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Türkei | Türkei: Influencer gegen Autoritarismus

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Journalisten protestieren in Ankara gegen die Zensurpolitik der Regierung gegenüber sozialen Medien. Foto: AFP/Adem Altan Die Verhaftung des charismatischen Oppositionsführers und Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu löste im März 2025 eine große Protestwelle aus. Die Antwort auf die Demonstrationen waren massive Polizeieinsätze und Massenverhaftungen, die von Einschränkungen und Zugriffssperren auf Inhalte in den sozialen Medien und Strafverfolgung wegen Social-Media-Beiträgen begleitet wurden.

Zu dieser Zeit fiel mir in meinem Instagram-Feed ein markanter Trend auf, der mich dazu veranlasste, über die Rolle von Influencer*innen bei der Bekämpfung des Autoritarismus nachzudenken. Als Reaktion auf Kritik an ihrer Unterstützung der Proteste veröffentlichten einige Influencer*innen im Kulturbereich ironische Videos, die viral gingen. Sie verwendeten dabei immer wieder die Worte: »Ihr erinnert mich ständig daran, dass sich bei den Accounts alles um ein spezielles Thema dreht (Englischunterricht, Architektur, Gartenarbeit usw.) und ich mich aus der Politik heraushalten solle. Dann lasst mich euch etwas über dieses spezielle Thema erzählen.«

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung unterhält mehr als zwei Dutzend Auslandsbüros auf allen Kontinenten. Im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit »nd« gibt es an dieser Stelle regelmäßig Berichte über Entwicklungen in den verschiedensten Regionen. Alle Texte auf: dasnd.de/rls

So erklärte beispielsweise eine Influencerin für englische Sprache, dass die Nachfrage nach ihren Inhalten selbst eine Folge der neoliberalen Privatisierung und des Verfalls des öffentlichen Bildungswesens sei. Eine Content-Creatorin für Gartengestaltung stellte eine in Istanbul heimische Blume vor, die sehr zeitig im Frühling blüht – genau zu der Zeit, als die Saraçhane-Proteste stattfanden. Sie stellte sie als Symbol der Hoffnung und der Möglichkeit eines politischen Neuanfangs dar.

Auf diese Weise lenkten sie die Aufmerksamkeit auf die Misswirtschaft und den Machtmissbrauch der AKP-geführten Regierung. Anstatt ihre Kanäle in offen politische Plattformen zu verwandeln, nutzten sie ihre Fachgebiete als Mittel, um sich zur Politik zu äußern.

In der heutigen, von sozialen Medien geprägten Welt findet politische Kommunikation zunehmend auf digitalen Plattformen wie Youtube, Tiktok und Twitch statt. Lange Zeit schienen diese Räume von rechtsextremen Agitatoren, Verschwörungstheoretikern, Einwanderungsgegnern und Betrügern aus der »Manosphere« dominiert zu sein, die als Katalysatoren für den jüngsten Aufstieg des Faschismus weltweit gelten.

Doch auch die Linke hat die Unvermeidbarkeit und das Potenzial der sozialen Medien erkannt. Aktivist*innen und politische Organisationen wenden sich zunehmend der Erstellung von Inhalten zu, um dem Vormarsch rechtsextremer Politik entgegenzuwirken. Sie versuchen, das Publikum zu beeinflussen, indem sie die progressive Idee der sozialen Gerechtigkeit verbreiten. Der amerikanische sozialistische Streamer Hasan Piker ist wohl das prominenteste Beispiel für diesen Trend. In Deutschland hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung das Handbuch »Influencing Against the System« herausgebracht, um Linken eine Anleitung zu geben, wie sie soziale Medien als strategisches Instrument politischer Kommunikation nutzen können.

Kritische Influencer*innen sind eine Mischung aus Kultur- und Politik-Influencer*innen, die fundiertes Wissen mit Gesellschaftskritik und Kommentaren verbinden. Für viele junge Menschen in der Türkei sind diese Influencer*innen Vorbilder, die ihren Wunsch nach Selbstentfaltung in Richtung eines politisch fundierteren Verständnisses der Welt lenken. Sie kommunizieren auf zugängliche und nachvollziehbare Weise, greifen populäre Themen auf und passen sich den Genres und Rhythmen der sozialen Medien an. Zudem verweben sie politische Kritik mit ihrer kulturellen, akademischen und beruflichen Expertise.

