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Staatliche Kunsthalle Karlsruhe | Nicolas Daubanes und das Fenster zum Klassenkampf

Französische Verhältnisse: Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe widmet Nicolas Daubanes mit »Le feu intérieur« eine Einzelausstellung.

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Nicolas Daubanes, Einstiges Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, 2025, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Foto: Foto: Felix Grünschloss Die kleine badische Großstadt Karlsruhe eignet sich in Deutschland wie keine andere für juristischen Tourismus. Freundinnen und Freunde der Rechtsprechung können den Bundesgerichtshof bewundern, der Bundesstaatsanwaltschaft huldigen (es gibt auch einen Buback-Gedenkstein) und sich am Bundesverfassungsgericht ergötzen. Schmuck gelegen im Schlosspark, ist die letztgenannte BRD-Institution nur wenige Minuten entfernt von der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Die beherbergt bis Januar 2027 eine Ausstellung namens »Le feu intérieur« des Künstlers Nicolas Daubanes.

In seiner Arbeit stellt der Franzose die heile Welt der Gesetzestreue infrage. Er zeigt, wie sich kapitalistische, faschistische, klerikale Herrschaft ihrer Widersacher entledigt, indem sie Störenfriede mit strafrechtlichen Mitteln wegsperrt, in Justizvollzugsanstalten, in Konzentrationslagern. Daubanes versteht sich als politischer Künstler. Seine Eltern waren Arbeiter und starben an den Schadstoffen, die sie über Jahrzehnte hatten einatmen müssen. Der Sohn schwor sich, niemals für jemand anderen zu schuften – so blieb ihm die Kunst übrig.

Dass die sicher nicht proletarischen Autoritäten des Kulturbetriebs den 1983 in Marseille Geborenen schon mit Anfang 30 unter anderem für ein Stipendium der Villa Medici zu Florenz auserkoren hatten und ihm letztes Jahr eine Ausstellung im Pariser Pantheon zubilligten, das soll erwähnt werden, darf aber nicht den Blick auf Daubanes’ Arbeit trüben. Teure Computeranimationen oder nerdige KI-Mätzchen sind seine Sache nicht. Zu seinen bevorzugten Materialien zählten Eisenspäne: jene dunklen, pulverigen Rückstände, die Gefangene »herstellen«, die an ihren Händen kleben, wenn sie mühselig versuchen, den Gittern ihrer Zellen mit Feilen beizukommen.

Nicolas Daubanes stellt die heile Welt der Gesetzestreue infrage.

Daubanes sammelt sie in Eimern und wirft den Schutt auf magnetische Platten, wo die Späne dann haften. Der Künstler beschränkt sich nicht auf dieses Verfahren, er zeichnet mit brennenden Funken auf Glas und fertigt großformatige Fotogramme an. Immer ist körperliche Arbeit erforderlich. Ihm geht es um Widerstand, das wiederholt er in einer kurzen Video-Doku fast mantrisch. Man könnte vielleicht ergänzen, dass es für ihn widerständigen Materials bedarf, um Bilder zu schaffen. Diese haben mehrheitlich Orte des Widerstands zum Motiv oder zeigen Orte, an denen dieser unterdrückt wurde.

Dabei verzichtet Daubanes auf die Darstellung der Kämpfer, Täter, Opfer. Jeder Voyeurismus wird vermieden, die Zuschauer sind dazu angehalten, die Kampfplätze ihrer Zeit selbst zu suchen. Wir teilen den Blick Galileo Galileis auf den Sternenhimmel hinter Gittern, der sich ihm bot, als er unter Hausarrest stand. Der Astronom wurde im 17. Jahrhundert wegen seiner kircheninkompatiblen Ansichten zur Astronomie in der Villa Medici (Stichwort Institutionskritik!) eingesperrt. Wir sehen Gefängnisschiffe, auf denen im 18. Jahrhundert Britinnen und Briten wegen Bagatelldelikten in die Strafkolonie Australien gebracht wurden.

In der Mitte der Orangerie stehen sechs Zelltüren aus Holz, auf denen sich wiederum sechs weitere finden. Es handelt sich dabei um eine mehrerer Arbeiten Daubanes’, die sich mit der Pariser Kommune beschäftigen. Wir erinnern uns: Die Kommune wurde während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 ausgerufen, mit dem Bismarck unter anderem Baden dazu motivierte, sich ins Deutsche Reich einzugemeinden.

»L’Halali« heißt dieses Sextett, spielt so auf ein berühmtes Gemälde (»Der Jagdruf«) des Malers und Kommunarden Gustave Courbet an, nimmt aber auch Bezug auf eine Fotografie, die zwölf getötete Kommunarden zeigt. Die abstrahierende Monochromie der Türen wird konterkariert durch figurative Schnitzer; Kritzeleien verweisen auf den Ausbruch: Das innere Feuer (»feu intérieur«) widersetzt sich der »inneren Reglementierung«. Daubanes bedient sich der Sabotage, mischt – wie Kriegsgefangene es taten – materialzersetzenden Zucker in Beton, der undurchdringlich sein soll.

Nicolas Daubanes, L’Hallali 2023, Ausstellungsansicht Staatliche Kunsthalle Karlsruhe Foto: Foto: Felix Grünschloss Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts spielt eine wichtige Rolle in Daubanes’ Arbeit. Er zeigt das Gefängnis von Lyon, wo Gestapo-Chef Klaus Barbie im Zweiten Weltkrieg mordete und folterte, der über seine Verbrechen bei seiner späten Verurteilung in Bolivien aber »nichts zu sagen hatte«.

Mit seinen Eisenspänen lässt Daubanes auf der anderen Seite der Orangerie meterlang Bäume und Gebüsch wachsen – der berüchtigte deutsche Wald wird nachträglich zum Sichtschutz: Vor über 80 Jahren gab es ihn noch nicht, da hatten die unbescholtenen Bürger freie Sicht auf das KZ Natzweiler-Struthof im besetzten Elsass. Von diesem Ort, wo Tausende Menschen ermordet wurden, wollte später natürlich niemand gewusst haben. Inzwischen ist um das Lager herum ein Wald entstanden, und Daubanes hat ihn fotografiert.

Verbürgte fotografierte Geschichte von Verbrechen und Widerstand, das Ausbrucharbeitsmaterial der Eisenspäne, Bildbearbeitung, historische und historisch gewordene Ansichten und Blicke – Daubanes gelingt in seiner Ausstellung und mit seinen Arbeiten ein besonderes Amalgam. Und das innere Feuer, das Leben bedeutet, das die Handlanger von Ruhe, Ordnung und Tod löschen wollen, lodert weiter in den Arbeiten des französischen Künstlers.

In Wochen, wo kulturbeflissene Konservative wie besitzende Linksliberale es gutheißen, dass in Frankreich »hart durchgegriffen« wird, wenn von allen Vorzügen der Gesellschaft Ausgesperrte eingesperrt werden sollen, weil sie etwa die magische Grenze eines Schaufensters nicht akzeptieren, ist Daubanes’ »Le feu intérieur« die Ausstellung der Stunde.

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