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Verkehr | A100-Brücke Berlin: Aussicht auf die Autobahn
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Schaulustige beobachteten im Juli den Einhub der Stahlkonstruktion für die neue Ringbahnbrücke. Foto: dpa/Sven Kaeuler Von Baustellen gehe eine große Faszination aus, weiß Bauingenieur Rainer Siegel, der das Brückenkompetenzzentrum der Autobahn GmbH des Bundes leitet. Bevor 2006 der 2,4 Kilometer lange Tiergartentunnel für den Autoverkehr freigegeben wurde, nutzten am 19. März jenen Jahres rund 60.000 Einwohner und Gäste Berlins die Gelegenheit, einmal zu Fuß hindurchzulaufen. Stolze neun Millionen Besucher zählte von 1995 bis Ende 2000 die temporäre rote Infobox auf Stelzen, von der aus der Baufortschritt der Wolkenkratzer am Potsdamer Platz besichtigt werden konnte. Diese 62,5 Meter lange, 15 Meter breite und 15 Meter hohe Infobox erhielt 1996 den Stahlbau- und einen Architekturpreis.
Damit ist bei der ebenfalls roten Infobox nicht zu rechnen, die am Dienstag am S-Bahnhof Westkreuz eröffnet wurde. Sie besteht vergleichsweise schlicht aus vier Containern, auf die oben zwei weitere Container und eine Aussichtsplattform aufgesetzt sind. Durch einen fest montierten Feldstecher können die Fahrgäste, die am rund 600 Meter entfernten S-Bahnhof Messe-Nord/ICC auf den Bus warten, so betrachtet werden, als stünden sie nicht weit weg. Aber darum geht es hier natürlich nicht. Die Infobox informiert zunächst über den Neubau der nahen Ringbahnbrücke.
Die alte Brücke drohte im März vergangenen Jahres einzustürzen. Einst für 20.000 Autos pro Tag ausgelegt, wurde sie zuletzt von fast 90.000 Fahrzeugen täglich passiert und musste plötzlich so schnell wie möglich ersetzt werden. Die alte Brücke wurde im April 2025 abgerissen, damit S-Bahnen nach wochenlanger Unterbrechung den Abschnitt unter der Brücke endlich wieder befahren durften. Im Juli 2026 ist das 320 Tonnen schwere Stahlsegment, das die neue Brücke tragen soll, von einem Kran eingesetzt worden. Im Sommer soll das ganze Bauwerk fertig sein.
Die Infobox aber ist so konzipiert, dass sie zehn Jahre lang Verwendung finden kann. Wenn das Projekt Ringbahnbrücke und damit verbunden der Ersatzneubau der Westendbrücke abgeschlossen ist, soll über andere konkrete Vorhaben rund um die laufende Modernisierung der Berliner Stadtautobahn von Dreieck Funkturm bis Rudolf-Wissel-Brücke aufgeklärt werden. »Die Berlinerinnen und Berliner bekommen mit jedem Tag Stück für Stück eine moderne Autobahninfrastruktur zurück«, verspricht Siegel von der Autobahn GmbH. Der Abschnitt, der von täglich 230.000 Fahrzeugen genutzt wird, die sich aktuell an Baustellen stauen, habe eine große Bedeutung insbesondere für die Westberliner, sagt Siegel.
Der erste Abschnitt der A100 zwischen Kurfürstendamm und Hohenzollerndamm wurde 1958 für den Verkehr freigegeben, der bislang letzte von Dreieck Neukölln bis Treptower Park im August 2025. Die Autobahn A10, der Berliner Ring um die Hauptstadt herum, der im Norden auch das Stadtgebiet streift, ist in den 1930er Jahren angefangen und in den 70er Jahren von der DDR vollendet worden. Den inneren Ring der Stadtautobahn zu schließen, also vom Treptower Park in einem Bogen durch Ostberlin bis Wedding zu führen, ist eine Idee aus den längst vergangenen Tagen, als Stadtplaner von der autogerechten Stadt träumten. Auf den Weiterbau der A100 heute noch hatten Linke, Grüne und SPD in ihren Programmen zur Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September keinen Wert gelegt. Sie sprechen derzeit über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.
Es gibt Engstellen, wo die A100 extrem dicht an Wohnhäusern entlang führt – mit entsprechender Lärm- und Schadstoffbelastung für die dort lebenden Menschen. Nicht von ungefähr wartet die Infobox mit einer Simulation auf, bei der Besucher eine Lärmschutzwand höher oder tiefer setzen und die Geschwindigkeit vorbeifahrender Autos einstellen können. Sie bekommen dann zu hören, wie laut das wird.
In die Box ist außerdem die vordere Hälfte eines Pkw eingebaut, der als Fahrsimulator für drei Strecken dient, unter anderem für einen kurzen Abschnitt des Wegs von Potsdam kommend Richtung Hamburg. Das Lenkrad lässt sich dabei drehen, das Gaspedal durchtreten. Aber dies hat keinen Einfluss auf die auf einer Leinwand eingespielte Fahrt über eine untypisch völlig leere Autobahn. Wirklich etwas beeinflussen könnten Besucher an einem Spielzeugkran, mit dem ein Brückensegment einzuheben ist – doch leider funktioniert der Kran am Dienstag erst einmal nicht.
Ausgestellt sind Materialproben, darunter besonders gegen Rost widerstandsfähiger Stahl. »Wenn der Eiffelturm damit gebaut worden wäre, müssten sie ihn nicht ständig neu anstreichen«, heißt es mit Blick auf dieses 1889 eingeweihte Wahrzeichen von Paris.
»Wir wollen zeigen, was hinter dem Bauzaun geschieht. Infrastruktur entsteht nicht von allein.«
»Wir wollen zeigen, was hinter dem Bauzaun geschieht. Infrastruktur entsteht nicht von allein«, erklärt Franziska Gundermann-Vogelsang den Sinn und Zweck der Infobox. Gundermann-Vogelsang ist Bereichsleiterin bei der Deges Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH. Einen Blick hinter die Kulissen verspricht auch Michael Zarth vom Team Infobox. In einem Video berichtet ein Experte, wie in dem Gebiet bei Gelegenheit der Bauarbeiten die ungünstige Berliner Mischkanalisation aus Fäkalien und Regenwasser getrennt wird – ein echter Beitrag zum Umweltschutz, was sich beim Bau von Autobahnen sonst schwer sagen lässt. Auf den zwei Bildschirmen direkt daneben werden Livebilder von der Baustelle übertragen. Das mag später an einem anderen Standort der Infobox sinnvoll sein. Doch hier sieht man vorerst nichts anderes als von der Aussichtsplattform. Man muss vor diesen Bildschirmen nur den Kopf um 90 Grad drehen und aus dem Fenster schauen.
Die Infobox ist zunächst mittwochs von 14 bis 20 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Je nach Andrang sollen die Öffnungszeiten später angepasst werden.
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Source: nd