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Stoffwechsel | Umstrittenes Coenzym
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Nervenschäden am Fuß infolge von Diabetes können zu Gefühlsverlust, Kribbeln und Schmerzen führen. Foto: IMAGO/YAY Images Seit über 30 Jahren ist die schwefelhaltige Fettsäure mit der Bezeichnung Alpha-Liponsäure zur Behandlung von Folgesymptomen der Zuckerkrankheit zugelassen. Im Zuge der Gesundheitsreform im Jahr 2003 wurde jedoch die Kostenerstattung dieses nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittels durch die gesetzlichen Krankenkassen komplett gestrichen.
Ein herber Rückschlag für Menschen mit Diabetes mellitus, wovon in Deutschland derzeit rund elf Millionen betroffen sind. Nach jahrelanger Krankheit kommt es trotz guter ursächlicher Therapie und möglichst stabiler Justierung des Zuckerstoffwechsels bei circa vier Millionen Menschen zur Schädigung der feinen, dünnen Blutgefäße, welche die Nerven etwa an Händen und Füßen versorgen. Infolgedessen funktioniert die Signalübertragung an den Nerven nicht mehr so genau wie erforderlich. Unterschieden wird dabei zwischen motorischen, sensiblen und vegetativen Nerven; zusammengefasst werden die Beschwerden als diabetische Neuropathie. Oftmals treten neben Taubheitsgefühlen auch Gangunsicherheiten und chronische Schmerzen auf.
Lebensmittel wie Brokkoli, Spinat, Möhren, Tomaten, Leber und Weizenkeime enthalten von Natur aus Alpha-Liponsäure.
Bis 2003 war die Alpha-Liponsäure ein wichtiges, von den Krankenkassen bezahltes Arzneimittel zur Behandlung dieser Nervenbeschwerden. Sie schützt dabei nicht nur die feinen Nervenenden und verbessert die Zuckeraufnahme in die Muskeln, sondern wirkt auch direkt in den Energiekraftwerken der Zellen, den Mitochondrien. Als Coenzym sorgt sie dort mit dafür, dass Zucker in Energie umgewandelt werden kann. Dadurch verstärkt dieser wichtige Stoff auch die Wirkung blutzuckersenkender Medikamente, was besonders zu Beginn der Einnahme eine häufige Kontrolle erfordert.
Inzwischen wird die zu den Vitaminoiden zählende Alpha-Liponsäure in Apotheken meist als hoch dosiertes Arzneimittel sowie auf Internetportalen als niedriger dosiertes Nahrungsergänzungsmittel oft in Kombination mit Pflanzeninhaltsstoffen teuer verkauft.
Die Einordnung als Vitaminoid bedeutet, dass gesunde Menschen eine gewisse Menge dieser vitaminähnlichen Substanz selbst herstellen können. Zur Bildung von Liponsäure benötigt der Körper die schwefelhaltige Aminosäure Cystein, die vor allem im Hühnerei und in Fleisch, aber auch in Vollkorngetreide, Mais, Soja und Erbsen vorkommt, sowie die mittelkettige Fettsäure Octansäure zum Beispiel aus Butter, Kokosfett, Ziegen- und Schafskäse oder Cashewnüssen. Als gesättigte Fettsäure kann der Körper diese aber auch aus anderen Fettsäuren selbst umwandeln.
Einige Lebensmittel wie Brokkoli, Spinat, Möhren, Tomaten, Leber und Weizenkeime enthalten von Natur aus Alpha-Liponsäure, die früher auch als Thioctansäure, abgeleitet von der namensgebenden Fettsäure, bezeichnet wurde.
