Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Germany nd

Serbien | Erwartete Überraschung

Nach ihrem Wahlsieg muss die Studierendenliste Mut beweisen, will sie Serbien wirklich nachhaltig verändern. Ein Kommentar.

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Ilija Srdanović, Listenführer der Studentenbewegung, bejubelt den Wahlsieg. Jetzt gilt es zu beweisen, dass man Serbien wirklich verändern kann. Foto: AFP/ANDREJ ISAKOVIC Es riecht nach 5. Oktober. An diesem Tag im Jahr 2000 wurde der damalige Präsident Slobodan Milošević durch Massenproteste in Belgrad gestürzt. Es war ein breites Bündnis aus links-liberalen, konservativen und rechten Kräften, die den Herrscher zu Fall brachten. Heute ist es die Studierendenliste, die Aleksandar Vučić die Macht entzieht. 14 Jahre hatte er sie in seinen Händen. Bei den von ihm angesetzten vorgezogenen Parlamentswahlen erhielt seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) knapp 40 Prozent der Stimmen, die Studierendenliste dagegen mehr als 50 Prozent. Die Mehrheitsverhältnisse sind so deutlich, dass Vučić die Niederlage noch am Sonntagabend öffentlich einräumte.

Die Wahl war ein Referendum – über die SNS, über Vučić, aber auch über die Zukunft Serbiens. Nach zwei Jahren Protest gegen ein korruptes System ist die Studierendenbewegung am Ziel: im Parlament und an der Regierung. Nun will sie mit der geballten Expertise der von ihr auf die Liste gesetzten Fachleute das Land verändern. Neu aufbauen – nach rechtsstaatlichen Prinzipien, mit freien Medien, sozialer Sicherheit. Ein Land, aus dem niemand mehr weggehen muss, um ein gutes Leben zu haben. Die Versprechen sind groß, die Gefahr des Scheiterns auch. Wie vor 26 Jahren, als das Oppositionsbündnis DOS an die Macht kam und einen vom Westen auferlegten neoliberalen Kurs inklusive sozialer Verwerfungen durchsetzte. Daraus erwuchs schließlich der Erfolg der SNS.

Die Studierenden haben vieles richtig gemacht. Sie haben an Haustüren geklopft, haben sich als Alternative präsentiert und eine eigene positive Kultur geschaffen. Die Energie wäre gut genutzt, wenn der seit Jahrzehnten eingeschlagene Weg des Ausverkaufs verlassen, und man sich nicht abhängig machen würde. Dazu gehört Mut. Brüssel und Berlin warten schon darauf, sich etwa das serbische Lithium für die europäischen Autokonzerne unter den Nagel zu reißen. Dann wäre die Freude über die Abwahl Vučićs nur von kurzer Dauer und der Aufbau Serbiens zu einem anderen Land nur ein leeres Wahlversprechen.

Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.

Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original