Germany · nd · · 2h
Volleyball | Volleyball-EM: Deutschland schöpft trotz Aus Mut für Olympia
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Für Moritz Reichert (M.) und Deutschlands Volleyballer ist Polen noch zu stark. Das Ziel bleibt Olympia 2028. Foto: IMAGO / NurPhoto/Artur Wida Im dritten Satz keimte noch einmal Hoffnung auf. Die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft lag im Viertelfinale der Europameisterschaft bereits mit zwei Sätzen gegen den Weltranglistenersten Polen zurück. Doch nun hatten die DVV-Männer zeitweise mit vier Punkten geführt und beim Stand von 16:15 nach einem abgewehrten Ball die Chance, ihren Vorsprung auf 17:15 auszubauen. Doch Polens Abwehr stand und entschärfte den krachenden Hinterfeldangriff von Tobias Brand. Statt auf zwei Punkte davonzuziehen, kassierten die Deutschen den Ausgleich.
Die Polen übernahmen wieder die Kontrolle über das Spiel. Bis zum Ende des Durchgangs gelang Deutschland nur noch ein weiterer Punkt. Die Mannschaft schied gegen den Titelverteidiger am Dienstagabend mit 0:3 (23:25, 17:25, 17:25) aus dem Turnier aus.
Das schmerzte, weil das Team des neuen Bundestrainers Massimo Botti gerade im ersten Satz und bis zur Mitte des dritten Durchgangs phasenweise das Niveau des Topfavoriten erreicht hatte. Letztlich muss jedoch auch Chef-Bundestrainer Christian Dünnes bilanzieren: »Zu diesem Niveau fehlt uns noch ein bisschen.« Bereits in der Gruppenphase hatte Olympiasieger Frankreich dem deutschen Team die einzige Niederlage beigebracht und mit einem 3:0-Erfolg »erstmals die Grenzen aufgezeigt«, so Ex-Nationalspieler Dünnes.
»Wir sind auf Olympiakurs und werden jeden Prozentpunkt herauskitzeln, der vielleicht noch fehlt.«
Doch die positive Erkenntnis der EM ist: Auch wenn zur europäischen Spitze um Polen, Frankreich und Weltmeister Italien noch ein Abstand bleibt, kann die Mannschaft um Kapitän Jan Zimmermann mit vielen anderen Konkurrenten mithalten. So schlug die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) bei der EM gleich zwei vor dem Turnier in der Weltrangliste besser platzierte Nationen: zum Auftakt die Türkei und in einem dramatischen Achtelfinale Gastgeber Bulgarien mit 3:2 nach einem 0:2-Satzrückstand.
Auf das Auftaktspiel gegen die Türkei hatten sich die Deutschen besonders intensiv vorbereitet, weil es entscheidend für den weiteren Turnierverlauf war. Wie die Mannschaft dann ohne den verletzten Topscorer Georg Grozer ins Spiel und Turnier fand, war durchaus beeindruckend. Erik Röhrs, der sonst bei seinem Arbeitgeber Olympiakos Piräus im Außenangriff eingesetzt wird, lernte blitzschnell um und vertrat den Routinier nicht nur als Punktelieferant, sondern auch als emotionaler Führungsspieler. So ist das Turnier auch als Abnabelung vom mittlerweile 41-jährigen Ausnahmespieler zu interpretieren, der die Mannschaft in den vergangenen knapp 20 Jahren getragen hatte.
»Man hat gesehen, dass es hier keinen einzigen Leader mehr gibt. Jeder hat seinen Bereich und jedem ist bewusst, dass so eine große Leader-Last keiner alleine mehr tragen wird«, erklärt Zuspieler Jan Zimmermann. Das sei »kein Problem, sondern einfach eine andere Art von Mannschaftsgefüge, wie es sein muss«.
Auch gegen die schlechter platzierten Gegner gewann Deutschland zwar, doch Dünnes störten die Satzverluste gegen Rumänien und die Schweiz. »Vielleicht hat es ein bisschen an Konstanz gefehlt, wir haben auch gegen Gegner Sätze abgegeben, gegen die wir deutlich besser waren«, analysiert der Chef-Bundestrainer. »Das können und müssen wir in den nächsten zwei Jahren abstellen, um uns für Olympia zu qualifizieren.« Denn für die Weltrangliste zählen neben Sieg oder Niederlage auch das Satzergebnis und die Stärke des Gegners. »Zusammengenommen kann das am Ende wehtun«, warnt Dünnes. Über die Weltrangliste werden nach der Vorrunde der Nations League 2028 die letzten drei Startplätze für die Olympischen Spiele in Los Angeles vergeben.
Den Höhepunkt der EM lieferten die Deutschen zweifellos im Achtelfinale gegen Vizeweltmeister Bulgarien. Wie sich das Team vor über 12.000 Fans der Gastgeber in Sofia dem ungeheuren Aufschlagdruck widersetzte, geduldig blieb und auf die eigenen Chancen und Stärken vertraute, um sich schließlich selbst in einen Flow zu spielen, war ein Meilenstein in der Entwicklung dieses Teams auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. »Das war ein absolutes Ausrufezeichen, was Leistung und Moral betrifft«, lobt Dünnes. »Riesenkompliment, ich bin unheimlich stolz auf die Mannschaft.«
Dabei ließen sich die deutschen Volleyballer auch nicht von personellen Rückschlägen beirren. Libero Julian Zenger hatte ebenso bereits vor dem Turnier absagen müssen wie Mittelblocker Lukas Maase, Diagonalangreifer Filip John und eben Grozer. Zuspieler Johannes Tille fiel während des Turniers mit einem Mittelfußbruch aus, sodass Routinier Zimmermann in der K.o.-Runde als einziger gelernter Zuspieler zur Verfügung stand. Das ist nicht nur für den 33-jährigen Zimmermann physisch und mental höchst anstrengend, sondern verhindert auch taktische Varianten wie einen Doppelwechsel und erschwert das Training.
Die Nachnominierung eines weiteren Regisseurs war nicht mehr möglich gewesen, weil zuvor bereits der schlagstarke Moritz Karlitzek verletzt hatte abreisen müssen und für ihn Libero Lenny Graven nachnominiert worden war. Damit war die einzige erlaubte Nachnominierung aus medizinischen Gründen bereits ausgeschöpft.
Auch unter diesen Umständen ist der Viertelfinaleinzug als Erfolg zu werten. So lautet das Ziel für den nächsten Sommer, die Konstanz in allen Elementen zu verbessern und die Mannschaft personell breiter aufzustellen, um mehr taktische Möglichkeiten zu gewinnen. Dünnes kann nach der starken Europameisterschaft mit Überzeugung sagen: »Wir sind auf Olympiakurs und werden jeden Prozentpunkt herauskitzeln, der vielleicht noch fehlt.«
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen
Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd