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Von links nach rechts | Ulf Poschardt und die schlechteste aller Welten

Wer Ulf Poschardt verstehen will, sollte einen Blick in die Vergangenheit werfen, ins Jahr 1994, als er noch »Die beste aller Welten« suchte.

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Hat hier jemand den Glamour gesehen? Ulf Poschardt, 2007 als Chefredakteur der »Vanity Fair« Foto: imago/Koall Paul ist ehrgeizig, will Karriere machen. Er ist sich bewusst, dass er klug ist. Ein Intellektueller, der gerade seine Doktorarbeit schreibt. Wichtiger noch, er weiß schon mit 26, dass die Karriere ihren Preis hat: »Er muss sich Türen offenhalten, damit er Wege findet, auf denen es weitergeht.«

Das ist Paul gelungen. Er hat es bis zum Chefredakteur, Geschäftsführer und Herausgeber der Mediengruppe WeltN24 gebracht. Denn Paul ist Ulf Poschardt. Und der Autor, der damals, 1994, über Paul schrieb, war Poschardt selbst.

Es lohnt sich, diesen Artikel aus dem Themenheft »Pop & Politik« von »Spiegel Spezial« noch einmal hervorzuholen – so offen hat Ulf Poschardt nie wieder über sich gesprochen. Bloß ist dies kaum aufgefallen. Denn zur Hauptfigur dieses Textes »Die beste aller Welten« machte er einen Freund, einen Graffitikünstler namens Denis. Er verkörpert jenes Ideal, das Poschardt schon damals für unerreichbar hielt: Paul »ist der guten Welt verfallen und kann ihr nie ganz angehören, weil er zu viel weiß. Er ist mehr Intellektueller als Homeboy, mehr alter Linker als junger Hipster.«

Die »gute Welt«, das ist der Gegenentwurf zur »Mutantenwelt«, also zur »Welt der entfremdeten Arbeit, des entfremdeten Vergnügens und der entfremdeten Wahrheiten.« Und das hat nicht etwa Karl Marx formuliert, sondern ein »alter Linker« namens Ulf Poschardt: »Die Zombies der bürgerlichen Gesellschaft machen Denis Angst. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Womit Poschardt auch noch Adorno zitiert.

Verwundert reibt man sich die Augen, wenn er schreibt: »Früher wäre einer wie Denis in der KP gewesen. (…) Vor einem Vierteljahrhundert waren Kommunisten hip.« Aber Poschardt weiß auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, »die die alten Widersprüche zwischen Unterdrückten und Unterdrückern weitgehend verdrängt hat. Es gibt die Ausbeutung (…) und dennoch gibt es keine revolutionären Klassen mehr.«

Doch was bleibt einem, wenn »ein Umsturz undenkbar, Verzweiflung langweilig und Reformen – ganz klar – ekelhaft« sind? Poschardt ist 1994 Redakteur der »Vogue«, nicht unbedingt ein kommunistisches Kampfblatt. Wo mit Ethik kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist (geschweige denn eine Revolution), bleibt nur die Ästhetik: »Wer die Schönheit der guten Welt gesehen hat, wird für sie kämpfen. Vielleicht sind Schönheit und Moral zwangsläufig, wenn man nein zum Falschen und ja zum Richtigen sagt. Schönheit und Moral sind die Produkte von Arbeit. Dass Künstler und Artverwandte (Grafiker, Journalisten, Stylisten) die gute Welt errichtet haben, ist logisch. So hat das schon Karl Marx gesehen: Der Künstler ist das Idealbild der arbeitenden und entfremdeten Menschen. Er kann sich selbst verwirklichen, das heißt, die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten.«