Ein Influencer für sozialistische Philosophie erklärt so beispielsweise Marx’ Begriff des Mehrwerts in einem Reaktionsvideo auf einen peinlichen Unternehmensclip, in dem eine Geschäftsfrau ihre Firma lobt. Ein Universitätsprofessor veröffentlicht Reels über wissenschaftliche Studien, die Arme und Reiche in gesellschaftlich relevanten Fragen vergleichen – etwa wie sie ihre Erfolge als Glück oder persönliches Verdienst interpretieren –, um die sozialen Dimensionen der Klassenungleichheit aufzudecken.

An anderer Stelle setzt sich ein Volksmusiker mit frauenfeindlichen Klischees auseinander, indem er anhand fesselnder Geschichten aus der Vergangenheit die Beiträge von Frauen zur traditionellen Volksmusik hervorhebt. Ein anderer Influencer im Bereich Sprachunterricht hinterfragt das aktuell harte Vorgehen gegen queere Menschen, das unter dem Vorwand des Schutzes »der Familie« erfolgt, während er englische Vokabeln und Redewendungen erklärt.

Angesichts der politischen Risiken, die mit gegenhegemonialen Aussagen und den allgegenwärtigen Verleumdungskampagnen verbunden sind, müssen diese Influencer*innen ihre Rhetorik jedoch sorgfältig abwägen. Der türkische Staat stützt sich in hohem Maße auf digitalen Autoritarismus, um die Verbreitung abweichender Meinungen zu unterdrücken. Zugriffsverbote für Inhalte und die strafrechtliche Verfolgung von Social-Media-Nutzer*innen sind weit verbreitet.

Im Jahr 2025 überwachten Polizei und Gendarmerie über 600.000 Social-Media-Konten, gegen mehr als 210.000 Social-Media-Nutzer*innen wurde ermittelt, und Tausende von Menschen wurden festgenommen. In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 gab das türkische Innenministerium bekannt, dass 73.000 Social-Media-Konten gesperrt worden seien. Zuletzt starteten die staatlichen Behörden die Operation »Meine Familie ist sicher«, die ein hartes Vorgehen gegen LGBTQ-Organisationen, die Massenfestnahme von Aktivist*innen und die Sperrung von hunderten Social-Media-Konten zur Folge hatte.

Neben dem digitalen Autoritarismus stellt die Polarisierung die andere große Einschränkung für Content-Creator*innen dar, die gegenhegemoniale Diskurse vorantreiben wollen. Die Polarisierung in Bezug auf Religion, Fragen der öffentlichen Moral, Geschlechtergleichstellung und LGBTQ-Rechte verstärkt die Wirkung von Verleumdungskampagnen, bei denen die Verhaftung bestimmter Influencer*innen gefordert wird. Frauen und queere Content-Creator*innen sind besonders anfällig für Hasskommentare im Internet und Einschüchterungsversuche wie Doxxing.

Eine Influencerin aus dem Bereich der Psychologie mit rund einer halben Million Instagram-Follower*innen ist ein prominentes Beispiel für diese Dynamik. Als muslimische Frau, die ein Kopftuch trägt, stellt sie den reaktionären religiösen Konservatismus und die Kluft zwischen Säkularismus und Religion infrage, die die AKP-Regierung regelmäßig mobilisiert, um ihre Herrschaft zu festigen. Sie verteidigt Säkularismus und Geschlechtergleichstellung und wendet sich gegen die gezielte Verfolgung queerer Menschen, oft durch Reaktionsvideos, in denen sie auf Bemerkungen regierungsnaher Kommentator*innen eingeht. Sie war wiederholt Ziel von Verleumdungskampagnen, in denen mit dem Vorwurf, sie habe islamische Werte beleidigt, ihre Verhaftung gefordert wurde.

Unter diesen Umständen neigen viele kritische Influencer*innen dazu, unauffällige Formen gegenpolitischer Äußerungen zu suchen. Sie verzichten bewusst auf aufwieglerische Rhetorik und offene Angriffe auf die AKP.

Es ist zudem wichtig zu berücksichtigen, dass sich die politische Arbeit der Influencer*innen mit ihren Bemühungen um den Aufbau von Sichtbarkeit und die Erzielung von Einkommen überschneidet. Diese Überschneidung kann ihre Reichweite bei Zielgruppen vergrößern, die ihre politischen Ansichten teilen, setzt sie aber auch den damit verbundenen Konsequenzen aus. Für diejenigen, die die Erstellung von Inhalten als Nebentätigkeit betreiben, wird es immer wichtiger, unter dem Radar zu bleiben, um ihr Hauptanliegen nicht zu gefährden.

