Germany · nd · · 2h
Schweiz | Monte Verità: Matcha-Eis auf dem Berg der Wahrheit
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Monte Verità: Die erste Teeplantage der Schweiz gedeiht am Lago Maggiore. Foto: Adobe Stock/marcovarro Ein riesiges Feld üppig blühender Teepflanzen, mittendrin ein Tempel und ein Zen-Garten. Japan? Nein, ein Hügel im Tessin, 320 Meter über Ascona und dem Lago Maggiore. Unten flanieren die Touristen am Seeufer. Das intensive Blau glitzert in der Sonne, Boote schaukeln auf dem Wasser, auf den Terrassen der Cafés und Restaurants ist kaum noch ein Plätzchen frei. Nicht zufällig wurde Ascona kürzlich zum »schönsten Dorf der Schweiz« gekürt. Dolce vita im Süden der Schweiz, wo es sich wie in Italien anfühlt, aber dennoch gepflegt eidgenössisch zugeht.
Von der Piazza führt ein Fußweg zwischen alten Villen auf den Monte Verità, den Berg der Wahrheit. Oben angekommen stehe ich vor einem Hotel im Bauhausstil inmitten grüner Parklandschaft. Eine Oase der Ruhe. Und ich spüre sofort: Es ist eine Welt für sich, in der man dem touristischen Treiben in Ascona entkommen ist.
Traditionell blühen hier im milden Mikroklima des Tessin die viel gerühmten Kamelien, Magnolien und Oleander zwischen Zypressen und haushohen anderen Bäumen. Aber inzwischen gedeiht auf dem Monte Verità auch Camellia sinensis, eine chinesische Teepflanze, die in Asien heimisch ist. 2005 pflanzte sie der weitgereiste Teeliebhaber Peter Oppliger an und verwirklichte damit seinen Traum von einer ersten Teeplantage in der Schweiz. Gleich daneben lädt die Casa del Tè zu Verkostungen von grünem Tee oder Matcha-Eis ein. Ab und zu auch zu rituellen Teezeremonien, die den fernöstlichen Geist der Gelassenheit zelebrieren.
»Das passt in gewisser Weise zur Philosophie, die hier vor über 100 Jahren propagiert wurde«, sagt Stadtführerin Carolina Peters, die ich vor dem Hotel treffe. Um 1900 fanden sich hier alle möglichen Lebensreformer, Künstler, Gesundheitsapostel, Nudisten, Pazifisten und Anarchisten zusammen, um eine alternative Gemeinschaft fernab des industrialisierten Nordens zu begründen. Ein alternativer Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus schwebte ihnen vor. Und der Berg im sonnigen Süden schien dafür wie gemacht.
Wie die Tessinerin berichtet, begann alles damit, dass der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven und seine in Sachsen geborene Geliebte Ida Hoffmann, die in Russland, Montenegro und Wien Erfolge als Pianistin gefeiert hatte, ein 1,5 Hektar großes Grundstück auf dem Hügel kauften. Auf dem verwilderten Weinberg wollten sie ein Kurhotel errichten, um zivilisationsmüden Großstädtern zum wahren Leben zu verhelfen. Sie nannten ihr Projekt »Monte Verità« – Berg der Wahrheit. Zu dem Paar gesellten sich der spinnerte Künstler Gusto und dessen Bruder, der Ex-Offizier Karl Graeser aus Siebenbürgen. In den folgenden Jahren entstanden mehrere Licht-Luft-Hütten für einen schlichten, naturnahen Aufenthalt.
Am Berg der Wahrheit: Ackerbau in der Vegetabilen Cooperative Monte Verità im Jahre 1907 Foto: Archiv Mit Carolina Peters laufe ich zu einer der spartanischen Behausungen, der Casa Selma, die sich nahe der Teeplantage erhalten hat. Drinnen befindet sich nicht viel mehr als ein Bettgestell. An der Wand wird der Bewohner – oder besser die Bewohnerin – aufgefordert, auf das Bügeln der Wäsche zur »Erreichung größerer Freiheit« zu verzichten und diese nur durch Recken und Falten zu glätten. »Die Patienten, die hierherkamen, sollten durch Licht, Luft und Sonne, vegetarische Ernährung und Eurythmie genesen«, erklärt die Führerin und zeigt mir eigenartige, meterhohen Gestelle im Park: Turngeräte und Duschanlagen aus dem Jahr 1902 – Vorläufer der Trimm-Dich-Pfade unserer Tage.
»Nicht nur in Ascona machte man sich über die Nackttänzer auf dem Hügel lustig.«
Auch Gartenarbeit und Tanz standen damals auf dem Programm. Später, als ich durch das Museum in der liebenswerten alten Casa Anatta, dem einstigen Wohnhaus der Betreiber, streife, sehe ich auf alten Fotos Menschen, die in Reformkleidern, barfuß oder mit Sandalen die Böden bearbeiten, die langen Haare durch lederne Stirnbänder zusammengehalten. Auf anderen Bildern fassen sich an Hippies erinnernde Menschen in weißen Gewändern an den Händen, um im Kreis zu tanzen.
