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Schwammstadt | Berlin spielend zum Schwamm umbauen

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So könnte ein schwammstadt-gerechtes Quartier aussehen: mit Grünflächen, Straßenbäumen, Fassadenbegrünung und Dachgärten Foto: Regenwasseragentur Ein gelber Schwamm mit Gesicht begrüßt die Nutzer*innen des neuen Handy-Spiels »Schwammtastisch« auf dem Display. Während des Intros taucht eine Wolke am oberen Displayrand auf und ergießt dicke Regentropfen auf den Schwamm, der lachend zur doppelten Größe anschwillt. »Stell dir vor, Berlin wäre ein Schwamm«, steht darunter. Nach dem Regen bekommt die Animationsfigur Sonne ab, verkleinert sich wieder – dann überzieht ein grauer Schleier das Display. Der Schwamm sieht aus, als würde ihm schlecht werden. »Berlins Schwamm ist versiegt«, ist nun zu lesen.

Mit dem Browser-Spiel des Kompetenzzentrums Wasser Berlin können Berliner*innen herausfinden, wie sich das wieder ändern lässt. Zuerst wählen sie einen Bezirk aus und landen beim Foto eines grauen, versiegelten Wohngebietes. Dem können nun mit digitalen Puzzlestücken Wiesen, Bäume, Regentonnen und ähnliche Maßnahmen hinzugefügt werden, die verhindern, dass Regenwasser in die Kanalisation abfließt. Genau das ist die Idee des stadtplanerischen Konzepts der Schwammstadt, auch dezentrales Regenwassermanagement genannt: dafür zu sorgen, dass Wasser bei starkem Niederschlag von Pflanzen und Böden aufgefangen beziehungsweise gespeichert wird und bei Hitze und Trockenheit zeitverzögert verdunstet und so für Kühlung sorgt. Die Stadt funktioniert dann also wie ein natürlicher Schwamm.

»Jeder Regentropfen, der nicht in einen Kanal fließt, ist ein guter Regentropfen«, sagt Stephan Natz zu »nd«. Er ist Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, die gemeinsam mit der Berliner Regenwasseragentur, den Senatsverwaltungen für Umwelt und Stadtentwicklung und anderen Partnern im Rahmen des Projekts »Smart Water« an der Spielentwicklung beteiligt waren. Anlass sei eine Förderung der Senatskanzlei gewesen, die genutzt werden sollte, um für die notwendige Anpassung an die Klimakrise zu werben, sagt Natz.

»Jeder Regentropfen, der nicht in einen Kanal fließt, ist ein guter Regentropfen.«

Ziel des kurzweiligen Online-Spiels, das bislang knapp 1500 Mal gespielt wurde, ist es, »den Schwammstadt-Gedanken populär zu machen«. Es richte sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die das Berlin der Zukunft mitgestalten und schon jetzt »ihre Eltern gehörig damit nerven« sollten, findet Natz. Neben dem Spiel wurden im Rahmen des Projekts »Smart Water« auch ein Hochwasser-Infoportal und der blau-grüne Infrastrukturplaner (BGI-Planer) entworfen. Mit blauer Infrastruktur sind Gewässer und mit grüner Infrastruktur ist Bepflanzung gemeint.

Beim BGI-Planer handelt es sich um eine kartenbasierte Web-Anwendung, die vor allem für die Verwaltung gedacht ist. Auf die kommt es laut Natz »doppelt an«, weil sie die größte Flächeneigentümerin der Stadt und zugleich Genehmigungsinstanz für andere Eigentümer*innen ist. Der Planer soll zeigen, welche Orte wie stark von Starkregen, Hitze und Versiegelung betroffen sind. Er enthält Potenzialkarten, etwa für Gründächer, und bewertet die Wirksamkeit verschiedener Maßnahmen. So macht die Open-Source-Anwendung sichtbar, wo eine Versickerungsmulde oder eine entsiegelte Fläche besonders viel bewirken.

Eine solche Planung sei für die Hauptstadt dringend nötig, weil sie so etwas wie »die Sahelzone Deutschlands« sei, sagt Natz. Im langjährigen Durchschnitt fielen in Berlin etwa 580 Liter Regen pro Quadratmeter und Jahr, deutlich weniger als an vielen anderen Orten. In den vergangenen Jahren sei die Niederschlagsmenge meist noch niedriger gewesen, bedauert er. Aber wenn der Regen dann mal komme, »wird man fast weggeschwemmt«. So fielen im Juni 2017 an einem einzigen Tag fast 200 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel.

In einer stark versiegelten Stadt können diese Mengen nirgendwo versickern, weshalb an diesem Tag zahlreiche Straßen, Keller und U-Bahnstationen überflutet wurden. Auch die Mischwasserkanalisation in der Berliner Innenstadt läuft bei Starkregen über, wodurch eine Mischung aus Regen- und Schmutzwasser in Spree, Havel und Landwehrkanal geleitet wird und die Gewässer extrem verunreinigt. Da solche Extremwetterereignisse und längere Hitzeperioden durch die Klimakrise häufiger werden, ist die Bewirtschaftung, also Speicherung oder Nutzung von Regenwasser vor Ort, bei neu bebauten Grundstücken seit 2018 im Wasserhaushaltsgesetz vorgeschrieben. Die Eigentümer*innen müssen also die Flächen, die asphaltiert oder betoniert werden, so gering wie möglich halten und das Abfließen von Regenwasser in die Kanalisation verhindern. Das ist auch für die Gewinnung von Trinkwasser von großer Bedeutung.

