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Schulstreik gegen Wehrpflicht | »Wir wollen nicht kämpfen«

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Mit seiner Meinung ist Golo Kirsch nicht allein: Das Geld, das Deutschland gerade für Waffen ausgibt, wäre in Bildung und Gesundheit viel besser investiert. Foto: DPA/Marcus Brandt Du beteiligst dich am Freitag an einem Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Aber die gibt es doch noch gar nicht.

Das Verteidigungsministerium hat erst am vergangenen Freitag kundgegeben, dass es ab jetzt Zwangsmusterungen geben wird. Das macht noch mal klar, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden soll, und zwar lieber heute als morgen. Das macht mich und viele meiner Mitschüler sauer.

Die Wehrpflicht wird gerade etappenweise eingeführt. So schafft die Bundeswehr oder die Regierung es, dass die Wehrpflicht dabei kein großes Thema wird.

Die Zwangsmusterungen sind also ein Schritt auf dem Weg zur Wehrpflicht?

Genau. Auf der einen Seite sprechen Politiker ganz offen davon, dass wir eine konventionelle große Armee brauchen, die stärkste Armee Europas. Aber gleichzeitig spricht die Bundeswehr nicht sehr offen davon, dass wir jetzt alle zwangsgemustert werden. Das sieht man nur, wenn man sich die Gesetze wirklich gründlich durchliest. Für Schüler ist es also sehr schwer nachzuvollziehen, was jetzt genau passiert. Auch in den Medien ist die Wehrpflicht in meiner Wahrnehmung kein so großes Thema. Es wird darüber gesprochen, inwiefern wir weiter aufrüsten müssen. Aber die Zwangsmusterungen von uns Jugendlichen werden nicht breit genug in die Öffentlichkeit getragen.

Du sagst, du möchtest nicht für Deutschland kämpfen. Wofür möchtest du kämpfen oder dich einsetzen?

Für ein besseres, gerechteres Bildungssystem. Und für ein besseres Gesundheitssystem. Ich meine: Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich zwei Stunden warten. Und bei jedem Arzt, zu dem ich in der letzten Zeit gegangen bin, lagen Unterschriftenlisten gegen die Kürzungen im Gesundheitssystem aus. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft. Dass man es da nicht hinbekommt, das beste Gesundheitssystem überhaupt aufzubauen, finde ich komisch. Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.

»Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.«

Ist der Schulstreik gegen Wehrpflicht die erste politische Bewegung, in der du aktiv bist?

Ich war schon bei den Klimastreiks, da war ich aber noch ganz klein. Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht sind das erste große Ding, bei dem ich so richtig aktiv bin.

Der 18-jährige Golo Kirsch geht in Kiel zur Schule und organisiert den Protest gegen Zwangsmusterungen und Wehrpflicht mit.

Wie wurde Kriegsdienstverweigerung ein Thema für dich?

Das ist einfach ein sehr zentrales Thema bei uns Jugendlichen. Wir wollen nicht kämpfen, aber die Wehrpflicht wird gerade immer realer.

Es wird so viel Geld in die Militarisierung gesteckt und bei uns fehlt es. Das merken meine Freunde und ich in der Schule und im Alltag. Dann habe ich mitbekommen, dass die ersten Schulstreiks gegen Wehrpflicht organisiert werden. Da habe ich gedacht, das mache ich hier auch mit meinen Freunden. Und beim ersten Schulstreik waren wir in Kiel schon um die 1500 Schüler. Und dann habe ich einfach nicht aufgehört.

Wie organisiert man einen Streik an der Schule?

Bei den Schülern ist das so: Entweder sind sie von Grund auf gegen die Wehrpflicht und sehen direkt ein, dass sie gegen unsere Interessen ist, oder sie sind in ihrem Patriotismus oder Nationalismus gefangen und sehen den Zusammenhang zwischen der Militarisierung, also der Tatsache, dass Milliarden in die Rüstung gesteckt werden, und deren Fehlen im Bildungssystem und im Gesundheitssystem einfach nicht.

Der Großteil steht hinter dem Schulstreik. Aber das heißt nicht, dass alle hingehen, weil wir leider auch einfach noch nicht die Breite haben, mit allen in Kontakt zu kommen.

Und wie wollt ihr mit mehr Schüler*innen in Kontakt kommen?

Im Streikkomitee hier in Kiel versuchen wir, in den Schulen Strukturen aufzubauen – Schulkomitees nennen wir das –, in denen wir den Streik an den Schulen selbst vorantreiben.

Wir machen Kreideaktionen vor den Schulen, verteilen Schülerzeitungen oder machen Schulhofkundgebungen. So machen wir den Streik an den Schulen präsent.

Auf mich sind Lehrer zugekommen und haben gesagt, dass sie es wichtig finden, was wir machen. Es gibt bundesweit aber auch Beispiele von Schulen, die während des Streiks ihre Schüler einschließen. Ich wurde am Anfang mal zum Schulleiter gerufen, weil ich für den Schulstreik geworben habe.

