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UN-Verhandlungen | Weltklimagipfel in Zeiten des Stillstands
Im türkischen Antalya beginnt am Montag die COP 31. Es geht um Elektrifizierung, den Ausstieg aus Öl und Gas sowie Finanzhilfen für den globalen Süden.
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In den kommenden zwei Wochen wird sich herausstellen, welche Richtung die internationakle Klimapolitik einschlägt. Foto: AFP/Goksel YAPAR Weltklimagipfel verbinden sich oft mit den Orten, in denen sie stattfinden: Bekanntestes Beispiel ist der in Paris 2015, in der Zählung die 21. Konferenz der Vertragsstaaten, (COP 21) – dort wurde der Klimavertrag verabschiedet. Auch der Gipfel 2021 im schottischen Glasgow verbindet sich mit einem klimapolitischen Meilenstein; zum ersten Mal bekannten sich alle Staaten dazu, auf den Ausstieg aus der fossilen Verbrennung hinzuarbeiten.
Der am Montag beginnende 31. Weltklimagipfel im türkischen Antalya, zu dem rund 40.000 Teilnehmer und Vertreter von rund 200 Staaten erwartet werden, verfügt schon jetzt über drei Neuerungen: Erstmals richten zwei Länder eine COP aus. Die Türkei stellt den Gipfelpräsidenten und betreut die sogenannte Action Agenda. Australien kümmert sich um die eigentlichen Verhandlungen. Außerdem ist das Pariser Klimaabkommen nach einem Jahrzehnt in ein umfassendes Regelwerk gegossen und muss nun in konkreten Klimapolitiken umgesetzt werden. Dabei ist die COP 31 die erste Konferenz, auf der Politik und Wissenschaft offiziell nicht mehr davon ausgehen, dass das Pariser 1,5-Grad-Ziel einzuhalten ist. Die Erde wird das Limit in den nächsten Jahren überschreiten und in einen zumindest zeitweiligen »Overshoot« eintreten.
Laut der Prognosen kann die Erhöhung der globalen Mitteltemperatur bis Ende des Jahrhunderts bestenfalls auf 1,8 Grad begrenzt werden. Sofern die Staaten nur die Klimamaßnahmen umsetzen, zu denen sie sich bisher verpflichtet haben, kommen wir bei 2,6 Grad heraus. Das Limit von 1,5 Grad gilt als eine Art Gefahren-Schwelle, nach deren Überschreiten viele Klima-Kipppunkte umzufallen drohen. Für den bestmöglichen Overshoot-Pfad müssen laut Klimaforschern die globalen Emissionen von Treibhausgasen (THG) bis 2030 um mindestens 18 Prozent gegenüber 2025 sinken und um knapp 70 Prozent bis 2040.
Tatsächlich wird derzeit nur mit einer THG-Minderung von 5 bis 8 Prozent bis 2030 gerechnet. Die Lücke wächst somit weiter – und wie die Milliarden Tonnen CO2 wieder aus der Atmosphäre geholt werden können, um den Overshoot abzubauen, ist völlig unklar.
Damit nicht genug. Die Weltgemeinschaft muss sich derzeit mit einer Vielzahl von Krisen herumschlagen: Geopolitische Spannungen steigen, bewaffnete Konflikte nehmen zu und das internationale Rechtssystem bröckelt. Dazu kommt die vom Iran-Krieg ausgelöste Energiepreiskrise. Auch wird es immer teurer, die Folgen von Extremwettern auszugleichen. Und das zu einer Zeit, in der sich der Spielraum der öffentlichen Haushalte zunehmend verengt. Darunter leidet auch die internationale Klimafinanzierung. Expert*innen sprechen von einer Polykrise in der Klimakrise. Die Welt stecke auch in einem politischen Overshoot.
Schnelle Besserung beim Klimaschutz ist nicht in Sicht. Zwar hält das rasante Wachstum der erneuerbaren Energien im Strom und zunehmend auch im Verkehr an. Die Hoffnung, dass so auch die Emissionen sinken würden, erfüllt sich bisher aber nicht. Der Grund ist der weiter steigende Energiebedarf in der Welt. Diesen kann der Zubau der Erneuerbaren abdecken, es gelingt aber nicht, fossile Energieträger spürbar zu ersetzen. Ferner ist der Zuwachs bei den Erneuerbaren global nicht gerecht verteilt. Die neuen Kapazitäten werden zu 86 Prozent in Asien, Europa und Nordamerika gebaut – gerade ärmere Weltregionen gehen leer aus.
Auf der COP 31 wird über zwei Initiativen beraten, die dieses Problem angehen sollen. Da ist zum einen TAFF. Die Abkürzung steht für Transitioning Away from Fossil Fuels. Zahlreiche Staaten wollen als Fortsetzung des Glasgower Beschlusses einen konkreten, verbindlichen Fahrplan für den weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas vorantreiben. Angestoßen wurde dies bei der letztjährigen Klimakonferenz in Brasilien maßgeblich von Kolumbien und den Niederlanden.
Im April 2026 gab es dazu eine erste, weltweit beachtete Konferenz im kolumbianischen Santa Marta. Ziel von TAFF ist es, Staaten, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenzubringen, um den Übergang weg von fossilen Brennstoffen einzuleiten.
Die andere Initiative, die für Antalya Hoffnung verbreitet, ist das sogenannte Global Electrification Pledge. Nach dem Willen der Gastgeber sollen sich die Staaten verpflichten, bis 2035 mindestens 35 Prozent ihrer Endenergie durch Strom zu decken.
