Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Germany nd

US-Avantgarde-Literatur | Lyn Hejinian und die unheimliche Klebrigkeit der Sprache

»Mein Leben« von Lyn Hejinian, eines der intelligentesten, strengsten und komischsten Bücher der US-Avantgarde, erscheint endlich auf Deutsch.

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Für Lyn Hejinian war in Frankreich jedes Wort ein Vogel, »ein singendes Ding«, zum Beispiel ein Kolibri. Foto: Unsplash/Mark Olsen Während unser Leben zusehends auseinanderfällt, gibt es doch etwas, das es zusammenzuhalten scheint: Sprache. Was gestern, vorgestern und vorvorgestern passiert ist, was uns Hinz ins Gesicht gebrüllt und Kunz uns zugeraunt hat, der doofe Kalauer aus der Werbung und vielleicht auch eine Zeile aus einem Schlager, all das kann der Kneipenplauderer oder die empörte Chatterin zu einem Lebensabschnitt zusammenkleistern.

Die US-amerikanische Dichterin Lyn Hejinian hat mithilfe des Klebstoffs Sprache eines der komischsten und intelligentesten Bücher der jüngeren Avantgarde collagiert und es einigermaßen kühn »Mein Leben« genannt. Auch ihr Leben setzt sich aus vielen bunten Mosaiksteinen zusammen, aber man bemerkt deutlich die Fugen: »Der Kolibri, nach allem, was wir wissen, könnte von früh bis spät singen. Wir waren in Frankreich, wo jedes Wort wirklich ein Vogel war, ein singendes Ding. Ich lache, als wären meine Töpfe sauber.« Es ist eine Autobiografie und doch wieder nicht, am ehesten ist es ein polytonaler Abgesang auf alles Autobiografische, Autofiktionen eingeschlossen. Nun ist dieses Meisterinnenwerk endlich auf Deutsch erschienen.

Zunächst einige Hinweise zur Orientierung: Die 1941 geborene Kalifornierin Hejinian lebte, ganz im rousseauistischen Stil, mit anderen, unter anderem dem Saxofonisten Larry Ochs und ihren Kindern aus erster Ehe, in einem selbst gebauten Haus im Mendocino County. Sie gründete 1976 den Verlag Tuumba Press. Nachdem sie sich 1983 in Leningrad mit dem Dichter Arkadij Dragomoschtschenko angefreundet hatte, lernte sie Russisch.

Hejinian webt ihr Netz aus vagen Feststellungen und unbeweisbaren Protokollsätzen.

1980 schrieb sie die erste Fassung ihres verblüffenden Buches. Das Chaos der Erinnerungen hält sie darin durch ein formales Exoskelett zusammen: Der Text hat 37 Abschnitte mit je 37 Sätzen, weil sie gerade 37 geworden war. 1987 entstand die endgültige Fassung. Nun war die Frau acht Jahre älter, also gibt es 45 Abschnitte mit je 45 Sätzen. Die Abschnitte beziehen sich nur lose auf das jeweilige Alter. Im dritten Abschnitt findet sich tatsächlich ein Satz zum dritten Lebensjahr und im neunten und zehnten je etwas zum neunten, im Allgemeinen wird bunt gewürfelt. Gespenstisch ist allerdings, dass Hejinian im 42. Abschnitt auf den Anfang von Dantes »Commedia« anspielt, »in unseres Lebensweges Mitte«, und tatsächlich hatte sie mit 42 die Mitte ihres Lebens gerade überschritten; sie wurde 83.

Um was geht es also in ihren Sätzen? Es geht um Familienmitglieder: den Onkel mit der Warze, den Opa, der als General paradiert, oder um ihren Sohn Paull; es geht um Gewächse: erschöpfte Fuchsien oder Steckrüben, die sich danach sehnen, »ein Mensch zu sein«; um Stranderlebnisse; um Pferde und Ponys; um Vögel als Vögel und als Wörter; um ominöse Ratschläge (»Gib einem Blinden nie Geld, ohne einen seiner Stifte anzunehmen«) oder Spruchweisheiten (»Keine Verlockung ist größer als das Zurückblicken«); um impressionistische Malerei oder die Kirchenfenster von Chartres. Einmal erlaubt sie sich einen Scherz auf Kosten des Dichters William Carlos Williams, dessen pseudomaterialistische Devise »No ideas but in things« war. Bei ihr lautet sie: »Keine Ideen außer in Kartoffeln.«

Wieder andere Themen kommen gerade nicht vor: Hejinian gesteht in einem Aufsatz (»Schreibheft«, 104/2025), sie habe die Kommunistenverfolgung und ähnliche Zeitereignisse ausgeblendet. Immerhin finden sich soziologische Glanzpunkte wie dieser: »Willkürlich interviewte Frauen mit Walkman widersprachen dem Eindruck, sie stellten Entfremdung zur Schau: ›Wir haben die 80er‹, sagte eine, ›wir tun nichts weiter, als den Raum einer nicht-historischen Perspektive unterzuordnen‹.« Schwangerschaft und Geburt werden zwar beiläufig erwähnt, doch fehlt Intim-Körperliches, obwohl die Dichterin bemerkt, sie habe sich in der Schultoilette übergeben müssen, weil sie sich so nach ihrer Mutter gesehnt habe. Hejinian webt ihr Netz aus vagen Feststellungen und unbeweisbaren Protokollsätzen.

Als postmoderne Penelope trennt sie zwar das, was sie bereits gewebt hat, nicht wieder auf. Aber sie zieht die Fäden mal hierhin, mal dorthin. Einzelne Bilder, Wörter und Wendungen kehren, manchmal minimal abgeändert, an verschiedenen Orten wieder. Das erhöht die Irritation beim Lesen und macht die Übersetzung zu einer herkulischen Aufgabe, die nur zwei ausgewiesene Dichter bewältigen konnten: Sonja vom Brocke und Norbert Lange.

Schon die ersten drei Wörter des Buches beweisen, wie schwer es die beiden hatten: »A moment yellow«. Das ist mit »Ein Augenblick gelb« korrekt wiedergegeben, zumal da Hejinian an anderer Stelle schreibt, ihre früheste Erinnerung sei das Gelb von Butterblumen. Doch kann »yellow« auch eifersüchtig und feige bedeuten. Da im selben Satz Purpur vorkommt, also auf das Verwundetenabzeichen »Purple Heart« und damit auf die Tapferkeit des Vaters angespielt wird, der im Weltkrieg kämpfte, wirkt das Gelb schon nicht mehr ganz so gelb. Eindeutigkeit zu zertrümmern – mit dem feinsten Uhrmacherhämmerchen, das zur Hand war –, ist die unverhohlene Absicht Hejinians. Vom Brocke und Lange führen sicher und kenntnisreich durch diesen irisierenden Text. Nirgendwo lassen sie sich zu den Kunststückchen hinreißen, mit denen andere Übersetzer sich selbst in den Vordergrund spielen. Das verleiht dem Text wohltuende Nüchternheit.

Oswald Wiener schrieb, die Leben der Spießer seien Romane aus dem 19. Jahrhundert. Angesichts der seit Jahren über uns hinwegrollenden autobiografischen Welle mögen sich manche fragen, ob sie die Widersprüche des Lebens in ihr untergehen sehen wollen. »Erinnerung ist die Währung meiner Klasse«, spottet Lyn Hejinian und zeigt uns mit »Mein Leben«, wie im Erinnern gegen die Erinnerung gedacht werden kann.

Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.

Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original