Man bekommt eine Sechs, wenn man während einer Klausur streikt. Zumindest hier in Schleswig-Holstein sagt das Bildungsministerium ganz klar, dass niemand entschuldigt wird. Lehrer können natürlich immer etwas anderes machen. Wenn ihr Lehrer seid und das lest, bitte entschuldigt uns am 25. September!

Dich hat kürzlich sogar der Verfassungsschutz angequatscht. Was war da los?

Vor dem dritten Streik Ende April wollte ich zur Schule fahren. Auf dem Weg dorthin hat mir jemand vom Verfassungsschutz aufgelauert, mit der Hook »allgemeine Verkehrskontrolle! Spaß, Verfassungsschutz«. Er hat mir gesagt, dass er mit mir über die Grenzen des antimilitaristischen Kampfes sprechen möchte. Und dann bin ich auch relativ schnell wieder aus der Situation geflohen.

Das sitzt schon immer noch tief. Dass dort Menschen vor meinem Haus auf mich gewartet haben. Weil ich gegen Krieg bin. Die wissen, wo ich wohne. Die wissen, wo mein Schulweg ist.

Das war kein Gespräch, das mich vom Gegenteil überzeugen oder mich warnen sollte, mit wem ich da auf der Straße bin. Das sollte mir einfach Angst machen und mich einschüchtern. Und das einfach nur, weil ich für eine gerechtere Zukunft kämpfe, weil ich keinen Bock habe, im nächsten Krieg zu sterben. Das finde ich schon krass.

Wie reagiert die Politik auf euren Streik? Auch im Vergleich zu den letzten großen Schulstreiks von Fridays for Future?

Bei Fridays for Future haben alle Politiker einfach gesagt, wie toll das ist, dass wir auf die Straße gehen. Aber am Ende hat sich wenig geändert. Bei uns hat eigentlich nie ein Politiker versucht, sich hinter uns zu stellen. Außer vielleicht die Linke, die hat sich mehrmals mit uns solidarisiert. Aber von den Regierungsparteien kam nie etwas. Wir stellen uns hier gegen etwas, das die Politik wirklich durchbringen möchte.

Wurdest du schon zu einer Musterung eingeladen?

Ja, ich habe einen Brief bekommen und wurde zum 31. August eingeladen. Ich bin aber nicht aufgekreuzt, weil ich das nicht mit mir machen lasse. Das Ziel der Musterung ist zu schauen, ob man gutes Menschenmaterial ist, um dann im Krieg auf andere Soldaten zu schießen.

Und kennst du Menschen, die hingegangen sind?

Ein Freund von mir war schon da. Der wusste gar nicht, dass man da nicht hin muss. Das ändert sich ja auch jetzt. Die Bundeswehr hat zwar gar nicht die Kapazitäten, uns zu verfolgen, wenn wir nicht aufkreuzen. Aber auf dem Papier ist es inzwischen verpflichtend.

Und was hat dein Freund erzählt? Was passiert bei einer Musterung?

Er hat erzählt, dass es erst ein paar Tests gibt – Blutdruck, wie die Gelenke funktionieren, eine Urinprobe, man wird gewogen. Aber dann passiert auch eine Inspizierung im Genitalbereich. Einem wird an die Hoden gepackt und der Finger in den Po gesteckt.

Danach ging es weiter mit Reaktionstests und Mathe- und Logiktests. Das Witzige ist, dass die Computer wirklich sehr alt sind. Keine Ahnung, wie die Reaktion geprüft werden soll, wenn die Maus zwei Sekunden verzögert ist.

Und es gab eine Befragung dazu, ob man verfassungstreu ist. Da wurde gefragt, ob man den Holocaust leugnet oder ob Frauen und Ausländer Menschenrechte haben sollen. Das dient wahrscheinlich dazu, dass die Bundeswehr sagen kann, sie habe ja alle gefragt, ob sie Nazis sind.

Kriegsgegner*innen werden oft Egoismus oder mangelnde Solidarität der Gesellschaft gegenüber vorgeworfen. Was sagst du dazu?

Ich halte es nicht für egoistisch, Nein zu Krieg zu sagen. Auch wenn ein Soldat in Russland oder in der Ukraine verweigert, stehe ich solidarisch dahinter und sage, dass es nicht egoistisch ist. Solche Leute verhindern diesen Krieg, wenn sie sich verweigern.

Außerdem glaube ich nicht, dass diese Wehrpflicht und die Aufrüstung überhaupt nötig sind. Es gibt eine tolle Greenpeace-Studie, die klarmacht, dass das nicht so ist: Es gibt keinen Grund für Aufrüstung, wenn man sich nur verteidigen möchte. Die Aufrüstung dient dazu, dass Deutschland wieder Kriege führen kann. Wir sind nicht egoistisch, wenn wir uns einem Krieg verweigern, der nicht unseren Interessen dient. Es geht ja eben nicht darum, eine Kita zu sichern oder dafür zu sorgen, dass mein Jugendzentrum nicht geschlossen wird.

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Source: nd