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Serbien | Belgrad feiert das Ende von Aleksandar Vučić
Serbiens oppositionelle Studentenliste hat unerwartet die Parlamentswahl gewonnen. Auf Belgrads Straßen wird bis tief in die Nacht gefeiert.
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Belgrads Zentrum war nach dem Wahlsieg der Studentenliste lahmgelegt. Auf vielen Straßen feierten Menschen den zwar erhofften, dann aber doch unerwarteten Sieg gegen Aleksandar Vučić. Foto: Imago/ZUMA Press Wire Kurz nach 21 Uhr wird es laut in Belgrad. Autos hupen, von Balkonen und aus den Fenstern machen die Einwohner der serbischen Hauptstadt mit Töpfen und Tröten gewaltig Lärm. Kurz zuvor war das Unerwartete eingetreten. Die Machtrochade von Ex-Präsident Aleksandar Vučić ist gescheitert. Seine Koalition Einiges Serbien hat die vorgezogene Parlamentswahl gegen die Studentenliste verloren, Vučić gesteht seine Niederlage ein. »Anhand der stratifizierten Stichprobe ist bereits klar, dass wir die Wahl verloren haben.«
Die Schuldigen hat der 56-Jährige auch schon ausgemacht. Das Geschehene sei eine »Bestätigung der Revolution«, die »mit direkter Unterstützung europäischer Länder und des amerikanischen ›Deep State‹, der sich gegen US-Präsident Donald Trump stellt«, durchgeführt wurde. Die Wahlsieger bezeichnet Vučić als »einfache Ausführende der schmutzigen Arbeit anderer, die auf die Zerstörung eines souveränen Landes abzielt«.
Sein Gegenpart, der Listenführer der Studentenbewegung Ilija Srdanović, hält noch in der Nacht dagegen. Er sei stolz auf seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dem »Tyrannen« Vučić ein deutliches »Nein« entgegengeschleudert hätten. Er zeigt sich überzeugt: »Wir schreiten in ein zivilisierteres und besseres Serbien.«
»Das hier bedeutet alles, mein ganzes Leben. Zweimal sind die Serben für ihre Freiheit auf die Straße gegangen. Hoffentlich hält es dieses Mal für immer.«
Laut den vorläufigen Ergebnissen haben gut 53 Prozent der Wähler für die Studentenliste gestimmt, die damit 141 Abgeordnete stellen wird. Vučićs Koalition Einiges Serbien erhält 39 Prozent der Stimmen und wird 103 Abgeordnete ins Parlament schicken. Klar ist damit: Die Studentenliste braucht keinen Koalitionspartner.
In den Kneipen der Innenstadt wird bei Bekanntgabe der ersten Hochrechnung ausgelassen gejubelt. Vor allem junge Menschen haben sich versammelt, um gemeinsam den Wahlabend zu verfolgen. In Dauerschleife singen sie den Jugopop-Song »Tri Poljupca Za Sreću« (»Drei Küsse als Glücksbringer«), der in der aktuellen Bewegung zu einem Hit geworden ist.
Zum Abend hin mehren sich in verschiedenen Medien die Warnungen, die Regierung könne hart durchgreifen. Ein massives Aufgebot der Gendarmerie und als Zivilisten getarnte Schlägertrupps sollen unter anderem gesichtet worden sein. Vor allem im Bereich des Parlaments.
Das hält an diesem Abend aber niemanden davon ab, sich genau dort zu versammeln, um das Ende der Regierung Vučić zu feiern. »Das hier bedeutet alles, mein ganzes Leben«, sagt Dušan sichtlich gerührt. »Zweimal sind die Serben für ihre Freiheit auf die Straße gegangen«, fügt der 40-Jährige hinzu. »Hoffentlich hält es dieses Mal für immer«, muss Dušan lachen.
Für einen Moment scheint es, als könnte die ausgelassene Stimmung kippen. Kurz kommt es zu Rangeleien mit der Polizei, als Demonstrierende beginnen, die Absperrungen rund um den Pionirski-Park zu entfernen. Als die Polizei abzieht, entlädt sich die aufgestaute Wut. Seit März 2025 war das »Ćaciland« (ćaci ist ein abwertender Begriff für Studenten) Ort für regierungstreue Studenten. Nun werden ihre Zelte niedergerissen, zerschnitten und Vučić-Plakate unter »Bravo«-Rufen kaputtgetreten und -geschlagen.
»Anderthalb Jahre war der Park gesperrt. Das sind alles Mafia-Zelte. Und wir haben gegen die Mafia gewonnen«, sagt Ivana. Dass hier Gewalt im Spiel ist, stört sie nicht. »Es hat sich so viel Spannung aufgebaut, da ist so ein bisschen Gewalt schon ok«, verteidigt sie die meist jungen Männer, die vorbereitet scheinen und Schlagstöcke und Messer dabei haben. Kurze Zeit später läuft über den Nachrichtenticker die Meldung »Der Pionirski-Park ist befreit«.
Feier auf den Treppen vor dem Parlament. Heute sei die Einnahme symbolisch gewesen, sagen die Demonstrierenden. Bald hat ihre Studentenliste hier die Mehrheit. Foto: Imago/ITAR-TASS Was den Ansturm der Demonstrierenden übersteht, wird mitgenommen zum Slavija, dem Platz, auf dem am Donnerstag Zehntausende zur Abschlusskundgebung der Studierendenliste zusammenkamen. Jetzt sind es sehr viel mehr. Unter großem Jubel werden vor allem die Absperrgitter wie Trophäen einer gewonnenen Schlacht auf den Platz gebracht. Doch es bleibt friedlich, wohl auch, weil Gendarmerie und Polizei sich komplett zurückgezogen haben.
In den Tagen vor der Wahl gab es Befürchtungen, die Regierung könnte die Abstimmung manipulieren, um Vučić nach 14 Jahren als Präsident weiter als Ministerpräsident an der Macht zu halten. Am Donnerstag hatte Demonstrant Elvis »nd« gesagt, alles andere als einen Sieg nicht zu akzeptieren. Ansonsten wolle man die Straße einnehmen.
An diesem Abend herrscht Erleichterung, dass es nicht zum Kampf kommt. Viele, die hier unterwegs sind, sind immer noch leicht ungläubig, dass sie es tatsächlich geschafft haben. »Das ist ein historischer Tag«, sagt Milena, die mit ihren drei Teenager-Töchtern auf dem Slavija steht. Ihre Kinder haben nie etwas anderes als die Politik Aleksandar Vučićs erlebt, sie will ihnen zeigen, dass es auch Wandel geben kann, fährt sie fort.
Am Parlament haben am späten Abend die Demonstrierenden die Treppe vor dem Gebäude eingenommen und halten bis tief in die Nacht aus. Heute sei es symbolisch, aber bald werde man das Parlament richtig einnehmen, sagt einer der Männer auf der Treppe.
Auch nach Mitternacht reißt der Strom an Menschen in Richtung Slavija nicht ab. Dort schaut Aleksandar Vučić nicht mehr auf die Menschen, wie noch am Donnerstag. Statt für den Ex-Präsidenten wird jetzt für Kaffee und Uhren geworben.
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