Konkrete Maßnahmen im Bereich der grünen Infrastruktur sind das Anlegen von Wiesen und Beeten, das Pflanzen von Sträuchern und Bäumen sowie die Begrünung von Dächern und Gebäudefassaden. Ein Beispiel für blaue Infrastruktur ist der Piano-See am Potsdamer Platz, der sich ausschließlich aus dem gesammelten Regenwasser von den Dächern des Quartiers speist und die Umgebung bei Hitze abkühlt. Aber auch natürliche Teiche, Seen oder Flüsse fallen unter blaue Infrastruktur.

»Es wird auch Schönheit gebaut.«

Im Rahmen des Programms »Blaue Perlen für Berlin« sollen rund 30 Kleingewässer wie Teiche und Weiher revitalisiert werden. So planen die Berliner Wasserbetriebe den ausgetrockneten Beerenpfuhl in Hellersdorf durch die kontrollierte Einleitung von gereinigtem Regenwasser aus dem angrenzenden Wohngebiet wiederzubeleben. Zurzeit leiden viele Gewässer darunter, dass mit Regenwasser, wenn es von Straßen abfließt, jede Menge Nähr- und Schadstoffe eingespült werden.

Eine Mischung aus grüner und blauer Infrastruktur sind beispielsweise Wiesen, auf denen sich Wasser nach einem starken Regenguss sammeln und allmählich versickern kann. In Berlin gibt es zwei entsprechende Mulden in Dahlem und Rummelsburg, an denen die Technische Universität Berlin erforscht, welche Pflanzen außer Gräsern noch dafür geeignet sind, um zusätzlich die Biodiversität zu fördern. Durch tiefergehende Wurzeln könnte sich die Wasseraufnahme- und Verdunstungsleistung verbessern, heißt es auf der Website der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Dafür müsse jedoch eine Pflanze gefunden werden, »die mit nassen Füßen genauso klarkommt wie mit längerer Trockenheit«, sagt Natz.

Letztlich hat die Schwammstadt »einen Multi-Nutzen«, wie er es nennt, nicht nur für den Grundwasserschutz, sondern auch für Mikroklima und Artenvielfalt. Gut umgesetzt werde das Prinzip bereits in Neubaugebieten wie Adlershof, Rummelsburg, Karow-Nord, Blankenburg-Süd und im Tegeler Schumacher-Quartier. Auch die Buckower Felder in Neukölln seien ein gutes Beispiel. Dort gebe es neben Gründächern unter anderem einen Park, der bei Starkregen als Überflutungsfläche genutzt werden könne, um das angrenzende Wohnviertel zu schützen. Außerdem Baumrigolen, also unterirdische Regenwasserspeicher, die direkt mit dem Wurzelraum von Straßenbäumen kombiniert werden.

Rigolen gebe es auch unter dem immer wieder als Stadtglatze verschrienen Gendarmenmarkt, sagt Natz. Daher findet er die Kritik an dem Platz in Mitte, der 2025 nach zweijähriger Sanierung komplett versiegelt wieder eröffnete, nicht gerechtfertigt. Dessen Zweck seien Veranstaltungen von Klassik-Open-Air-Konzerten bis hin zum Weihnachtsmarkt. »Insofern konnte man dort keinen Wald pflanzen«, erklärt er. Dennoch sei der Platz schwammstadt-gerecht umgebaut worden. Unter dem Pflaster seien großflächige Rigolen verbaut, also Hohlkörper, in die das Regenwasser des Platzes hineinlaufe und dann im Grundwasser versickere.

Schlimmer seien Orte wie der Alexanderplatz, an dem das unter anderem wegen der darunterliegenden U-Bahn nicht möglich sei. Generell sei der Umbau des Bestands die größte Hürde auf dem Weg zur Schwammstadt. Dafür fehle es an rechtlichen Vorgaben, an Fördergeldern, zum Teil an Platz – eine Grundwasserzisterne verbrauche beispielsweise den Platz von zwei bis drei Tiefgaragenplätzen – und oft an grundstücksübergreifenden Lösungen. Hier sei Berlin auf den guten Willen der Eigentümer*innen angewiesen.

Auch deswegen sei es nötig, »immer wieder zu erklären, inwiefern uns die Schwammstadt nützt«, meint Natz. Nicht zuletzt »wird auch Schönheit gebaut«. Genau das zeigt das neue Handy-Spiel: Kaum wurden die grauen Plätze um Wiesen, Blumen und Bäume ergänzt, wird das Bild bunt und glückliche Figuren laufen hindurch. In Wirklichkeit geht es nicht so schnell. Der Umbau von ganz Berlin zur Schwammstadt werde Generationen dauern, prognostiziert Natz.

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Source: nd