Nachdem die Begründer über ihr weit gespanntes Netzwerk von sich reden gemacht hatten – die erste Werbung für das Tessin überhaupt, wie Peters betont –, stellten sich alle möglichen illustren Gäste ein. Schriftsteller wie Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Erich Maria Remarque, Franziska von Reventlow und Erich Mühsam, der hier die »Republik der Heimatlosen« ausrief, Künstler wie Hans Arp, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. Zusammen mit der Tanzschule, die Rudolf von Laban hier 1913 begründete, kamen die Tänzerinnen Isadora Duncan und Mary Wigman, später folgten Emigranten des Ersten Weltkriegs. Möglicherweise schauten sogar Lenin und Trotzky bei Walkürefelsen und Parsifalwiese vorbei.
Nicht alle werden sich zu den Statuten der »individualistischen vegetabilen Cooperative« bekannt haben, die ein Leben ohne Luxus und »die erdrückende Last materieller Arbeit« vorsahen, aber auch die allgemeine Verbrüderung, den gemeinsamen Besitz von Grund und Boden, eine vegetabilische Ernährung und die Gleichberechtigung der Geschlechter einforderten. Schon allein die Ernährung ohne Fleisch, Milch, Kaffee, Tabak und Alkohol dürfte für einige eine Herausforderung gewesen sein. Manch einer soll sich mal heimlich in ein nahegelegenes Wirtshaus geschlichen und dort eine deftige Polenta mit Ossobuco verschlungen haben, wie Peters erzählt.
So gab das Projekt auch zu allerlei Spott und Anekdoten Anlass. »Nicht nur im damaligen Fischerdorf Ascona machte man sich über die Balabiott, die Nackttänzer auf dem Hügel, lustig«, meint die Führerin. Angeblich ließ der Erbauer der Villa Semiramis, der Jugendstilvilla, in der ich unterkomme, das Gebäude so hoch bauen, dass man von oben das Treiben auf dem Gelände des Lebensreformprojekts mitsamt den Nackedeis einsehen konnte. Später verkaufte man sogar Tickets zum Stalken an die Neugierigen aus dem Dorf.
Inzwischen war man auch außerhalb der Schweiz auf den sagenumwobenen Berg aufmerksam geworden. Im Museum entdecke ich einen Artikel der »Welt am Sonntag« von 1931, in dem von den »Narren von Ascona« die Rede ist. Westermanns Monatshefte sprechen derweil von »Berlins äußerstem Vorort«, weil der Meinung der Verfasser zufolge dort dieselben Spinner den Ton angaben wie in der deutschen Hauptstadt.
Als dem Projekt in der Zeit des Ersten Weltkriegs das Geld ausging, erledigte sich die Utopie von einer nach Gesundheit, Gleichberechtigung und Wahrheit strebenden Gemeinschaft erstaunlich schnell. Ida Hoffmann und Henri Oedenkoven zogen mit dessen neuer Frau Isabelle Adderley nach Brasilien. »Dann fand sich anstelle der Weltverbesserer zunehmend Partyvolk ein«, berichtet Carolina.
Die schillernde Bohème rief wiederum den vermögenden Baron Eduard von der Heydt auf den Plan. Der Kunstsammler und Bankier von Kaiser Wilhelm II. kaufte das Gelände für 160.000 Franken und ließ hier 1927 den Architekten Erich Fahrenkamp ein Hotel im Bauhausstil errichten. 1964 vermachte er seinen Besitz dem Kanton Tessin, seitdem betreibt hier die Stiftung Fondazione Monte Verità zusammen mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ein Seminar- und Kongresszentrum.
Beim Mittagessen – das Restaurant ist mit seiner ausgezeichneten Küche auch bei Tessinern beliebt – kann ich nun junge Wissenschaftler bei angeregten Diskussionen beobachten. Dazu gibt es Yoga-Retreats, Meditationswochenenden, Lesungen und Vorträge. Das Hotel und natürlich das Museum stehen auch allen anderen offen. Ebenso wie die Teeplantage, die zahlreiche kulturinteressierte Besucher anzieht.
So ist sichergestellt, dass das geschichtsträchtige Gelände erhalten und öffentlich zugänglich bleibt. Ein Glücksfall. Denn es hätte auch gierigen Investoren in die Hände fallen können, die daraus eine Luxusherberge gemacht hätten, wie sie unten am See zuhauf stehen. Dort werden mit Angeboten wie Waldbaden, Entschleunigung, Achtsamkeitstraining, Workouts und vegetarischer oder veganer Ernährung genau jene Konzepte aufgewärmt, mit denen die Lebensreformer auf dem Berg schon vor 120 Jahren experimentierten.
Der Traum vom irdischen Paradies wurde eben in ein gehobenes Lifestyle-Konzept für zahlungskräftige Gäste übersetzt. »Dabei war es die Hippie-Kolonie auf dem Monte Verità, die Ascona zu dem gemacht hat, was es heute ist«, resümiert Carolina Peters.
Andere Medien haben Konzerne oder Milliardäre im Rücken. Wir haben die nd.Genossenschaft und Leser*innen wie dich. Das macht uns unabhängig und genau das wollen wir bleiben. Aber es heißt auch: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Du kannst direkt hier spenden, einmalig oder regelmäßig, damit nd bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd