Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 1h

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz | Die Avantgarde von gestern

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Immerhin gut gemeint: »House of Hopes« von Rimini Protokoll Foto: Bahar Kaygusuz Eins zumindest hatte er klargemacht: Unter ihm müsse niemand mit bloßer Klassikerpflege rechnen. Und darauf hatte sich bei Matthias Lilienthal, dem frisch aufgebackenen Intendanten der Berliner Volksbühne, tatsächlich niemand eingestellt. Guckkastenbühne, Dramenkanon, professionelle Schauspieler, die von professionellen Regisseuren angeleitet werden und literarische Texte sprechen – das ist seine Sache nicht.

Nach sieben Wochen Planschspaß am Luxemburg-Platz, dem Instant-»Volksbad«, dessen größter Fan der Intendant selbst war, sollte es nun endlich losgehen mit der Theaterkunst. Einen Aufbruch für die Volksbühne hatte Berlins Ex-Kultursenator Joe Chialo (CDU) mit der Ernennung des neuen künstlerischen Leiters versprochen. Was soll man sagen? Ein wenig sieht es nun so aus, als hätte doch die Klassikerpflege über dem Avantgardeanspruch triumphiert. Es sind die längst durchgesetzten Klassiker des 21. Jahrhunderts, die hier nochmal über die Bühne gehen.

An einem langen ersten Premierenwochenende wurden drei Produktionen dem neugierigen Berliner Publikum vorgestellt. Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll, bekannt für seine interaktiven wie dokumentarischen Spektakel und der heiße Scheiß im Theater der 2000er Jahre, machte den eigentümlichen Auftakt mit »House of Hopes«.

Aufgeteilt in verschiedene Gruppen wird darin die Zuschauerschaft durchs ganze Theatergebäude – vom Grünen bis zum Roten Salon, vom Sternfoyer über den Rang direkt auf die Drehbühne – geführt und wird in mehreren Etappen zwischen Mitmachtheater und Kurzvortrag, ausgehend vom Jahr 1989, über den Weltzustand informiert.

So reist man mental einmal um den Globus und erfährt von der Hoffnung auf eine Vereinigung beider koreanischer Staaten, hört vom Kampf gegen Apartheid und für Demokratie in Namibia, begibt sich als Vertreter von Solidarność an den Runden Tisch in Warschau. Das alles ist bestens durchgetaktet und fügt sich kompositorisch mustergültig zusammen. Aber vor allem ist das ganze Unterfangen schrecklich gut gemeint und dadurch über jeden Zweifel erhaben.

Schon der dramaturgische Kniff, 1989 zum Ausgangspunkt zu machen, wirkt in den meisten der nicht von Schauspielern, sondern sogenannten »Experten des Alltags«, also informierten Laien, vorgetragenen Szenen reichlich konstruiert. Schnell versteht man, ob Rumänien oder Ungarn, Elend gibt es – wie die titelgebende Hoffnung – überall. Aber ist das nicht eine Binse? So fühlt man sich bald mehr wie in einem pädagogischen Zwangsprogramm als einem Theater. Nach gut zwei Stunden darf man sich dann selbst für den eigenen Widerstandsgeist auf die Schulter klopfen.

Achtung, Konzept! Anta Reckes Inszenierung »Perfection« hat ihre literarische Vorlage erfolgreich beerdigt. Foto: Lee Everett Thieler Auch im Prater, der kleineren Spielstätte der Volksbühne in Prenzlauer Berg, wurde nach etlichen Jahren der Spielbetrieb wieder aufgenommen. Vincenzo Latronicos verblüffend kluger Berlin-Roman »Die Perfektionen« wurde dafür (unter dem Titel »Perfection«) auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte von Anna und Tom, zwei »Expats«, die in den frühen 2000er Jahren ins wilde und billige Berlin kommen. Sie arbeiten beide in der Kreativbranche, treffen ihre ebenfalls zugereisten Kurzzeit-Freunde und werden Zeugen der von ihnen selbst forcierten Entwicklung, die man Gentrifizierung nennt. Latronico braucht nur ein paar eindrückliche Schilderungen, kaum Handlung, keine Dialoge, um das präzise Porträt einer Generation zu schaffen.