Poschardt, Sohn eines Lehrers, der als Laienprediger bei den Methodisten wirkte, verstand sich schon damals nicht als rasender Reporter auf der Jagd nach exklusiven Storys. Er war auch niemand, der in seinen Artikeln Charakter und Wesen eines Menschen offenzulegen versucht. Daher erfährt man in »Die beste aller Welten« wenig über das Individuum Denis, dafür eine Menge über Ulf Poschardts Weltbild und, ja, auch seine Sehnsucht. Er würde so gern für eine große Sache kämpfen. Mit Bewunderung, ja Begeisterung, schreibt er noch Jahrzehnte später in der »Welt« über Karl Held, den Gründer und Leiter der Marxistischen Gruppe: »Sein marxistischer Scharfsinn, seine unerbittliche Rhetorik, vorgetragen in einem erdnah verhockten Fränkisch, zerpflügte jede Form linker Realpolitik, wenn sie sich an Larmoyanz, Moral oder gar kleinbürgerlicher Poesie versuchte. (…) Kommunist sein heißt für ihn, bis in die kleinste lebensweltliche Verästelung den bürgerlichen Alltag infrage zu stellen.«

Und doch erkannte Poschardt schon zu Zeiten seines »Beste aller Welten«-Textes, dass Helds Zeiten bereits in den frühen 90ern vorbei waren. An den Kommunismus glaubte damals nicht mal mehr die PDS. Marxistisch gesprochen: Wenn die Basis in Stahlbeton gegossen ist, bleibt nur noch der Überbau. Und an dem arbeitete sich Poschardt wie kein anderer ab. In seiner grandiosen Doktorarbeit »DJ Culture« (die 1995 als Buch bei Rogner & Bernhard erschien) spannt er den Bogen von den ersten US-amerikanischen Radio-Discjockeys der 30er bis zur Loveparade der 90er Jahre. »Anpassen« (1998) ist eine 500-seitige soziologische Betrachtung der Mode. Und in »Cool« (2000) zeichnet er auf 440 Seiten nach, wie Menschen versuchen, in »den Eiswinden der Entfremdung« zu überleben.

Was all diese Schwarten eint: Sie blicken fasziniert zurück. Früher war nicht alles besser, aber irgendwie aufregender. Poschardt, der zu spät Geborene, will die wilde Subkultur in die Gegenwart retten. Im Frühjahr 1996 wurde das stilbildende Zeitgeistmagazin »Tempo« eingestellt. Kurz darauf wird Poschardt, mit gerade mal 29, Chefredakteur des »SZ-Magazins«. Er füllt die Lücke, die »Tempo« hinterlassen hat, und praktiziert einen Journalismus, der sich – wie er selber einräumt – »an der Borderline« bewegt.

Und manchmal jenseits davon. Zu den Autoren, auf die er im »SZ-Magazin« setzt, gehört der Hollywood-Reporter Tom Kummer. Immer wieder überrascht Kummer mit Interviews, in denen Stars ihr Innerstes nach außen kehren. In der Branche wird gemunkelt, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugehe. Poschardt jedoch schlägt die Warnungen in den Wind. Als 2000 herauskommt, dass Kummer komplette Interviews erfunden hat (er selber bezeichnet sich danach als »Nicht-Journalist« und »Konzeptkünstler«), ist auch der Chefredakteur seinen Posten los.

Als 26-Jähriger hatte er darunter gelitten, dass Kommunisten wie Karl Held keine Chance mehr hatten. Es gab nur noch Hipster.

Die Axel Springer AG macht ihn bald darauf zum »Creative Director« der »Welt am Sonntag«. Poschardt verpasst der damals ziemlich biederen und langweiligen Zeitung eine Frischzellenkur. Parallel dazu schreibt er zwei Bücher, eines »Über Sportwagen«, das andere heißt »Einsamkeit«.

2007 will er es noch einmal wissen. Mit »Vanity Fair« versucht er das in Deutschland Unmögliche: Glamour in eine kleinkarierte Bedenkenträgergesellschaft zu bringen. »Der Glamour liegt im Selbstbewusstsein zu sagen: So könntest du, deine Stadt, dein Land, dein Leben auch aussehen – total anders« (schrieb Niklas Maak in der »FAS«). Doch das total Andere überfordert Leser, die froh sind, Woche für Woche von »Spiegel«, »Focus« oder »Stern« in ihrer Weltsicht bestätigt zu werden. Bereits 2008 wird das Magazin eingestellt.

