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Sogenannte Gastarbeiter | Ein »Schlag ins Gesicht dieser Generation«
Ernüchternde Gegenwart: Rentner mit türkischer Staatsangehörigkeit leben von einer geringeren gesetzlichen Alterssicherung und sind deutlich häufiger arm.
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Frauen aus der Generation der sogenannten Gastarbeiter sind im Alter besonders häufig arm. Das hat diverse Gründe. Foto: IMAGO/Funke Foto Services Durchschnittlich 890 Euro Rente, ein dreimal so häufiger Bezug der Grundsicherung im Alter, ein doppelt so hohes Armutsrisiko: So sieht die Lebensrealität türkischstämmiger Rentner*innen im Vergleich zu jener von Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft aus. Der Mediendienst »Integration« hatte die Zahlen des Statistischen Bundesamtes erfragt.
»Hinter diesen Zahlen verstecken sich Geschichten, wie die des Vaters meiner Ko-Sprecherin Nagea Belekhrif«, sagt Jennifer Merx, von der Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke/Links*Kanax der Linkspartei, zu »nd«. Jener Vater sei jemand gewesen, der über 40 Jahre am Hochofen gestanden habe, im Drei-Schicht-System seine Gesundheit ruinierte und nie gelernt oder gewagt habe, über Löhne zu verhandeln. »Es sind aber auch Mütter, die ohne Kinderbetreuung und Arbeitsmarktzugang die unbezahlte Sorgearbeit leisteten.«
Nach der Unterzeichnung des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens kamen bis zum Anwerbestopp 1973 etwa 870.000 sogenannte Gastarbeiter*innen aus der Türkei nach Westdeutschland. 65 Jahre nach der Unterzeichnung erhalten türkischstämmige Rentner*innen im Schnitt etwa 360 Euro weniger als jene, die mit deutscher Staatsbürgerschaft geboren wurden. Frauen sind besonders von Armut betroffen. Sie machen knapp die Hälfte der türkischstämmigen Rentenempfänger*innen aus.
Die Gründe für die geringeren Renten sind vielfältig. »Gastarbeiter*innen« erhielten einen geringeren Lohn, den sie ursprünglich durch Überstunden und Zulagen für Schwerstarbeit kompensierten. Die schweren Arbeitsverhältnisse zeichnen sich auch in ihrer Gesundheit ab. Türkische Rentenempfänger*innen erhalten im Vergleich zu allen Rentner*innen mehr als doppelt so oft Erwerbsminderungsrenten.
Während der Ölkrise in den 70er Jahren – dieselbe, der wir die Zeitumstellung verdanken – waren sie jedoch die ersten, denen in den Fabriken gekündigt wurde. Durch zwischenzeitliche arbeitslose Phasen und weil viele bereits älter waren, als sie nach Deutschland kamen, konnten sie weniger Erwerbsjahre für Rentenansprüche sammeln. Zudem mussten sie mehr Geld fürs Wohnen ausgeben, weil sie häufiger zur Miete lebten. Bis heute gibt es eine erhebliche Lücke zwischen der Wohnsituation ehemaliger Gastarbeiter*innen und in Deutschland geborener Menschen.
Zu dem Anwerbeabkommen gehörten darüber hinaus keine Sprachkurse und generell wenig Möglichkeiten zur Weiterbildung. Auch Diskriminierung führte dazu, dass »Gastarbeiter*innen« häufiger in schlechter bezahlten Berufen arbeiteten. Das Deutsche Zentrum für Migrationsforschung (Dezim) stellte bereits 2024 fest, dass auch höhere Bildung und Vollzeiterwerbstätigkeit nicht gleichermaßen vor Armut schützen – Rassismus ist demnach ein zentraler Faktor in Deutschland.
»Hinter diesen Zahlen verstecken sich Geschichten.«
»Abgesehen von Erleichterungen bei der Einbürgerung hat es wenig Bemühungen in der Politik gegeben, die Situation der ehemaligen Gastarbeiter zu verbessern«, schlussfolgert der Mediendienst »Integration«. Der Sozialwissenschaftler Eric Seils vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung erklärte bereits 2023 im Interview mit dem Mediendienst: »Das Konzept der Gastarbeiter-Anwerbung basierte auf Nicht-Integration.«
Wie können diese Unterschiede minimiert werden? »Zur Erhöhung der Rente ist es wichtig, dass eine schnelle Arbeitsmarktintegration stattfindet, aber nicht in den Niedriglohnsektor, sondern als Fachkräfte«, erklärt Maria Metzing aus dem Fachbereich Sozialversicherung der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung »nd«. Metzing war bis vor Kurzem Leiterin des Integrationsmonitorings beim Dezim. Das bedeute konkret: Spracherwerb über Integrationskurse, schnelle, unbürokratische Anerkennungsverfahren und eine zuverlässige Kinderbetreuung. Besonders in Regionen, in denen viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben, gibt es weiterhin Engpässe.
Mit Blick auf die Rentenpolitik verkenne die Bundesregierung die Lebensrealität der ehemaligen »Gastarbeiter*innen«, kritisiert Jennifer Merx von der BAG Migrantische Linke/Links*Kanax. Debatten über die Anhebung des Renteneintrittsalters oder das Streichen der abschlagsfreien Rente für langjährig Versicherte seien »ein Schlag ins Gesicht dieser Generation«.
»Wer 40 Jahre am Hochofen, auf der Baustelle oder in der Reinigung gearbeitet hat, kann gesundheitlich schlicht nicht bis 67 oder 68 durchhalten. Jede Erhöhung des Eintrittsalters bedeutet für diese Menschen eine reine Rentenkürzung durch die Hintertür.« Merx fordert eine armutsfeste Mindestrente von 1450 Euro netto und eine aktive und bürgernahe Rentenversicherung.
Die SPD war jahrzehntelang die Partei der sogenannten Gastarbeiter*innen. Die Rentenpolitik der Bundesregierung obliegt dem sozialdemokratisch geführten Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Dort heißt es gegenüber »nd«, Migration könne zwar im Erwachsenenalter einen Bruch in der Biografie darstellen, der »je nach Zeitpunkt der Migration und vorherigem und weiterem Verlauf des Erwerbslebens« zu einer lückenhaften Vorsorge und damit zu Altersarmut führen könne.
»Jedoch sind ältere Menschen in Deutschland, die durch ihre eigenen Alterseinkommen ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, durch die Grundsicherung im Alter geschützt«, so ein Sprecher. Die Grundsicherung schütze alle Betroffenen von Altersarmut, ungeachtet der Ursachen, gleichermaßen. Die AG Migration der SPD reagierte bis Redaktionsschluss nicht auf eine entsprechende Anfrage.
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