An dem Ziel hat selbst Deutschland ordentlich zu knabbern. Hierzulande liegt der Anteil des Stroms an der Endenergie erst bei rund 22 Prozent. Im Verkehr, beim Heizen und in der Industrie werden eben noch kräftig Öl und Gas verbrannt.
Ob Elektrifizierung dem Klima nutzt, hängt entscheidend davon ab, ob der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt und effizient eingesetzt wird – der Zuwachs bei den Erneuerbaren darf also nicht vom steigenden Energiehunger kompensiert werden.
Vom Vorrang für Ökostrom will die türkische COP-Präsidentschaft aber offenbar nichts wissen. »Sie plant, sich nicht auf ein grünes, sondern nur auf ein allgemeines Ziel bei der Elektrifizierung festzulegen«, erklärt Ines Dombrowsky vom German Institute of Development and Sustainability. Die Ökonomin hält es für dringend, ein grünes Ziel einzufordern, kohärent zur TAFF-Initiative. »Ansonsten droht die Elektrifizierungsdebatte zu einer Ablenkung von anderen wichtigen Themen wie der Anpassungsfinanzierung zu führen«, befürchtet sie
»Solange die Industrieländer nicht bereit sind, sich bei der Finanzierung zu öffnen, wird es auch anderswo keine Fortschritte geben.«
Ob die Türkei und auch Australien bei den Verhandlungen doch eine grüne Elektrifizierung unterstützen, ist fraglich. Die Türkei ist der größte Kohleverstromer Europas, Australien ein führender Exporteur von Steinkohle und Flüssiggas.
Ein weiterer Makel haftet TAFF und auch dem Elektroziel an. Sie sind aktuell nur Teil der sogenannten Action Agenda. Das ist eine über Jahre gewachsene Sammlung zwischenstaatlicher Initiativen, auf die sich nicht alle Staaten, sondern nur unterschiedliche Koalitionen von Willigen einigen konnten.
Wirklich global verbindlich werden die 35x35-Elektro- und die TAFF-Initiative nur, wenn sie in offiziellen Beschlussdokumenten der COP auftauchen. Ob insbesondere die Staaten des globalen Südens dem zustimmen und der Gipfel in Antalya damit ein Erfolg wird, hängt für die Expert*innen entscheidend vom Entgegenkommen der Industrieländer bei der Klimafinanzierung ab. Hier sollen die jährlichen Mittel bekanntlich bis 2035 auf 300 Milliarden Dollar steigen. Nach aktuellen Angaben umfasste die Klimafinanzierung 2024 etwa 137 Milliarden Dollar.
Tatsächlich aber bestehe nur ein Drittel diese Gelder aus Zuschüssen, der Großteil seien Kredite, die oft auch zu Marktkonditionen gewährt werden, kritisiert Jan Kowalzig von der Entwicklungsorganisation Oxfam. Er räumt in dem Zusammenhang ein, dass Deutschland zwar noch immer zu den größten Geldgebern der Klimafinanzierung gehört, die Mittel wurden aber von jährlich 6 Milliarden auf aktuell 4,7 Milliarden Euro gekürzt. Für die nächsten Jahre sind weitere Streichungen programmiert. Zum Ausgleich will die Bundesregierung mehr Kredite gewähren und mehr private Mittel mobilisieren. Damit verschiebe sich aber der Schwerpunkt des Mitteleinsatzes, warnt Kowalzig. Geld würde dann verstärkt in die Energiewende in den Schwellenländern fließen und weniger in Wiederaufbau nach Naturkatastrophen oder in Klimaanpassung.
Anpassung sei eben kein gewinnbringender »business case«, erläutert Sabine Minninger von der evangelischen Hilfsorganisation Brot für die Welt. »Einen Deich in Bangladesch zu bauen, bedeutet, dass der nächste Zyklon ihn wieder abräumen kann«, sagt die Klimaberaterin.
2024 dienten von den 137 Milliarden Euro Klimafinanzierung 35 Milliarden der Klimaanpassung. Um die Erhöhung dieser Mittel gibt es einen absurd anmutenden Streit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Zwar ist bereits beschlossen, die Anpassungsmittel bis 2035 – als Teil des 300-Milliarden-Pakets – zu verdreifachen, nur werden sich die Länder nicht einig, von welcher Basis aus dies gerechnet werden soll. »Die Klimaanpassung hängt politisch in den Kniekehlen«, zeigt sich Minninger illusionslos. Der Streit um die Anpassung habe sogar das Potenzial, bereits zum Start die COP 31 zu lähmen.
Oxfam-Experte Kowalzig blickt ohnehin eher pessimistisch auf mögliche konkrete Ergebnisse: »Wir sehen jetzt schon, dass die Industrieländer überhaupt nicht bereit sind, bei der Klimafinanzierung irgendetwas zu machen.« Das würden wiederum einige der Petrostaaten als taktischen Hebel nutzen, um Fortschritte an anderer Stelle zu verhindern. Das sei schon die letzten Jahre so gewesen. »Solange die Industrieländer nicht bereit sind, sich bei der Finanzierung zu öffnen, wird es auch anderswo keine Fortschritte geben«, prognostiziert Kowalzig.
In dem Punkt würde sich der Gipfel in Antalya dann nicht von vielen seiner Vorläufer unterscheiden. Er könnte trotz des Overshoots zum Symbol des Stillstands werden.
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