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US-Literatur | Ein Buch, das wehtut: »Fiasko« von Tony Tulathimutte
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Pech gehabt: Bei Social Media ist kein Notausgang eingebaut. Foto: Unsplash/Franck-v-EIfbfbi Im Jahr 1991 sorgte der Schriftsteller Bret Easton Ellis für einen Skandal. In seinem Roman »American Psycho« entpuppte sich der Ich-Erzähler – ein erfolgreicher Investmentbanker der Wall Street – als Sadist und Mörder. Die im Detail beschriebenen, tödlich endenden Sexszenen verlangten den Lesern einiges ab. Manche Kritiker sahen darin Gewaltpornografie. Ja, der Autor selbst wurde mit dem Hauptakteur des Buches gleichgesetzt (vermutlich wegen der Ich-Form). Ellis galt vielen fortan als Monster.
Natürlich war alles ein Missverständnis. Vor lauter Fixierung auf die Sexualmorde wurde übersehen, dass das Buch auch auf einer ganz anderen Ebene mit Grausamkeit nicht geizte. Denn der wahre Horror war der Alltag. Wenn der Ich-Erzähler von seinem Leben erzählte, von Statussymbolen, Geschäftsessen und Besuchen im Fitnessstudio, dann wand man sich als Leser, weil der Stumpfsinn nicht zu ertragen war. Nie zuvor hatte ein Autor die Welt der Schönen und Reichen so sterbenslangweilig und sinnentleert dargestellt. Dazu passten die Gespräche mit Gleichgesinnten. Hardcore-Smalltalks für Abgestumpfte: Alle reden aneinander vorbei, aber keinen stört’s.
Damals gab es noch kein Internet und daher auch keine sozialen Netzwerke und Chatgruppen. Wer glaubt, diese digitalen Errungenschaften hätten die Menschheit vorangebracht, wird in »Fiasko« von Tony Tulathimutte eines Schlechteren belehrt. In fünf längeren Erzählungen begegnen einem Menschen, von denen jeder auf seine Weise hochgradig gestört ist. Da ist »Der Feminist«, der aus sexueller Frustration – als guter Freund leiht er Frauen sein Ohr, diese ihm jedoch nicht ihren Körper – am Ende austickt. Da gibt es in der zweiten Geschichte die Frau mit Selbstwertproblemen, die die Augen davor verschließt, dass ihr guter Freund nicht mehr sein will als eben das. Nicht zu vergessen, der Schwule aus Geschichte 3, der feststellen muss, dass ein Outing noch lange kein erfülltes Sexleben nach sich zieht und der daher einen sehr speziellen Porno in Auftrag geben will.
Die Frau mit Selbstwertgefühlen wiederum gerät in Geschichte 4 an einen Megalomanen, der in ihr keine gleichberechtigte Partnerin sieht, sondern ein menschheitsveränderndes Zeugungsprojekt (unweigerlich denkt man an Elon Musk). Geschichte 5 trägt den Titel »Main Character – Einführung in Botgate V. 1.7.3«. Deren Kern ist ein 88-seitiger Post der vorgeblichen Schwester des Hauptakteurs aus Geschichte 3, die am Computer Tausende Social Bots – also fiktive Ichs in den sozialen Netzwerken – kreiert. Daran schließt sich ein zehnseitiger »Appendix« an, in dem ein fiktiver Erzähler Identität, Wahrheitsgehalt und Absicht der Verfasserin zu entschlüsseln versucht. Es folgen »16 Metaphern« und eine fiktive Verlagsabsage, die sich wie eine Interpretation des Buches liest. Womit wir auf der Metaebene der Metaebene angekommen wären.
Die Chatgruppen-Gespräche sind an Verlogenheit kaum zu überbieten. Sobald ein Konflikt aufkommt, zerreißt das fadenscheinige Netz der Solidarität.
Klingt verwirrend? Nur, wenn man den Fehler macht, »Fiasko« literaturwissenschaftlich zu analysieren, also Zusammenhänge zwischen Personen, Erzähl- und Metaebenen herstellen will. Dann hat man hinterher zwar vielleicht eine Doktorarbeit, aber ist dennoch nicht schlauer. Denn es ist nicht der mikroskopische Blick auf Details, der Klarheit schafft, sondern die Gesamtwirkung.
Wer »Fiasko« in einem Rutsch durchliest, ist danach ähnlich verstört wie damals bei »American Psycho«. Nein, vielleicht sogar noch ein bisschen verstörter. Der Roman von Bret Easton Ellis bot einem die Möglichkeit, emotional auf Distanz zu gehen – was hat schon die eigene Lebenswelt mit der eines Investmentbankers an der Wall Street zu tun! »Fiasko« lässt einem diesen seelischen Notausgang nicht. Wenn die Biografien der Hauptdarsteller erzählt werden, begreift man schnell, dass sie nur Nebendarsteller in ihrem eigenen Leben sind – das geht nahe. Zwar ist häufig von Sex die Rede (vor allem von schlechtem und jenem, der nur im Kopf stattfindet), doch das eigentliche Thema ist Einsamkeit und Bindungsunfähigkeit.
Die sozialen Netzwerke sind dabei keine Hilfe. In »American Psycho« machten die Protagonisten sich gar nicht erst die Mühe, ihre Kälte und Egomanie zu kaschieren. Die durch Social Media geprägten Menschendarsteller in »Fiasko« hingegen haben ihre Netiquette gelernt. Sie wissen, wie man Empathie simuliert, Mitgefühl heuchelt und sich selber in den moralischen Hochsitz katapultiert – schuldig sind immer die anderen. Die Chatgruppen-Gespräche sind an Verlogenheit kaum zu überbieten. Sobald ein Konflikt aufkommt, zerreißt das fadenscheinige Netz der Solidarität. Zurück bleibt ein sozial geächtetes Opfer.
Zu wundern braucht einen das nicht. »Spielte es eine Rolle, dass das Ganze in einem börsennotierten Schweinestall stattfand, in dem unser Verhalten erfasst und analysiert wurde, um unsere Gefangenschaft weiter zu zementieren? Eigentlich nicht. Wo sonst hätte ich die Macht gehabt, einen realen, nachweislich dummen Fremden in den Schlaganfall zu treiben; wo sonst fand man so ein dichtes Cluster an Cluster-B-Persönlichkeiten? (Menschen im Internet werfen sich gegenseitig ständig Narzissmus und Borderline vor, dabei ist die Haus- und Hofstörung offensichtlich histrionisch.).« Tja, die sozialen Netzwerke sind keine Besserungsanstalt. Vielmehr verstärken sie negative Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die man sich jenseits der digitalen Welt nicht erlauben würde.
Das ist eine Wahrheit, die nicht jeder hören möchte. In Zeiten, in denen das Bedürfnis nach »Safe Spaces« wächst, konfrontiert Tony Tulathimutte seine Leser damit, dass es solche Schutzräume nicht gibt, schon gar nicht in der digitalen Welt. Die Akteure von »Fiasko«, die die Zeitschrift »The New Yorker« halbironisch als »a bunch of huge fucking losers« (ein Haufen verfluchter Totalversager) tituliert, müssen erleben, dass sie selbst in Chatgruppen auf Ablehnung stoßen. Nicht zufällig trägt das Buch im Original den Titel »Rejection«. Menschen gehen online und bleiben dennoch offline, im Abseits.
Schon wieder kommt einem »American Psycho« in den Sinn: »Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!« Mit diesem Dante-Zitat beginnt Ellis’ Roman. Und er endet mit »Kein Ausweg« – es könnte auch der Schlusssatz von »Fiasko« sein.
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Source: nd