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Streit um Anthropozän | Plastik statt Plutonium
Forschende streiten um das Anthropozän als Erdzeitalter. Wie ließe sich messen, ab wann der Mensch zum bestimmenden Umweltfaktor wurde?
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Plastikmüll in den Meeren: Kann am Auftauchen von Mikroplastik in den Sedimenten der Beginn des Anthropozäns gemessen werden? Foto: dpa/epa/Mike Nelson Die Auswirkungen des Menschen auf Umwelt und Klima sind unübersehbar. Aber wo wissenschaftlich nicht besonders qualifizierte Durchschnittspersonen überall unverkennbare und oft auch dauerhafte Spuren des menschlichen Treibens auf dem Planeten Erde erkennen können, da verlangen die Geolog*innen immer noch eindeutige Beweise für das menschliche Unwesen. Und zwar solche, die auch in Jahrmillionen von künftigen, auf den Homo sapiens folgende Arten noch klar lesbar sind.
Und so wurde im Jahr 2024 die Anerkennung des Anthropozäns als Erdzeitalter von einer Gruppe von Expert*innen, der International Commission of Stratigraphy (ICS), abgelehnt. Das Anthropozän sollte die Epoche bezeichnen, in der Menschen Geologie und Klima maßgeblich verändert haben.
Für die Existenz des Anthropozäns wurden 2023 Beweise vorgelegt, die am Grund eines besonders ungestörten Sees in Kanada sicher lagerten, in den Sedimenten, die sich natürlicherweise dort bilden. Dieser See sollte der wissenschaftliche Referenzpunkt für den Beginn des Anthropozän werden. Da fand man beispielsweise Spuren von Plutonium 239, entstanden bei den oberirdischen Atomtests zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Dieser Moment der »großen Beschleunigung« sollte den Beginn der neuen Epoche markieren, so der Vorschlag der Anthropocene Working Group. Die Sedimente verweisen außerdem auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe oder von Stickstoffdünger.
Doch die ICS war nicht überzeugt. Nicht, dass die Expert*innen den menschlichen Einfluss auf das Klima und das Erdsystem abgestritten hätten. Bedenken wurden etwa geäußert, dass sich kein eindeutiger Zeitpunkt und Ort für den Beginn des Anthropozäns definieren ließ. War es der Beginn der sesshaften Landwirtschaft? Die Industrielle Revolution? (Genauso ließe sich wahrscheinlich fragen, wann der Kapitalismus in die Welt kam. Starten wir da schon bei der ursprünglichen Akkumulation und wann genau fing diese an?) Da Menschen zu solchen Fragen nicht genügend Abstand haben, sollen sie vielleicht nicht von Menschen beantwortet werden, sondern von den Forschenden künftiger Spezies – was so allerdings nicht ausgesprochen wurde.
Auch wenn es keinen Zeitpunkt für eine Wiedervorlage gibt, geben sich doch längst nicht alle Forschenden mit der Ablehnung des Anthropozäns zufrieden. Und so sucht ein Team des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und der Universität Leicester nun nach der untrüglichen Wahrheit im Mikroplastik. Ultrakleine Plastikpartikel, im Sediment sicher abgeschirmt von Umwelteinflüssen, würden sich so gut wie nicht mehr verändern und eignen sich daher als Marker, argumentieren die Forschenden. Beginnen würde das Anthropozän auch in diesem Fall um die Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Kunststoffe in die industrielle Massenproduktion gingen. Bekommt das Anthropozän doch noch eine Chance? Jutta Blume
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