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Straßenkinder | Geborgen in der Nacht

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Bescheiden, aber warm: ein Zimmer im Straßenkinderhaus »Butze« Foto: dpa/Britta Pedersen Annika war 16, als sie auf der Straße landete. »Ich bin meistens morgens unter der Brücke aufgewacht«, erinnert sie sich heute. Sie hatte eine Zeit lang in einer Jugendhilfeeinrichtung gelebt und sollte es wieder mit ihren Eltern versuchen. Aber es funktionierte nicht. »Beim Jugendamt hatte ich keinen Ansprechpartner mehr, weil meine Akte geschlossen war«, sagt Annika. Einen festen Ort zum Schlafen gab es nicht mehr. Dabei machte sie eine Ausbildung zu dieser Zeit, musste sich das Schulgeld für die private Berufsschule erbetteln.

Der Wendepunkt kam, als sie an einem Nachmittag vor dem damaligen Kaiser’s-Supermarkt an der Warschauer Straße schnorrte. Eine Sozialarbeiterin drückte ihr ein Care-Paket in die Hand. »Ich kann mich heute noch an den Inhalt erinnern«, sagt Annika und lächelt. Eine Kältedecke, ein Schokoladenriegel, Hygieneartikel. Und die Streetworkerin hatte noch einen Tipp für sie: Falls sie reden wolle, gebe es eine Beratungsstelle gleich um die Ecke.

Heute lebt Annika in einer eigenen Wohnung, hat ihr Fachabitur gemacht und studiert jetzt selbst soziale Arbeit. Dass sie den Sprung von der Straße geschafft hat, glaubt sie, liegt auch an der Unterstützung durch den Verein Straßenkinder. »Ich wurde herzlich empfangen«, erinnert sie sich an ihren ersten Besuch in der Anlaufstelle. Die Sozialarbeiter halfen ihr, Bafög zu beantragen und unterstützten sie später dabei, eine Wohnung zu finden. »Mir wurde sogar eine Stehlampe in die Wohnung gebracht«, sagt Annika. Auch einen gebrauchten Laptop erhielt sie, der Verein kümmerte sich auch noch um sie, als sie schon eine Wohnung hatte.

15.700 minderjährige Wohnungslose gibt es nach Zahlen des Kinderschutzbundes in Berlin, deutschlandweit sind es 137.000. Nur ein Teil wohnt auf der Straße, andere sind in Wohnheimen untergebracht oder schlagen sich mit wechselnden Schlafplätzen bei Bekannten durch. Nur in seltenen Fällen handelt es sich um Straßenkinder im Wortsinne, daher sprechen Sozialarbeiter meist von »Straßenjugendlichen«. In Lichtenberg haben sie ab Dienstag eine neue Anlaufstelle. Dann eröffnet das Straßenkinderhaus »Butze« in unmittelbarer Nähe zum S-Bahnhof Lichtenberg seinen Betrieb. Der Festakt wurde bereits am Freitag gefeiert. An dessen Rande sprach »nd« mit Annika.

Das Gebäude der neuen Einrichtung sticht mit seiner hellgrün schimmernden Fassade schon aus der Entfernung aus der Umgebung hervor. »Ein Haus der Chancen« solle die »Butze« sein, sagt Eckhard Baumann, Vorsitzender des Vereins Straßenkinder, am Freitag beim Festakt zur Eröffnung. Auf sieben Etagen finden sich gleich mehrere Angebote für Straßenjugendliche. In der ersten Etage gibt es Beratungsräume. »Viele brauchen Hilfe dabei, ihre Personaldokumente zu beantragen«, erzählt ein Mitarbeiter. Man biete aber auch psychosoziale und auch Rechtsberatung an. Ein Anwalt komme pro Bono einmal die Woche ins Haus und berate Jugendliche.

Darüber ist im zweiten Stock eine Notübernachtung eingerichtet. Jugendliche können sich tagsüber anmelden und dann von 22 Uhr bis 9 Uhr morgens bleiben. Es gebe ein Abendessen und morgens ein Lunchpaket für den Weg, erzählt eine Mitarbeiterin. In den schlicht eingerichteten Zimmern stehen je zwei Betten. Genutzt werden soll aber im Idealfall nur eins. »Die Jugendlichen sollen auch mal eine Nacht für sich haben können«, sagt die Mitarbeiterin. Bei erhöhter Nachfrage oder etwa für Pärchen könne man die Zimmer aber auch doppelt belegen. Bis zu 34 Jugendliche können hier unterkommen. Die Räume sind konsumfrei, Haustiere sind allerdings im Gegensatz zu vielen anderen Einrichtungen erlaubt.