Doch die Gründe für zurückhaltende und indirekte Kritik gehen über die Notwendigkeit, politische Risiken zu minimieren, hinaus. Sie spiegeln auch die Absicht wider, Zielgruppen jenseits der tiefen Gräben der Polarisierung anzusprechen. So erklärte beispielsweise ein sozialistischer Content-Creator, er versuche, AKP-Wähler*innen zu beeinflussen, die von ihrer Partei desillusioniert seien. Er erwähnte, dass er bei der Ansprache seines Publikums einen familiären, vertrauten Ton verwende, indem er männliche Kommentatoren beispielsweise als »mein Bruder« anspreche.

In ähnlicher Weise betonten zwei feministische Influencerinnen ihre Absicht, männliche Zielgruppen anzusprechen, indem sie die ausgrenzenden Fallstricke der Identitätspolitik vermeiden und das Patriarchat als ein System darstellen, das auch Männern schade. Ein weiterer Creator, der Inhalte zum Thema toxische Männlichkeit produziert, berichtete von seinen Bemühungen, in den Feeds junger Männer zu erscheinen, die sich zu Incel- und Red-Pill-Ideen hingezogen fühlen.

Antonio Gramsci beschrieb »organische Intellektuelle« als Akteure, die in der Welt der Produktion verwurzelt sind und praktische Erfahrung, kritisches Verständnis und politisches Engagement vereinen. Können kritische und linke Influencer*innen heute eine ähnliche Rolle spielen?

Tatsächlich bieten soziale Medien umfangreiche Möglichkeiten, Wissen zu teilen und vorherrschende Ideen infrage zu stellen.

Tatsächlich bieten soziale Medien umfangreiche Möglichkeiten, Wissen zu teilen und vorherrschende Ideen infrage zu stellen. Doch algorithmische Fragmentierung und personalisierte Empfehlungssysteme bergen die Gefahr, digitalen Aktivismus auf Rückkopplungsschleifen und Filterblasen zu beschränken, wo er hauptsächlich Menschen erreicht, die bereits ähnliche Ansichten teilen. Influencer*innen stehen daher vor der Herausforderung, Menschen jenseits ihrer üblichen algorithmischen Reichweite anzusprechen, die ihre politische Weltanschauung und ihren kulturellen Habitus nicht teilen.

Dies erfordert ein praktisches Verständnis der Algorithmen auf den Plattformen und der dynamischen Funktionsweise der Aufmerksamkeitsökonomie. Doch das allein reicht nicht aus. Um als organische Intellektuelle zu agieren, müssten kritische Influencer*innen verstehen, warum rechtsextreme, neokonservative und reaktionäre Ideen in der Gesellschaft Anklang finden, und Wege finden, in diese ideologischen Kämpfe einzugreifen.

Auf dieser Grundlage müssen sie dazu beitragen, politische Ideen zu verdeutlichen, fragmentarische soziale Missstände mit einem umfassenderen gegenhegemonialen Projekt zu verknüpfen und ein gewisses Maß an moralischer und intellektueller Führungsstärke zu liefern. Dies wirft Fragen nach kollektiver Organisation und koordiniertem Handeln auf, was sich nur schwer mit der individualistischen, selbstdarstellerischen und unternehmerischen Logik des Influencer-Daseins vereinbaren lässt.

Wie auch anderswo zeichnen sich in der Türkei Bemühungen ab, dem Mangel an Koordination entgegenzuwirken. Das Bi’Tık-Netzwerk wurde kürzlich als linke Solidaritätsinitiative für Content-Creator*innen gegründet. Es zielt darauf ab, kollektives Handeln zu fördern, um Kämpfe für soziale Gerechtigkeit voranzutreiben und eine koordinierte Agenda in den sozialen Medien zu setzen.

Allerdings stehen linke Kollektive von Content-Creator*innen und Influencer*innen vor wichtigen Fragen: Können sie dauerhafte Verbindungen zu sozialen Bewegungen, politischen Parteien und anderen Formen kollektiven Handelns vor Ort knüpfen? Könnten solche Verbindungen dazu beitragen, eine politische Ausrichtung über flüchtige virale Momente und egozentrische Formen der Auseinandersetzung hinaus aufrechtzuerhalten?

Es ist definitiv an der Zeit, über diese Fragen nachzudenken und mit Organisationen politischer Influencer*innen und alternativen Wirtschaftsmodellen für Content-Creator*innen zu experimentieren.

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Originally published bynd
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