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Serie | Akademische Vorort-Revolution
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Endlose Theorie-Diskussionen als Serie? Das soll spannend sein? Ein bisschen lustig ist es auch. Foto: Arte Eigentlich soll Claudine (Manon Kneuse) ja für ihren Lover, einen karrieregeilen Polizisten, 1969 in der Universität von Vincennes vor den Toren von Paris linke Strukturen ausspähen. Gibt es in der im Zuge der 68er-Bewegung gegründeten experimentellen Uni, an der unter anderem Michel Foucault, Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard und Alain Badiou lehrten, womöglich Terroristen?
Der wehrhafte Staat würde das linksradikale Experiment lieber heute als morgen schließen. Aber als sich die in einem Wohnwagen nahe des Unigeländes lebende Sexarbeiterin unter die bildungsbürgerlichen Möchtegern-Revolutionäre mischt, merkt sie plötzlich, dass sie sich selbst für linke Theorie interessiert. Also zeigt sie ihrem Liebhaber ebenso wie der staatlichen Ordnung einfach den Stinkefinger. Für ihre Rolle in der achtteiligen Serie »Die Revoluzzer« (franz. Original: »Camarades«) erhielt Manon Kneuse, die bisher mehr auf Theaterbühnen stand als in Filmen aufzutreten, den Preis für die Beste Darstellerin beim diesjährigen Serienfestival in Lille. »Die Revoluzzer« ist eine manchmal etwas bemüht ironische, aber im Grunde ungemein liebevolle Hommage an studentische Proteste, die 68er-Bewegung und Theorie als zentraler Baustein linksradikalen Politikverständnisses.
Angesichts zunehmender Protestbewegungen an Universitäten von New York bis Berlin vor allem im Zusammenhang mit dem Thema Nahost und einer immer wieder konstatierten Wiederkehr der K-Gruppen, hat der humorvolle Blick auf die linksradikale Polit-Gruppen der 68er-Bewegung durchaus Aktualitätsbezug. In Vincennes blühte diese vielfältige politische Landschaft so richtig auf. Die experimentelle Universität, die sich allen Bürgern öffnete und keine Hochschulreife verlangte, war eine Art Zugeständnis an die Studentenproteste. Manche sahen darin auch eine Strategie, das Protestpotenzial von der Innenstadt in die Vororte zu verschieben. Dort gaben sich die Größen der linken Theorie die Klinke in die Hand und treten in der Serie in Form von Originalmaterial auf. Sodass sich etwa Michel Foucaults Rede über die sich verändernde Repression des Staates mit einer Abhöraktion überschneidet, mit der Claudines Lover belastendes Material sammeln will.
Als der stets gestresste Universitätsdirektor André Merloux (Grégory Gadebois) irgendwann gar nicht mehr weiter weiß, sieht er sich plötzlich Jacques Lacan gegenüber, der ihm mit einem subtilen Lächeln erklärt, dass alles eh ganz anders sei als es den Anschein habe.
»Die Revoluzzer« ist eine manchmal etwas bemüht ironische, aber im Grunde ungemein liebevolle Hommage an studentische Proteste.
Das wirkt mitunter überdreht und immer wieder etwas zu platt. So führen die unzähligen Polit-Freaks egal ob Maoisten, Feministinnen, Anarchisten oder libertären Kommunisten und wer da sonst noch durch die Flure des Uni-Neubaus schwadroniert, Räume besetzt und lauthals mit bildungsbürgerlichem Verve nach dem Proletariat ruft, ihre nie endenden Diskussionen.
Mit fortlaufender Handlung entwickelt die ästhetisch an die Nouvelle Vague erinnernde Serie aber noch durchaus ihren Witz. Im Zentrum steht eine maoistische Gruppe, zu der auch Polit-Spitzel Claudine gehört. Als Möchtegern-Anführer fungiert der ehemalige Dozent Gerard Gerard (Pierre-Francois Garrel), der sich in seine Genossin Francoise (Lulja Comar) verguckt, was zu viel schlechtem Gewissen und reichlich Begehren führt. Sie organisieren einen Streik des Reinigungspersonals und nehmen irgendwann sogar den Uni-Direktor als Geisel. Durch Claudine, die eigentlich das ganze revolutionäre Projekt verrät, werden immer wieder die kaum überwindbaren Klassenunterschiede deutlich, über die dann auch Pierre Bourdieu im Originalton einiges zu erzählen weiß. Damit wird im Chaos von Vincennes dann aber so inspiriert, natürlich auch borniert und letztlich aber kreativ umgegangen, wie es der damalige Zeitgeist gebot und erlaubte.
Dass die komödiantische Serie nicht völlig ins Beliebige und gar Diffamierende abdriftet, sondern am Ende sogar eine wunderschön empowernde Geschichte über die befreiende Sprengkraft der politischen, philosophischen und soziologischen Theorie erzählt, ist das eigentliche Verdienst dieses Achtteilers.
In einer der halbstündigen Episoden wird über weite Strecken wie in einer Art Chanson-Musical sogar fast ausschließlich gesungen. »Die Revoluzzer« versucht, dem historischen Mythos der Universität von Vincennes ein adäquates Denkmal zu setzen, das möglichst auch kritisch genug sein soll. Kein leichter Spagat, der aber dann in der Schlussszene irgendwie doch einigermaßen gelingt. Die egalitäre Universität des Pariser Vororts wurde mit der neoliberalen Wende Anfang der 80er Jahre nach zehn Jahren ohne lange Ankündigung einfach abgerissen. Diese linke Festung erfolgreich geschleift zu haben, heftete sich gerne Jacques Chirac als Pariser Bürgermeister ans Revers. In dem munteren Achtteiler lebt die Geschichte jetzt zumindest als etwas zu gefälliges Märchen im Serienformat fort.
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Source: nd