Ukraine-Krieg | Ukraine: Saporischschja kommt nicht zur Ruhe
US-Präsident Donald Trump sieht einen großen Friedens-Deal am Horizont. Russland setzt derweil seine Angriffe auf die Region Saporischschja fort.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Suche nach Vermissten am 5. November nach dem russischen Luftangriff auf das ukrainische Dorf Komyschuwacha am 2. November Foto: AFP/ANDRIY ANDRIYENKO Die Such- und Rettungsarbeiten dauerten am fünften Tag nach dem Angriff noch an. Das schrieb der Militärgouverneur des Gebietes Saporischschja, Mychajlo Semikin, auf Telegram. Weil die ukrainischen Behörden vorher von Dutzenden Vermissten gesprochen hatten, ist mit weiteren Toten zu rechnen. Die Feuerwehr sucht weiter nach Überlebenden unter den Trümmern.
Es war der tödlichste russische Luftangriff auf die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren. Seit mehreren Tagen trauert das Gebiet Saporischschja um die Opfer des 2. November. Bei einem Luftangriff auf das Dorf Komyschuwacha waren dort nach Angaben der Feuerwehr mindestens 43 Menschen getötet worden. Nach weiteren 59 Menschen wird noch gesucht. Nicht auszuschließen, dass bei dem Angriff 100 Menschen ihr Leben verloren.
Die russischen Streitkräfte hatten den Ort am Morgen des 2. November mit neun Fliegerbomben angegriffen. Zu diesem Zeitpunkt sollten in einer Schule Lebensmittel und humanitäre Hilfsgüter an die Bevölkerung verteilt werden. Viele Menschen aus umliegenden Dörfern waren deshalb dorthin gekommen.
Unterdessen setzt Russland seine Angriffe auf die Region Saporischschja fort. Allein am 4. November registrierten die ukrainischen Behörden 784 russische Angriffe auf 53 Ortschaften. Dabei wurden drei Menschen getötet und ein weiterer verletzt.
Wütend sind die Menschen in der Ukraine nicht nur auf die russischen Militärs und Politiker, die mit ihren Raketen und Drohnen immer wieder ukrainische Zivilisten terrorisieren. Im Land wächst zugleich der Unmut über die Methoden, mit denen der ukrainische Staat neue Soldaten für die Verteidigung des Landes rekrutiert. Da sich inzwischen – anders als noch 2022 – kaum noch Ukrainer freiwillig zum Militärdienst melden, greift die Wehrbehörde TZK zu drastischen Maßnahmen. Männer werden auf offener Straße von Mitarbeitern der TZK aufgegriffen, in Kleinbusse verfrachtet und in Einrichtungen gebracht, in denen über ihre weitere Verwendung entschieden wird. Da die Betroffenen nicht freiwillig dort sind, gleichen diese Einrichtungen geschlossenen Haftanstalten: Sie sind nach außen gegen mögliche Angriffe und nach innen gegen Fluchtversuche gesichert.
Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Ljubinez stellte nach einem Besuch in einem solchen Rekrutierungszentrum fest, dass Männer dort teilweise bis zu 50 Tage ohne jede Rechtsgrundlage festgehalten würden. Kranke erhielten häufig keine angemessene medizinische Versorgung, anderen würden die Mobiltelefone abgenommen. Ein solcher Freiheitsentzug sei, wenn nicht von einem Gericht angeordnet, rechtswidrig. Diese Form der Internierung steht seit Längerem in der Kritik. Neu ist die Information über außergesetzliche Haftorte nicht. In einem gemeinsamen Bericht über willkürliche Verhaftungen, verschwundene Personen und Folter in der Ostukraine beschuldigten Human Rights Watch und Amnesty International im Juli 2016 beide Kriegsseiten, Personen an illegalen Haftorten festzuhalten. Am 2. November kam es vor einem solchen Rekrutierungszentrum in Petropawliwska Borschtschahiwka, einem Vorort von Kiew, zu einer Demonstration und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Steine flogen, Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Augenzeugen berichten von Schüssen.
Eine Frau, die 49-jährige Valentina Moloda, hatte sich als Ärztin verkleidet und trat in vollständiger medizinischer Einsatzkleidung auf. Dabei nutzte sie einen Krankenwagen, der die Insignien einer aufgelösten Klinik trug, und erhielt so Zugang zum Zentrum, das von der »Asow«-Einheit der Nationalgarde geführt wird. Da Valentina Moloda über ihre Aktion auf Tiktok und Telegram informiert hatte, waren über 100 Personen an dem Ort eingetroffen, um sie zu unterstützen. Die »Ukrajinska Pravda« zitiert eine Tetjana, die gekommen war, um ihren Mann herauszuholen, der einen künstlichen Darmausgang habe und seit 37 Tagen im Rekrutierungszentrum festgehalten werde. Bei ihrem kurzen Aufenthalt im Rekrutierungszentrum habe sie auch vier verletzte Fahnenflüchtige entdeckt, so Moloda.
Ukrainische Medien haben zu einem der vier Fahnenflüchtigen recherchiert, die Valentina Moloda aus dem Rekrutierungszentrum herausholen wollte. Es handelt sich um den 36-jährigen Andri Kuleschow, der sich nun bedingt durch seine Verletzungen in einem Kiewer Krankenhaus befindet. Er sollte am 9. November zur Grundausbildung abkommandiert werden. Der aus Donezk stammende Kuleschow habe seit 2014 mehrfach in Russland als Kellner gearbeitet, berichtet der Sender Hromadske. 20 Mal habe er in den vergangenen Jahren die Grenze zwischen Russland und der Ukraine überquert. Hromadske hat auch auf der russischen Plattform superjob.ru eine Bewerbung von Kuleschow als Kellner entdeckt. Inzwischen befindet sich Valentina Moloda in Untersuchungshaft. Ihr wird vorgeworfen, die ukrainischen Streitkräfte behindert, Informationen über die Standorte ukrainischer Militärangehöriger verbreitet sowie Massenunruhen organisiert zu haben. Zwei weitere mutmaßliche Mittäter wurden ebenfalls festgenommen und befinden sich in Untersuchungshaft.
Währenddessen waren sowohl Vertreter Russlands als auch der Ukraine diese Woche zu Gast im Weißen Haus. Doch den US-Präsidenten persönlich durfte nur der Kreml-Gesandte Kirill Dmitrijew treffen. Anschließend kündigte Trump einen möglichen Deal an, nannte aber keine Details. In Saporischschja war das ohnehin nur eine Randnotiz. »Die Ukraine braucht jetzt Unterstützung mit Luftabwehr«, so die Feuerwehr von Saporischschja auf Telegram.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.