UN-Sonderberichterstatterin | Albanese präsentiert Bericht über »Mediazid« im Gaza-Krieg
Die UN-Sonderberichterstatterin kritisiert Morde an Journalisten in Gaza und einseitige Berichte im Westen. Die »Welt« bestätigt ihre Erkenntnisse.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Auch die Presse stirbt im Gaza-Krieg. Dazu gibt es Studien und ein Buch, und nun auch einen Bericht der Vereinten Nationen. Foto: dpa/Abed Rahim Khatib Mit Beginn des Kriegs im Oktober 2023 hat Israel den Gazastreifen auch für ausländische Journalist*innen abgeriegelt. Die Armee hat zudem viele palästinensische Medienschaffende getötet. Wie eingeschränkt auch die Berichterstattung in Deutschland ist, zeigte kürzlich eine Studie der Freien Universität Berlin und von Reporter ohne Grenzen. Auch das Buch »Staatsräsonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza« von Fabian Goldmann arbeitet diese Zensur und Selbstzensur präzise heraus.
Vor zwei Wochen hat nun auch Francesca Albanese einen Bericht mit dem Titel »Wahrheit unter den Trümmern: Medien in der Zeit des Völkermords« vorgelegt und kommt darin zu denselben Schlüssen. Albanese ist UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten. Auch sie konnte die Gebiete nicht betreten und stützt sich auf 89 Eingaben. Ihr auf Juli 2026 datierter Bericht richtet sich an die UN-Generalversammlung, wo sie ihn am Montag erläuterte. Am Dienstag stellte sie ihn auf einer Pressekonferenz vor.
Albanese zählt seit Oktober 2023 knapp 300 getötete palästinensische Journalist*innen und rund 710 getötete Angehörige. Damit liegen ihre Zahlen über denen von Reporter ohne Grenzen (220) und des Committee to Protect Journalists (247). Rund 70 Tötungen von Medienschaffenden in Gaza soll die israelische Armee gezielt vorgenommen haben, Albanese zufolge als Vergeltung für deren journalistische Arbeit. Für diese Zahl beruft sie sich auf die beiden Medienorganisationen. Auch nach der von Israel regelmäßig gebrochenen Waffenruhe vom Oktober 2025 habe es Tötungen von Medienschaffenden gegeben.
Die aus Italien stammende UN-Sonderberichterstatterin bewertet die Angriffe als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In der systematischen Tötung von Medienschaffenden sieht sie zudem einen Beleg für völkermörderische Absicht. Für die systematische Zerstörung der öffentlichen Funktion der Medien verwendet sie den Begriff »Mediacide«.
Über 100 palästinensische Journalist*innen wurden nach Angaben von Albanese festgenommen, rund 30 sitzen noch in Haft, zwei gelten als verschwunden. Außerdem habe die israelische Armee 150 Medienbüros und -institutionen sowie 81 Prozent der gesamten Informations- und Kommunikationsinfrastruktur im Gazastreifen zerstört. Auch Hamas und Palästinensische Autonomiebehörde schränken Journalismus ein oder bedrohen Medienschaffende, so der Bericht.
Israel wird für die Steuerung der in- und ausländischen Berichterstattung durch Zensur, Zugangsbeschränkungen und digitale Kampagnen kritisiert. Für 2024 nennt Albanese 1.635 von militärischen Stellen im Land gesperrte und 6.265 redigierte Nachrichtenbeiträge. Viele Äußerungen israelischer Medien kritisiert Albanese als entmenschlichende Sprache und Hassrede, in Einzelfällen auch durch politische Repräsentant*innen, als öffentliche Anstiftung zum Völkermord.
Der Bericht behandelt auch westliche Medien. Sie gäben israelische Darstellungen bevorzugt wieder, verschafften palästinensischen Stimmen kaum Gehör und benennen die israelische Verantwortung für die Getöteten unzureichend. Albanese beschreibt die Praxis, Journalist*innen als »Terroristen« zu etikettieren, wofür die israelische Armee mit der »Legitimization Cell« eine eigene Einheit unterhalte.
