aus dieser Industrie stamme, und Korruption wird ein immer wichtigeres Thema im Wahlkampf. Derzeit liegt Abbott in Umfragen nur noch ein paar Prozentpunkte vor seiner Herausforderin Gina Hinojosa. Die letzte demokratische Gouverneurin in Texas war Ann Richards zwischen 1991 und 1995. Seitdem waren ihre Parteikollegen chancenlos. Nun offenbar nicht mehr.

Im US-Senat sitzt sogar seit 1993 kein Demokrat mehr aus Texas. Dass sich daran etwas ändert, scheint noch wahrscheinlicher. Ken Paxton, der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats und aktueller Kandidat der Republikaner, ist selbst in seiner eigenen Partei äußerst umstritten. Er wurde 2015 wegen Betrugs angeklagt, 2023 vom Repräsentantenhaus wegen Amtsmissbrauchs seiner Position enthoben, später jedoch freigesprochen. Hinzu kommen weitere berufliche und private Skandale, die aufzuzählen eines separaten Artikels bedürfte, derer sich fast alle in Texas bewusst sind. So wie Kimberly Bower aus Plano. »Paxton ist amoralisch, er wurde zum Multimillionär im Amt und hat eine katastrophale Erfolgsbilanz«, sagt sie. Aktuell liegt der 63-jährige Paxton in Umfragen meist knapp hinter seinem 37-jährigen Gegner James Talarico von den Demokraten.

Konservative, die ihrer Partei dennoch treu bleiben, fürchten, die Lebenshaltungskosten könnten unter einer Regierung der Demokraten wie in Kalifornien oder New York noch schneller ansteigen als ohnehin schon. Beraterin Nancy Pfortmiller gibt zu, Ken Paxton »nicht zu lieben«. Jedoch gingen die Themen Wirtschaft und Steuern für sie vor. »Jede demokratische Stadt der USA ist den Bach runtergegangen«, meint Stefanie Martino, eine gläubige Christin. Viele Christen halten zudem geltende Abtreibungsgesetze sowie Geschlechtsumwandlungs-Verbote für moralisch korrekt, auch befürworten sie die Schulreformen: Rund 15 Prozent aller texanischen Kinder werden daheim oder an Privatschulen unterrichtet, oft, weil den Eltern die Bildung an öffentlichen Schulen zu säkular erscheint.

Es gibt aber auch Wähler, die sich in den vergangenen Jahren von den Demokraten entfernt haben, aufgrund von antisemitischen Tendenzen und fehlender Unterstützung Israels. James Talarico etwa befürwortet ein Verbot des Verkaufs von Angriffswaffen an Israel. Gouverneur Abbott hingegen investierte nach dem 7. Oktober 2023 in Sicherheitsmaßnahmen für Synagogen und jüdische Zentren. »Ich teile Talaricos Standpunkt nicht, nur Verteidigungswaffen an Israel zu liefern«, sagt Tanya G., Texanerin mit jüdischen Wurzeln. »Ich möchte Kandidaten, die bedingungslos hinter unseren Verbündeten stehen.« Ob solche Einwände ausreichen, damit Texas rot bleibt, wird Anfang November feststehen. Insbesondere die Suburbs werden darüber entscheiden.

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Originally published bynd
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