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Stadtentwicklung | Kottbusser Tor: Sanierung ohne Rücksicht auf Verluste

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Gewerbetreibende fürchten, dass sie nach der Sanierung nicht ans Neue Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor zurückkehren können. Foto: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer Wer am Kottbusser Tor unterwegs ist, kennt den Durchgang zur Dresdener Straße im westlichen Flachbau des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ), dem markanten Hochhausblock an dem Platz. Die Beleuchtung ist schlecht, es riecht bestialisch nach einer Mischung aus Urin und Erbrochenem. Trotzdem ist der Weg eine beliebte Abkürzung.

Bald könnte damit Schluss sein. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag will den Durchgang im Rahmen der anstehenden Generalsanierung des NKZ schließen. Er sei eng, schwer einsehbar und werde von Teilen der Bewohnerschaft als »Angstraum« wahrgenommen. Zugleich entstehe so eine größere Gewerbefläche.

Dabei war es die Gewobag selbst, die sich seit der Übernahme des NKZ im Jahr 2018 kaum um den Durchgang gekümmert habe, sagt Wolfgang Moser, der beim Mieterrat die Mietenden vertritt. »Klar kann man ihn über fast zehn Jahre verrotten lassen, um dann zu sagen: Der schlimme Angstraum muss weg.«

Auch städtebaulich wirft die Schließung Fragen auf. Wird der Tunnel geschlossen, bleiben nur Umwege über die Rückseite oder die von Außengastronomie verengten Passagen.

»Die Gewobag informiert uns gerne, wenn die Entscheidungen eigentlich schon gefallen sind.«

Teile des Mieterrats würden es deshalb begrüßen, den Durchgang aufzuwerten, statt ihn zu schließen. Matthias Coers, ebenfalls Mitglied im Mieterrat, schlägt mehr Beleuchtung und eine Reaktivierung der derzeit verdunkelten Ladenfenster vor. Zudem bräuchte es ein adäquates Reinigungskonzept des Areals, das zum Teil der Gewobag und zum anderen Teil dem Bezirk unterstehe. Öffentliche Toilette und Taubenhaus am Platz wären angebracht, so Coers. »Doch was passiert?«, fragt sein Mitstreiter Wolfgang Moser und gibt selbst die Antwort: »Nichts!«

Das Einzige, was sie bekommen hätten, sei eine ständig unterbesetzte Polizeidirektion und KI-gesteuerte Kameras, deren Einsatz umstritten ist. Bisher mit mäßiger Wirkung. Die ansässige Drogenszene scheint größer denn je, Teile des Platzes wirken stark verwahrlost, immer wieder kommt es zu Gewaltszenen – auch tagsüber.

Auf der Arbeitsebene funktioniere die Zusammenarbeit zwar, so die Mietervertreter. Coers lobt die Bemühungen der zuständigen Mitarbeiterin im Quartiersbüro der Gewobag. Die »Einbindungskultur« sei jedoch mangelhaft, betonen sie mit Verweis auf die Top-down-Struktur des Unternehmens. »Die Gewobag informiert uns gerne, wenn die Entscheidungen eigentlich schon gefallen sind«, sagt Moser.

Bei der Übernahme des NKZ im Jahr 2018 verpflichtete sich die Gewobag im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung zu einer engen Zusammenarbeit mit dem Mieterrat. Dem Kottbusser Tor wird darin eine Vorbildwirkung für »gelebte Migrations- und Integrationspolitik« zugeschrieben; die Gewerbestruktur soll erhalten bleiben.

Eine Gastronomin, die anonym bleiben möchte, betreibt seit Jahren einen Laden am Kotti. Dass saniert werden muss, steht für sie nicht zur Debatte. Sie verweist auf undichte Rohre und porösen Beton. In einen Laden habe es »regelrecht reingeregnet«. Ihr gehe es eher »um die Art und Weise, wie das jetzt vonstattengeht.« Von der Gewobag wurde sie aufgefordert, ihren bis 2039 befristeten Mietvertrag per Aufhebungsvertrag zu beenden. Für die Bauzeit muss ihr Laden komplett leer geräumt werden. »Kann ich danach da weitermachen, wo ich jetzt aufhöre?«, fragt sie sich. Und selbst wenn die Rückkehr möglich ist: »Zu welchen Konditionen?«

Die Kommunikation zwischen der Gewobag und den Gewerbetreibenden beschreibt sie als durchwachsen. Allein schon aufgrund sprachlicher Barrieren. Manche der Betreiber*innen seien »der deutschen Sprache nicht mächtig«. Bei den Gesprächen gebe es jedoch keine Dolmetscher.

Die Gewobag führt mittlerweile über einen externen Dienstleiter Einzelgespräche mit den Betrieben. Laut Gewobag verliefen diese »sehr konstruktiv« und sollten Perspektiven für die Bauzeit und eine mögliche Rückkehr klären.

Unter den Gewerbetreibenden wird die Lage unterschiedlich bewertet. Der für das Gewerbe zuständige Vertreter im Mieterrat, der selbst mehrere Läden am NKZ betreibt, verweist darauf, dass die Sanierung seit Jahren bekannt sei. Namtentlich will er nicht genannt werden. Man dürfe das Ganze nicht »negativ angehen«. Viele Betriebe hätten schon Räumlichkeiten für den Übergang gefunden. An eine existenzielle Bedrohung glaube er persönlich nicht, da sich die neuen Mietverträge am Mietspiegel orientieren würden. Auf die Frage, wie es die Betriebe über den langen Zeitraum schaffen sollen und ob sie die neuen Mieten dann auch wirklich bezahlen könnten, bleibt er vage.

Am Donnerstag lädt Die Linke zu einer Versammlung der Gewerbetreibenden. Dort könnten Fragen gemeinsam besprochen werden, die bislang jeder Betrieb für sich klären muss.

René Pérez Domínguez, Bezirksbürgermeisterkandidat der Linkspartei, fordert in Bezug auf die neuen Mietverträge »verbindliche Zusagen für die Zukunft« und »klare Konditionen«. Reine Instandsetzungen würden keine Mieterhöhung rechtfertigen. Direkt durch Modernisierungsmaßnahmen begründbare Mieterhöhungen sollten niedrig bleiben, so Pérez Domínguez auf nd-Anfrage. Eine »Gewerbe-Gentrifizierung am Kotti« wolle er abwenden.

»Das Ziel, die bestehende Gewerbestruktur zu erhalten und Betriebsübergänge zu ermöglichen, gilt weiterhin«, schreibt ein Sprecher der Gewobag auf nd-Anfrage. Die Kündigungen und Aufhebungsverträge dienten der »erforderlichen Freimachung der betroffenen Flächen« und nicht dazu, das örtliche Gewerbe neu auszurichten. Man strebe weiter eine Durchmischung von Nahversorgung, Gastronomie, Dienstleistungen und sozialen Angeboten an.

Die Schließung der Unterführung solle die Wegführung am Kottbusser Tor sicherer und übersichtlicher machen, heißt es weiter. »Die unmittelbar betroffenen Gewerbetreibenden unterstützen die Maßnahme«, schreibt der Gewobag-Sprecher. Man nehme die Hinweise des Mieterrats ernst und werde ihn weiter einbinden.

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Source: nd