Wie zur Bestätigung ihrer Kritik berichtete am Dienstag die »Welt« über Albaneses Präsentation in der Generalversammlung. Die Zeitung wirft zwei der im Bericht erwähnten Journalisten vor, »Hamas-Terroristen« zu sein. Die angeblichen Beweise hat sie nach eigenen Angaben von einem »hochrangigen Vertreter« der israelischen Armee erhalten. Der Verfasser lässt auch keine Palästinenser*innen zu Wort kommen – dafür aber Israels Außenministerium mit einer Rücktrittsforderung an Albanese. Anfang 2025 hatte bereits ein Redakteur der »Taz« mit einem Artikel »Wenn Journalisten auch Terroristen sein können« eine Kontroverse zu derart einseitiger Berichterstattung unter Linken ausgelöst; inzwischen ist er zur »Welt« gewechselt.
Auch die »Tagesschau« und die »Bild« führt Albanese als Beispiele dafür an, dass Medien Terrorvorwürfe gegen getötete Journalist*innen ungeprüft übernommen haben. Für Deutschland nennt der Bericht ansonsten die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF. Ähnlich wie Goldmann kommt Albanese zu dem Schluss, dass die ARD in einer Handreichung zivile Opfer vor allem als Folge der angeblichen Nutzung menschlicher Schutzschilde durch die Hamas darstellt. Damit werde die israelische Verantwortung für inzwischen 72.000 Tote, darunter mehr als ein Viertel Kinder und Jugendliche, verschwiegen.
Zum ZDF verweist Albanese auf eine Auswertung, wonach 90,7 Prozent der Verwendungen des Wortes »barbarisch« Gewalt gegen israelische Opfer betrafen, während der Begriff für Angriffe auf Palästinenserinnen nicht verwendet wurde. Darüber hatte zuvor der deutsche Journalist Tarek Baé berichtet.
Für ihren Bericht hat Albanese auch soziale Netzwerke untersucht, darunter Meta, X, Alphabet und Tiktok. Allein auf Facebook und Instagram sollen seit Ende 2023 rund 38,8 Millionen Beiträge mit Palästinabezug entfernt, gesperrt oder unterdrückt worden sein. Als Quelle nennt Albanese die US-Webseite Dropsite News, die dazu einen Leak ausgewertet hatte. Auf X habe der Algorithmus Interaktionen mit großen palästinensischen Nachrichtenseiten um 77 Prozent gedrückt. Sehr häufig seien israelische Löschanfragen von den Plattformen befolgt worden, der Bericht nennt dafür 99,2 Prozent bei Tiktok und 94 Prozent bei Meta. Hetze gegen Palästinenser*innen blieb dagegen oft online. Albanese wirft den Plattformen zudem vor, israelische Regierungswerbung zu verbreiten und daran zu verdienen.
Von Israel fordert Albanese, die Angriffe zu beenden, inhaftierte Journalist*innen freizulassen und ausländischen Medien Zugang zu Gaza zu gewähren. Ihrem Auftraggeber, den Vereinten Nationen, empfiehlt Albanese, Beweise über die Verbrechen an palästinensischen Medienschaffenden und Kommunikationsstrukturen zu sichern. Dazu soll ein unabhängiger Monitoringmechanismus eingerichtet werden. Staaten sollen die festgestellten Angriffe untersuchen und dafür mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeiten.
Von Medien und Internetplattformen verlangt der Bericht, einseitige Behauptungen vor der Veröffentlichung zu prüfen, Palästinenser*innen zu Wort kommen zu lassen und sichtbare Korrekturen zu bringen, wenn sich andere Fakten ergeben.
Andere Medien haben Konzerne oder Milliardäre im Rücken. Wir haben die nd.Genossenschaft und Leser*innen wie dich. Das macht uns unabhängig und genau das wollen wir bleiben. Aber es heißt auch: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Du kannst direkt hier spenden, einmalig oder regelmäßig, damit nd bleibt.