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Sexistische Polizeigewalt | Sexistische Polizeigewalt: Konferenz gegen das Schweigen
Eine Tagung in Berlin will Betroffenen sexualisierter Übergriffe von Sicherheitskräften ein Podium bieten und Strategien dagegen beraten.
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Sexistische Polizeigewalt ist Thema auf einer internationalen Konferenz in Berlin im Oktober 2026. Foto: dpa/ZUMA Press Wire | Nikos Kanistras Eine Polizistin habe ungefragt ihre Brust berührt und anschließend behauptet, das sei gängige Praxis, schildert eine Aktivistin. Eine andere berichtet von Nacktdurchsuchungen bei den Tag-X-Protesten in Leipzig. Eine dritte erzählt von Würgegriffen bei Anti-AfD-Protesten in Nürnberg. Nach Angaben der Betroffenen seien im Anschluss an ihre Veröffentlichungen zu den Vorfällen mehrere Anzeigen wegen Verleumdung gestellt worden. Kurz darauf habe es zudem Hausdurchsuchungen gegeben.
Das sind nur drei Berichte, die man auf der Website zu der Konferenz »110 Gründe, das Schweigen zu brechen« lesen kann. Am 18. Oktober wird sie in den Räumen des bUm in Berlin-Kreuzberg stattfinden. Auf der Tagung sollen weitere Betroffene von sexistischer Polizeigewalt berichten. »Wir wollen zusammenkommen, um über unsere Erfahrungen und den Kampf gegen diese Gewalt zu diskutieren«, schreiben die Organisator*innen in den sozialen Medien.
Die Idee entstand nach Angaben der Organisator*innen bei einer Demonstration zum Internationalen Frauenkampftag am 8. März 2025 in Berlin. Die von der »Alliance of Internationalist Feminists« organisierte Demonstration legte einen Schwerpunkt auf die Situation von Frauen in Palästina. Nach Darstellung der Organisator*innen ging die Polizei gewaltsam gegen die Versammlung vor. Videos in den sozialen Medien zeigen, wie Beamte Frauen schlagen oder Pfefferspray in Gesichter sprühen. In einem Video ist zu sehen, wie Beamte Frauen so über den Boden schleifen, dass ihr Intimbereich entblößt wird.
Die brutale Polizeigewalt löste bei den Organisator*innen eine Diskussion aus, die über den 8. März 2025 hinausging. »Die Polizei hat da nicht das erste Mal zu sexualisierter Gewalt gegriffen«, erklärt eine von ihnen im Gespräch mit »nd«. Der Blick auf eigene Erfahrungen habe sich verändert; immer mehr Genoss*innen hätten begonnen, über Erlebtes zu sprechen. Aus dieser Haltung heraus sei der Gedanke entstanden, eine Konferenz zu veranstalten. Die Organisator*innen sehen den Umgang mit diesen Erfahrungen als politischen Prozess: Betroffene sollten nicht mit Scham und dem Gefühl zurückbleiben, selbst verantwortlich zu sein. Die Verantwortung liege bei denen, die Gewalt ausüben.
Die Organisator*innen beobachteten nach eigenen Angaben besonders bei Demonstrationen in Solidarität mit Palästina wiederholt Übergriffe: Frauen sei an die Brust gefasst und gewaltsam das Kopftuch abgenommen worden. Auch Nacktdurchsuchungen bei Blockaden und ähnlichen Protesten würden teilweise ohne nachvollziehbaren Grund durchgeführt. Ob einzelne Maßnahmen rechtmäßig waren, lässt sich aus den vorliegenden Berichten allein nicht beurteilen. Die Organisator*innen fragen aber, ob solche Durchsuchungen auch der Einschüchterung und Demütigung dienen.
Betroffen seien nicht nur Frauen. Auch migrantische Männer seien Nacktdurchsuchungen und Übergriffen ausgesetzt – hier überschnitten sich sexualisierte und rassistische Gewalt. Die Organisator*innen verweisen zudem auf Berichte über sexualisierte Gewalt gegen palästinensische Männer in israelischer Haft.