Dennoch weisen Menschen in bestimmten Stress- oder Krankheitssituationen, insbesondere nach langjähriger Zuckerkrankheit sowie deren Vorstufe, einem Prädiabetes, zu geringe Blutspiegel dieser vitaminähnlichen Substanz auf. Daher bieten verschiedene Arztpraxen auch eine selbst zu zahlende Infusionstherapie mit diesem Mikronährstoff an. So wird eine schnelle Linderung von Schmerzen ermöglicht. Nach zwei bis vier Wochen wird die Behandlung durch eine orale Einnahme von 300 bis 600 Milligramm Alpha-Liponsäure täglich fortgesetzt.
Bei diesen pharmakologisch wirksamen hohen Dosierungen gibt es jedoch Risiken. So kann es zu starken Unterzuckerungen kommen. Eine ärztliche Beratung und Kontrolle sind daher vor Beginn der Anwendung stets anzuraten.
Bestimmte Medikamente gegen Krebs können bei gleichzeitiger Einnahme von Alpha-Liponsäure nicht optimal wirken. In diesem Fall ist von der Nutzung abzusehen. Auch ein Einfluss auf Schilddrüsenhormone wurde beobachtet. Müssen bei einer bestehenden Unterfunktion der Schilddrüse diese Hormone eingenommen werden, ist ein zeitlicher Abstand von mehreren Stunden eine mögliche Lösung.
Generell wird die orale Einnahme von Alpha-Liponsäure entweder 30 Minuten vor dem Essen oder zwei Stunden danach empfohlen, nur so kann der Mikronährstoff gut resorbiert werden. Hier unterscheidet sich die Vorgehensweise stark von den meisten Vitaminen, die besser zusammen mit Nahrung aufgenommen werden.
Weiterhin ist bei der Zuführung ein zeitlicher Abstand zu verschiedenen Mineralstoffen oder Spurenelementen erforderlich, weil diese besondere Fettsäure Metalle bindet, die dann nicht im Darm resorbiert werden können. Bei längerer Einnahme sollten die Eisenwerte kontrolliert werden. Teilweise kursieren im Internet auch Empfehlungen, Schwermetalle wie Quecksilber mithilfe der schwefelhaltigen Fettsäure auszuleiten. Die hierbei angegebenen hohen Dosierungen können aber regelrecht zu Vergiftungen führen.
Es muss also einiges beachtet werden, erst dann ist der Mikronährstoff sinnvoll für eine Verbesserung der Mitochondrienfunktion und zum Schutz der peripheren Nerven einzusetzen. Zudem spielt die Alpha-Liponsäure auch als Ko-Faktor für die Serotoninbildung eine Rolle. Das ist ein interessanter Aspekt, der helfen könnte, die Häufung von Niedergeschlagenheit im Zusammenhang mit der Zuckerkrankheit zu erklären, weil das Glückshormon Serotonin oft bei Depressionen ungenügend gebildet wird.
In neueren Studien bei der Adipositastherapie konnten bereits mit geringeren täglichen Mengen von Alpha-Liponsäure Erfolge erzielt werden. Eine doppelblinde Interventionsstudie untersuchte die Wirksamkeit einer Kombination von 100 Milligramm Alpha-Liponsäure und 90 Milligramm Coenzym Q10 bei 22 übergewichtigen bis adipösen Erwachsenen. Innerhalb von zwölf Wochen erreichten die Teilnehmer eine durchschnittliche Gewichtsabnahme von 2,7 Kilogramm.
Insbesondere für Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche sind die Risiken des Arzneimittels sehr groß. Hohe Dosierungen mit 800 Milligramm am Tag können Einfluss auf Blutdruck, Herz und Kreislauf haben. Wäre die Substanz ärztlich verschreibungspflichtig und durch die gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen, könnten Wirkung und Nebenwirkungen besser im Blick behalten werden. So werden nicht nur die Kosten, sondern auch die medizinischen Risiken auf die vulnerable Gruppe der Patienten abgewälzt. Mit natürlichen Lebensmitteln, wozu auch Weizenkeime oder Keimlinge verschiedener Getreidearten zählen, werden übrigens keine riskanten Mengen zugeführt.
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Source: nd