Danach macht Poschardt bei Springer Karriere, wird erst stellvertretender Chefredakteur der »Welt am Sonntag«, später Chefredakteur von WeltN24. Nebenher schreibt er eine Kulturgeschichte über den legendären Porsche »911« sowie einen 120-Seiten-Essay über das »Geschmacksbürgertum«, das das Bildungsbürgertum abgelöst habe. Besonders provokant ist beides nicht.

Poschardt scheint im Gestern angekommen zu sein. Seine Eloge im Jahr 2014 auf den scheidenden Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit liest sich wie ein Nachruf auf das Hipstertum im Allgemeinen: »Wowereits gute Laune, seine bizarr glamourösen Auftritte in Fernsehshows, seine Selbstverständlichkeit, mit der er auf roten Teppichen mit Hollywood-Stars plaudert, ist eine One-Man-Show. (…) Wowereit ist die Meinung der Mehrheit oder der anderen Genossen im Zweifel egal. (…) Die letzten Fotos von Wowereit auf einer SPD-Klausur zeigen ihn hemdlos im weiten Pullover, eine Erscheinung wie der Dude aus ›The Big Lebowski‹ oder Hausmeister Krause. Aber es zeigt auch: Er ist ein freier Mensch, verachtet die Konvention.«

Es ist schon paradox. Am Gipfel angekommen, packt Poschardt die Schwermut. Er gehört zu den mächtigsten Journalisten Deutschlands und vermittelt doch das Bild eines Menschen, der gegen den Zeitgeist – das Neobiedermeier – machtlos anschreibt. Dann bricht Corona über die Welt herein, und mit einem Mal ist alles anders. Poschardt wittert Morgenluft. Der Ü50er wirkt plötzlich so aufgedreht, als wäre er von seinem früheren Ich infiziert worden. Als 26-Jähriger hatte er darunter gelitten, dass er die gesellschaftlichen Schlachten der 60er verpasst hatte. Dass Kommunisten wie Karl Held keine Chance mehr hatten. Es gab nur noch Hipster. Die schöne, heile Welt war nur noch möglich, indem man sich in eine Nische zurückzog – eine Art freiwilliger Lockdown zum Schutz vor der »Mutantenwelt«.

Doch nun ist der Zeitpunkt da, um aus der Deckung zu kommen und den »Zombies der bürgerlichen Gesellschaft«, wie er sie 1994 genannt hatte, den Kampf anzusagen. Mit seinen Attacken gegen das »Shitbürgertum« (2025) und »Bückbürgertum« (2026) will Poschardt jene Swinging-Sixties-Revolte nachholen, an der er – die Ungnade der späten Geburt – nicht hatte teilnehmen können. Dabei kehrt sich sein einstiges politisches Koordinatensystem komplett um – als würde er einen Magnet gegen den inneren Kompass halten. Der junge Ulf Poschardt hätte für Che Guevara und Ho Chi Minh geglüht. Der ältere Ulf Poschardt hingegen sucht sein Heil bei den Milliardären Elon Musk und Peter Thiel (»Peter Thiel ist meine Taylor Swift«). Die »Disruption« (wie man die Zerstörung der bestehenden Verhältnisse nun nennt) geht nicht länger von den Unterdrückten aus, sondern von den Unterdrückern.

Was der junge Ulf Poschardt davon gehalten hätte? Auch darauf gibt sein Artikel aus dem Jahr 1994 die passende Antwort: »Leidenschaft ist der größte Feind der Liberalität. Fühlt man sich leidenschaftlich, ist man angezogen von den Dingen oder abgestoßen, und das geht nur, wenn man nicht zynisch lebt, also in einer heilen Umwelt. Die gute Welt ist ein Fluchtpunkt für alle, denen schlecht wird, wenn ein cleverer Zyniker Erfolg, Geld und schöne Frauen abräumt.« Der junge Ulf Poschardt hätte sich bei Elon Musk übergeben.

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Originally published bynd
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