Und im Prater? Da bleibt von dem Roman geradezu nichts übrig. Man bewegt sich immer ein gutes Stück am richtigen Ton vorbei. Am Ende weiß hier eigentlich niemand, was erzählt werden sollte. Das in dem Roman so plastisch geschilderte Milieu bleibt unsichtbar. Die bittere Kritik an Menschen, zu deren Lifestyle der Besuch auf einer Vernissage oder im neuerdings angesagten Club ebenso dazugehört wie die Kurzzeithilfe für Geflüchtete und die all das instagramtauglich fotografieren können, weil es sonst nicht passiert ist, kommt nicht vor.

Die Regisseurin Anta Recke, der ein besonders konzeptueller Zugang in ihren Arbeiten nachgesagt wird, ist auf dem Besetzungszettel auch unter dem Stichwort »T-Shirt-Konzept« aufgeführt. Die Spieler tragen an diesem Abend Hemden mit variierenden Aufschriften: »international nobody«, »national nobody«, »no« und »body«. Die Shirts werden munter gewechselt. Selten war ein Einfall noch so weit von einer Idee entfernt.

Da wirkt der letzte der drei Premierenabende mit dem klangvollen Namen »Mononoke« schon ästhetisch am herausforderndsten. Die japanische Regisseurin Satoko Ichihara hat die aus Südkorea stammende bildende Künstlerin Mire Lee eingeladen, die Bühne für sie zu gestalten. Ein japanisches Café hat sie auf die Vorderbühne gestellt. Aber hinter dem eisernen Vorhang verbergen sich übergroße metallene Skulpturen. In »Mononoke« kann man endlich auch Teile des neuen Volksbühnen-Ensembles beim Spiel erleben. Verschiedene Puppen prägen darüber hinaus die Szene: eine klassische japanische Bunraku-Puppe, geführt von drei schwarz verhüllten Spielern, ebenso wie eine Sexpuppe.

Guten Tag, liebgewonnenes Japan-Klischee! »Mononoke« von Sachiko Ichihara Foto: Diana Pfammatter Aber die Handlung in diesem etwas pseudoprovokaten Spektakel lässt dann doch ratlos zurück: Takako wendet sich an die Wahrsagerin Prinzessin Monoprix, da ein eisernes Ei nach geglücktem Masturbationsversuch nicht mehr aus ihrem Körper hinaus will. Die Prinzessin ist sich sicher: Es handele sich um eine eiserne Eizelle und Grund für ihr Unwohlsein sei ein Fluch ihres Vaters, der sie verlassen hat. Bei einer Ärztin, die einmal Stahlarbeiterin gewesen war und sich bald als Künstlerin entpuppt, trifft sie auf ihren Vater, der mit einer Sexpuppe zusammenlebt, die als japanische Göttin durchgehen soll.

Um Takako zu heilen, soll sie ihre eiserne Eizelle spenden. In einer künstlichen Gebärmutter soll sie dann mit dem Sperma ihres Vaters versehen werden. Aber ihr Vater – wer hätte das gedacht? – ist gar nicht ihr Vater und außerdem steril. Garniert wird das szenische Geschehen durch Dialog von Takako mit einem Milchsäurebakterium in ihrer Vagina. Das klingt dann recht schnell wie ein Infotainment-Angebot zum Thema Sexualaufklärung.

Mit ironischem Daueraugenzwinkern wird dem Publikum dabei eingetrichtert, dass das flachschürfende Geschehen natürlich nur ein parodistischer Fingerzeig auf nicht minder oberflächliche Vorlagen ist. Das ist grobes Besteck, mit dem an der Volksbühne operiert wird. Dabei hat dieses Theater schon oft genug unter Beweis gestellt, dass es auch anders und wirkungsvoller den Erwartungshorizont des Publikums verschieben kann. Will Matthias Lilienthal daran anknüpfen, wird er es schwer haben, wenn er sich auf die künstlerischen Strategien verlässt, die schon heute vergangene Phänomene der Theatergeschichte sind.

Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: für Recherche, Druck und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd