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Serie »Babylon Berlin« | Gereon Rath wird Antifa
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Wir kennen das schon. Eigentlich waren ja alle Deutschen im Widerstand. Foto: Frédéric Batier/X Filme Creative Pool Eigentlich könnte die Mordserie, die Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) aufklären müssen, auch im Lärm der großen geschichtlichen Ereignisse untergehen. Wir schreiben das Jahr 1933, gerade wurde Hitler Reichskanzler und Berlin steckt mitten in einem aufgeheizten Wahlkampf. Bis plötzlich klar wird, dass die unterschiedlichen Morde in ganz Berlin eng mit der großen politischen Zeitgeschichte verknüpft sind.
Die abschließende fünfte Staffel der deutschen Kultserie »Babylon Berlin« (diesmal exklusiv in der ARD) entfernt sich noch weiter von der literarischen Vorlage als die bisherigen Staffeln. Die Serie geht in Rückblenden ins Jahr 1918, wo Hitler in einem Lazarett in Pasewalk vom Psychiater Edmund Forster (Ulrich Noethen) behandelt wird. Da die dortigen Ereignisse in krassem Widerspruch zu Hitlers eigener biografischer Legendenbildung stehen, wird daraus in der Serie eine geheime Staatsaffäre. Die SA ermordet nacheinander alle Mitwisser, während Gereon Rath, Charlotte Ritter und einige andere antifaschistisch gesinnte Polizeibeamte die Wahrheit ans Licht bringen und Hitlers Ansehen schaden wollen. Aber das ist nicht der einzige Unterschied zur literarischen Vorlage »Märzgefallene«, dem fünften Rath-Roman von Volker Kutscher. Denn ganz am Ende wartet die Serie mit einer Wendung auf, die es im Roman ebenfalls nicht gibt.
Soll das eine Hommage an den militanten Antifaschismus sein? Oder geht es darum, den deutschen Tätern eine Widerstandsbiografie wenigstens in fiktiver Form zuzugestehen?
Die historische Genauigkeit mancher Aspekte der Serie, in der jeder Aschenbecher auf seine Korrektheit überprüft wurde, ist immer wieder Gegenstand der Diskussionen gewesen. So gibt es in der Ende der Zwanzigerjahre angesiedelten zweiten Staffel eine Gruppe Trotzkisten, die zu einer 4. Internationale aufrufen, die aber erst 1938 gegründet wurde. Dagegen wird die Rote Hilfe, die heute vom Verfassungsschutz observiert wird und deren Mitgliederzählung maßgeblich zum Lagebild »Linksextremismus« beiträgt, in Staffel vier der Serie zum letzten demokratischen Hort in Zeiten zunehmender antidemokratischer Tendenzen. Die gehen nicht nur von den Nazis aus, sondern sind auch im Regierungsapparat des Kaiserreichs fest verankert.
Nichtsdestotrotz gelingt es der Serie, und das gilt auch für die abschließende fünfte Staffel, die Zuschauer in ein historisches Berlin zu entführen, das für hiesige Produktionsverhältnisse ungemein opulent und faszinierend in Szene gesetzt wird. Viel wurde diesmal beim RBB im Haus des Rundfunks gedreht, es geht aber auch immer wieder in die Volksbühne, in einen nachgebauten Reichstag, der irgendwann in Flammen steht und natürlich vors Rote Rathaus, das hier als »Die Burg« umgangssprachlich das Berliner Polizeihauptquartier beherbergt.
Der große achtteilige Schlussakkord von »Babylon Berlin« entführt uns auch in queere Bars, auf eine Dienstreise Gereon Raths nach Paris, mit einem Umweg zum Kölner Karneval, dann wieder nach Berlin, wo die Nazi-Schergen dem jungen Kommissar zusetzen. Ein etwas aufgesetzt wirkender Nebenstrang erzählt noch vom Versuch einiger Publizisten, Sozialdemokraten und Kommunisten zum nie erfolgten Schulterschluss zu bewegen.
Sich an einem derart aufgeladenen Stück Zeitgeschichte abzuarbeiten, birgt immer ein gewisses Risiko. Ganz überzeugen kann die Storyline der Serie dabei nicht wirklich. Während die Romane von der langsamen Annäherung Raths an die Nationalsozialisten erzählen, etwa wenn im siebten Roman »Marlow«, der nicht verfilmt wird, Rath beim Nürnberger Parteitag den rechten Arm hochreißt und laut mitschreit im Chor der anderen Nazis, inszeniert die Serie den jungen Kommissar als gestandenen Antifaschisten. Das passiert dann vor allem im Finale, als sich die Industriellen und Nazi-Größen im Schloss des durchgeknallten Unternehmers Alfred Nyssen (Lars Eidinger) zum Bankett treffen und eine Gruppe Verschwörer nicht weniger als einen Anschlag auf Hitler, die Industriebosse und andere große Nazis plant.
Soll das eine Hommage an den militanten Antifaschismus sein? Oder geht es darum, den deutschen Tätern eine Widerstandsbiografie wenigstens in fiktiver Form zuzugestehen? Beim Zuschauen beschleicht einen immer wieder ein mulmiges Gefühl. Hier wird kulturindustriell der kommende Faschismus in Szene gesetzt, ein Thema, das derzeit in Buch und Film ungemein boomt. Klar ist, dass die meisten der zahlreichen Serien-Figuren, die man als Zuschauer im Lauf der Jahre schätzen oder hassen lernte, über kurz oder lang ermordet werden oder zu nützlichen Nazis mutieren.
In einer Art Epilog geht die Serie genau darauf ein und zeigt, wer von den realen historischen Figuren mitmachte und wer nicht, wer sterben musste und wer überlebte. Das Ende der Serie ist dann für alle, die die Romane kennen, durchaus überraschend. Eine Fortführung von »Babylon Berlin« wird es nicht geben, das haben die Macher klargemacht. Grund dafür ist auch, dass nach dem Ausstieg von Sky eine weitere Finanzierung nicht drin ist. Für Staffel fünf musste schon gekämpft und Geld zusammengekratzt werden.
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Source: nd