Weitere Berichte kommen aus dem Ausland. Die »Flotilla«-Aktivistin Anna Liedtke machte im Dezember 2025 nach eigenen Angaben erlittene sexualisierte Gewalt durch israelische Sicherheitsbehörden öffentlich. Ein Videobericht von ihr ist auf der Konferenz-Website zu sehen. Danach sollen sich weitere »Flotilla«-Aktivist*innen gemeldet haben.
Auch im Zusammenhang mit der »People’s Caravan«, die Anfang 2026 nach Kobâne in Kurdistan reisen wollte, wurden Berichte über körperliche und sexualisierte Gewalt veröffentlicht. Paula Maier von der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) machte im August 2026 öffentlich, sie sei während einer Delegationsreise nach Bakur Anfang 2026 festgenommen und in einer Einzelzelle von einem türkischen Beamten vergewaltigt worden.
Für die Organisator*innen sind das keine Einzelfälle, sondern eine Gewaltpraxis, die an gesellschaftliche Machtverhältnisse anknüpft. Sie sehen die Polizei als Institution, die Herrschaftsverhältnisse durchsetzt und Widerstand diszipliniert, und ordnen die Erfahrungen in einen Zusammenhang aus Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus ein. Sexualisierte Übergriffe riefen Scham, Erniedrigung und Ohnmacht hervor und griffen die körperliche Selbstbestimmung unmittelbar an. Staatliche Repression ziele demnach nicht nur auf Einzelne, sondern solle ganze Bewegungen verunsichern und von weiterem Engagement abhalten. Die Repressionsorgane würden dabei gezielt gesellschaftliche Tabus und Schamgefühle ausnutzen.
Die Konferenz soll Erfahrungen aus verschiedenen Ländern zusammenführen. Die Organisator*innen sind politisch aktive Frauen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, darunter Zora (eine Frauenorganisation) und die Prisoners Voice Platform (Tutsakların Sesi Platformu, TSP). Unterstützt werden sie von Organisationen und Aktivist*innen, die bereits Konferenzen gegen sexualisierte Gewalt in Haft veranstaltet haben.
Geplant sind zwei Panels. Das erste widmet sich internationalen Erfahrungen und dem Widerstand dagegen. Beiträge sind unter anderem von Prisoners Dialogue zur Situation im Iran und von einer Frau zur Situation in Palästina vorgesehen. Außerdem soll die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi sprechen, die ihre Vergewaltigung in Haft öffentlich machte und daraus einen politischen Kampf gegen sexualisierte Gewalt entwickelte. Weitere Beiträge sollen staatliche Gewalt in den Philippinen behandeln.
Das zweite Panel konzentriert sich auf Deutschland. Anna Liedtke soll für die Frauenorganisation Zora sprechen, ein Betroffenenkreis aus Nürnberg über Würgegriffe bei Polizeieinsätzen berichten, Paula Maier über ihre Erfahrungen in Bakur. Angekündigt ist außerdem 3ezwa, eine Solidaritätsgruppe, die Repressionsfälle gegen die palästinasolidarische Bewegung begleitet. Daneben soll es Raum für Diskussion und den Austausch persönlicher Erfahrungen geben.
Bei der Dokumentation soll es nicht bleiben. In den vergangenen Jahren seien zwar Initiativen entstanden, die Fälle öffentlich gemacht und ausgewertet haben, doch es fehle an einer breiteren Verankerung des Themas in der Antirepressionsarbeit. »Kein Fall sexualisierter Polizeigewalt soll unbeantwortet bleiben«, lautet die Forderung der Organisator*innen. Sie wollen eine Initiative aufbauen, die Betroffene unterstützt, Erfahrungen zusammenträgt und sowohl auf der Straße als auch juristisch gegen Übergriffe vorgeht.
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