Was die »Butze« einzigartig macht, ist, dass es hier nicht nur Bleiben für eine Nacht gibt. In Zimmern im dritten und vierten Stock können Jugendliche übergangsweise auch für mehrere Wochen und Monate unterkommen. In den Zimmern gibt es eigene Bäder, im vierten Stockwerk sogar eigene Küchen. Dass so verschiedene Wohnformen und Beratung unter einem Dach vereint sind, gibt es so sonst nirgendwo in der Bundesrepublik.

»Es geht darum, vom Überleben wieder zum Leben zurückzufinden.«

Annika hätte sich etwas Ähnliches gewünscht, denkt sie an ihre Zeit auf der Straße zurück. »Es gab zwar immer Möglichkeiten, irgendwo unterzukommen, aber es war nicht sicher«, sagt sie. »Viele, die einen Schlafplatz anbieten, haben nicht die gemeinnützigsten Interessen.« In Notübernachtungen, die sich an Erwachsene richten, seien die Verhältnisse beengt.

Finanziert wurde das Straßenkinderhaus aus Spenden. Etwa zwei Drittel steuerte allein das Ehepaar Birgit und Thomas Rabe bei. Thomas Rabe ist Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Gruppe. Beim seit 2023 laufenden Projekt habe man zwischenzeitlich Probleme mit den explodierenden Baukosten gehabt. »Aber Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt«, sagt er beim Festakt.

Dass die Arbeit mit Straßenjugendlichen auch mit guter Infrastruktur nicht einfach ist, weiß Lille. Sie ist Sozialarbeiterin. »Es geht um eine sehr vulnerable Zielgruppe«, sagt sie. Es gebe viel Potenzial, dass etwas schiefgehen könne. Viele Jugendliche, die auf der Straße leben, seien durch Gewalt im Elternhaus geprägt, andere seien mit drogenabhängigen Eltern aufgewachsen und später selbst abgerutscht. Es sei nicht unüblich, dass die Jugendlichen schon im jungen Alter mit schweren psychischen Problemen kämpfen.

»Je mehr schon passiert ist, desto schwieriger wird es zurückzukommen«, sagt Lille. Vielen Jugendlichen falle es schwer, Vertrauen aufzubauen, auch zu Hilfsinstitutionen. »Jeder kämpft seinen eigenen Kampf«, berichtet sie. Das Leben auf der Straße sei gesundheitlich belastend, physisch wie psychisch.

Lille steckt viel Hoffnung in das neue Haus. »Wir wollen hier Gemütlichkeit herstellen«, sagt sie. Ein »Zuhause für die, die kein Zuhause haben« solle die »Butze« sein. Besonders freut sie sich über die Holzwerkstatt im Keller, wo ein Tischler die Jugendlichen bei kleinen Projekten begleite. »Man kann gucken, was man außer Straße noch kann«, sagt Lille. Die Jugendlichen könnten so ihre Stärken entdecken. »Es geht darum, vom Überleben wieder zum Leben zurückzufinden.«

»Wenn wir merken, dass die Leute bereit sind für den nächsten Schritt, dann können wir das direkt anbieten«, fasst Lille das Konzept des Hauses zusammen. Sie weiß aber auch, dass man auf Rückschläge vorbereitet sein muss. »Keine Verschlechterung ist auch manchmal ein Erfolg«, erzählt sie. Für die meisten Jugendlichen auf der Straße sei es ein langer Weg zurück in geregelte Lebensverhältnisse – mit Höhen und Tiefen.

»Es gab viele Aufs und Abs«, sagt auch Annika über ihren Weg. Wenn die heute 27-Jährige sich an ihre Zeit auf der Straße erinnert, dann muss sie auch an die anderen Mädchen denken, mit denen sie damals ihr Lager aufschlug. Manche seien noch jünger als sie selbst gewesen. »Viele suchen immer noch ihren Weg«, sagt sie. Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht. »Und andere haben es nicht geschafft.«

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Source: nd