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Stichwahl in Brasilien | Brasilien: Das Phänomen Lula sticht
Erstmals hat in Brasilien ein Kandidat die Stichwahl gewonnen, der als Zweiter einzog. Elf Millionen Stimmenzuwachs machten das möglich.
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Empathischer Präsident: Luiz Inácio »Lula« da Silva begrüßt einen Anhänger während seiner letzten Wahlkampfveranstaltung einen Tag vor der Stichwahl um das Präsidentenamt. Foto: dpa/Natacha Pisarenko Als Luiz Inácio »Lula« da Silva um 22:11 Uhr die Bühne betritt, brandet Jubel im Konferenzraum des Hotels in São Paulo auf. Sprechchöre, Gesang, Freudentränen. Lula, seine Stimme noch heiserer als sonst, spricht in das Mikrofon: Heute habe sein Lager etwas Historisches geschafft. Und das stimmt.
Der linke Amtsinhaber lag am Sonntagabend mit 51,79 Prozent vor seinem ultrarechten Widersacher Flávio Bolsonaro, der auf 48,21 Prozent kam. Und das, obwohl Lula in der ersten Runde noch zurückgelegen hatte und auch die letzten Umfragen vor der Wahl wenig Gutes für ihn erwarten ließen. Eine solche virada – eine Wende – ist tatsächlich historisch. Ebenso historisch ist, dass der 80-Jährige damit zum vierten Mal das Präsidentenamt antreten wird.
Dass es ein großer Sieg sei, glaubt auch Igor Lisboa. Daran sollten sich auch andere Länder ein Beispiel nehmen, wo sich ein Aufstieg ultrarechter Kräfte andeutet. Der 34-Jährige steht auf der Avenida Paulista, der bekanntesten Straße São Paulos. Er hat sich das Gesicht rot bemalt, er hält eine Fahne in der Hand. Hunderttausende haben sich hier versammelt, es wird getanzt, gesungen, gejubelt. Feuerwerk kracht in der Luft. »Das brasilianische Volk hat dem Faschismus eine Ohrfeige verpasst.«
Das Ergebnis ist vor allem der Sieg hunderttausender Unterstützer*innen, die in den vergangenen Wochen alles in den Wahlkampf geworfen haben. Nach dem für die Linke desolaten ersten Wahlgang war sie aus ihrer Schockstarre erwacht. In den vergangenen drei Wochen fanden überall im Land riesige Demonstrationen statt. Prominente drehten Solidaritäts-Videos, auf Plätzen und Straßenecken bauten Unterstützer kleine Stände auf, um Menschen von der Wahl Lulas zu überzeugen.
Gerade die Angst vor einer Amtszeit des ultrarechten Kandidaten, Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, dürfte viele zur Wahl bewegt haben. Am Sonntag waren knapp 160 Millionen Brasilianer*innen aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Während in der ersten Runde noch 33 Millionen den Urnen fernblieben, ist die Zahl in der Stichwahl auf 30 Millionen zurückgegangen. Der Großteil dieser Wähler*innen stimmte für Lula, wie Medienberichte zeigen.
Lulas Kampagne ist es ebenfalls gelungen, Raum im Internet zurückzuerobern. Dort hatte die Rechte bislang Oberwasser. Eine Whatsapp-Gruppe seiner Unterstützer*innen wuchs innerhalb von nicht einmal drei Wochen auf mehr als zehn Millionen Mitglieder an. Die »Armee Lulas« flutete die sozialen Netzwerke mit Videoschnipseln, Memes und Texten, die vor einer Amtszeit Bolsonaros warnten.
Der Wahlabend war auch von Chaos geprägt. Auf Anweisung eines Richters wurde die Auszählung für zwei Stunden unterbrochen. Der Grund: In zahlreichen Städten war der öffentliche Nahverkehr eingeschränkt worden. Gerade ärmere Wähler, die häufig auf Busse angewiesen sind und tendenziell eher Lula unterstützen, könnten dadurch benachteiligt worden sein. »Das haben die Bürgermeister mit Absicht gemacht, weil sich eine Wende zugunsten Lulas abgezeichnet hat«, sagt Guilherme Cortez, Politiker der Linkspartei PSOL dem »nd«.
Die Bürgermeister, die für die Einschränkungen verantwortlich waren, seien allesamt aus dem Bolsonaro-Lager gewesen. Ob es eine zentrale Anweisung gab, ist bislang unklar. Die Wahllokale sollten daraufhin zwei Stunden länger geöffnet bleiben, konnten jedoch keine zusätzlichen Stimmen mehr annehmen. Im Laufe des Abends erhoben schließlich beide Lager Betrugsvorwürfe. Am Ende lag Lula vorn.
Unmittelbar nach Verkündung der Wahlergebnisse kündigte Flávio Bolsonaro an, die Wahl annullieren lassen zu wollen. Auch andere rechte Politiker stimmten in diese Forderung ein. Doch ausgerechnet der Präsident des Obersten Wahlgerichts, Kassio Nunes Marques, der Bolsonaro politisch nahesteht, betonte die »absolute Sicherheit des Wahlprozesses«. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs gratulierten Lula zum Wahlsieg.
Die Bolsonaristen könnten jedoch auf anderem Wege versuchen, den Wahlprozess zu sabotieren. Bereits nach der Niederlage von Jair Bolsonaro senior bei der Wahl 2022 versuchte sein Lager, die Macht gewaltsam an sich zu reißen. Zu den Umsturzplänen gehörte auch die Ermordung Lulas. Bolsonaro wurde dafür zu 27 Jahren Haft verurteilt, die er derzeit im Hausarrest verbüßt.
»Jetzt müssen wir unsere Demokratie so entschieden verteidigen wie nie zuvor«, sagt die bekannte linke Politikerin Erika Hilton gegenüber N-TV.de. »Dafür brauchen wir auch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.«
Lula steht vor der Herausforderung, sich gegen ein noch konservativeres Parlament bewähren zu müssen. Die Rechten könnten auch versuchen, das Justizsystem zu ihren Gunsten umzubauen. Ebenso schauen viele Brasilianer*innen mit Sorge gen Norden. US-Präsident Donald Trump ist ein enger Verbündeter der Bolsonaros und hatte sich mehrfach – direkt und indirekt – in den Wahlkampf eingeschaltet. So steht eines fest: In seiner letzten Amtszeit wird Lula alle Hände voll zu tun haben.
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