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Roman »Die Briefe, die nicht ankamen« | Ringen um die eigene Erinnerung

In »Die Briefe, die nicht ankamen« verbindet Mauricio Rosencof seine Haft in Uruguay mit fiktiven Briefen an seine im Holocaust ermordete Familie

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Mauricio Rosencof bringt Erfahrungen von Verlust, Exil und Fremdheit bis hin zu Isolation in »Die Briefe, die nicht ankamen« zusammen. Foto: IMAGO/Newscom/GDA Ende Juli ist im Verlag Assoziation A »Die Briefe, die nicht ankamen« von Mauricio Rosencof wieder erschienen. 2000 war das Buch im spanischen Original in Uruguay veröffentlicht worden, 2004 in einer ersten Übersetzung, ebenfalls von Willi Zurbrüggen, auf Deutsch. Nähert man sich dem Buch, stößt man unmittelbar auf biografische Eckpfeiler, mit denen auch der Verlag den Band bewirbt. Rosencof wird 1933 als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer in Uruguay geboren. Seine Eltern und sein älterer Bruder sind vor dem erstarkenden Antisemitismus der Zwischenkriegszeit geflohen. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter haben dabei eine Vielzahl von Verwandten zurücklassen müssen. In Uruguay sind sie Teil der kleinen jüdischen Exilgemeinde und erhalten Nachrichten vom Beginn des Zweiten Weltkriegs, wobei die Briefe aus Europa nach und nach versiegen. Die in Polen zurückgebliebenen Verwandten von Mauricio Rosencof werden von den Deutschen ermordet. Als Rosencof Jahrzehnte später auf der Spurensuche nach ihnen nach Polen reist, kann er kaum welche finden. Das Verbrechen der Deutschen galt auch der Erinnerung an die Toten.

In den 1960er Jahren wird Mauricio Rosencof Mitglied der MLN Tupamaros. 1972 wird er inhaftiert. Ein Jahr später putscht das Militär und entführt Rosencof und acht weitere Mitglieder der Tupamaros. Zwölf Jahre verbleiben die als »Geiseln des Staates« bezeichneten Gefangenen in fast vollständiger Isolation. Nach seiner Entlassung ist Rosencof Autor von Romanen und Theaterstücken. 2005 bis 2010 ist er Leiter der Kulturabteilung der Stadt Montevideo, sein ehemaliger Zellengenosse und Gründungsmitglied der Tupamaros, Pepe Mujica, wird 2010 bis 2015 als Kandidat des Linksbündnisses Frente Amplio zum Präsidenten des Landes.

Sprechen, Erinnern und Schreiben sind hier längst zu politischen Praxen geworden.

Es ist dieser zeitgeschichtliche Kontext, der das Buch interessant macht. Es ist die formale Umsetzung, die es zu einem großartigen Roman werden lässt. Denn all die disparaten Erfahrungen von Verlust, Exil und Fremdheit bis hin zu Isolation bringt Mauricio Rosencof in »Die Briefe, die nicht ankamen« zusammen, während er eine Sprache sucht, die das Erinnern, Vergessen und Verdrängen aufgreift. In einem ersten Teil schildert er nicht nur Erlebnisse seiner Kindheit in Montevideo. Er kontrastiert diese naive Sicht auf die Welt mit Briefen von Angehörigen, die diese aus dem Polen der 1930er und 1940er Jahre nach Südamerika schicken. Rosencof imaginiert sich in seine ihm unbekannte Verwandtschaft, um der Bedrängung und Enge ihrer Situation nachzuspüren. Gleichzeitig gelingt es ihm, die Perspektive des Kindes konsistent zu erzählen, und er umgeht die Gefahr von Kitsch oder unnötiger Naivität durch Präzision. Die Welt des Kindes ist, ohne dass es bereits davon weiß, zerstört.

»Die Welt ist was, wovon ich nicht viel verstehe. Fito sagt, dass er einen Vetter in Buenos Aires hat, der Pascualito heißt, und dass Buenos Aires so einen rötlichen Lichtschein hat. Manchmal können wir ihn sogar sehen. (…) Es ist kein Licht wie von einer Lampe. Nein. Eher wie eine Wolke, die man nachts sehen kann. Buenos Aires ist eine rötliche Wolke, und da wohnt Pascualito. Mein Bruder meint aber, das, was wir sehen, ist was anderes. Diese Wolke kommt von einem Tanzschuppen, drei Straßen weiter. Mein Bruder sagt, er nimmt Fito und mich mal mit, dann gehen wir nachts dahin. ›Damit ihr mir glaubt.‹ Buenos Aires ist ein Tanzschuppen.«

Teil 2 ist ein Brief, den Rosencof sich ebenfalls nachträglich imaginiert: Hier hört man die Stimme des Inhaftierten, der nach seiner Haft versucht, ein Schreiben an seinen Vater zu rekonstruieren, um mit ihm aus der Isolation in Kontakt zu treten. Immer wieder misslingt der Ansatz, passende Formulierungen zu finden. Es ist sowohl ein kontinuierliches Ringen um die eigene Erinnerung als auch um die Nähe zum mittlerweile alt gewordenen Vater: »Und jetzt hier, Vater, wo die Welt drei kurze Schritt lang ist, dann eine Kehrtwendung und wieder drei Schritte, doch davon erzähle ich dir lieber nichts, wozu auch. Aber das ist meine Welt, zwei Mal einen Meter ohne Licht ohne Buch ohne ein Gesicht ohne Sonne ohne Wasser ohne ohne und ich schreibe dir, aber nicht davon, das geht nur mich was an, das ertrage ich Monate, Jahre Jahre Jahre, so viele Jahre, und wir müssen über all das sprechen, worüber wir nie gesprochen haben (…).«

Sprechen, Erinnern und Schreiben sind hier längst zu politischen Praxen geworden. Rosencof erhält sich selbst mit den Mitteln der Sprache und blättert alle Fassetten seiner disparaten Zugehörigkeiten auf. Im Teil 3 setzt er das kontinuierlich abbrechende Gespräch mit seinem Vater fort. »Warum ich dir das erzähle, Papa? Ach ja, weil ich dir eigentlich nur Folgendes damit sagen will: Als ich zum ersten Mal wieder auf sonnenbeschienenen Bürgersteigen ging, fühlte ich mich, als wäre ich nie fort gewesen.«

Der Verlag labelt das Buch als Roman. Gleichzeitig sind im hinteren Teil Bilder der Familie Rosencof als Beleg der familiären Erzählung. Dem Text, als Erinnerungsbuch gelesen, entspringt aber eine weitaus größere Kraft, als es das vermeintlich Konkrete vermuten ließe. Denn Erinnern und Erzählen werden in diesem Band zu einem Akt des Aufbegehrens. Nicht nur das: Auch die Fiktion, in der Rosencof Briefe seiner von den Deutschen ermordeten Verwandtschaft imaginiert, arbeitet gegen dieses Verbrechen: »Die Teller sind abgewaschen, die Nacht ist finster, setzen wir uns und erzählen uns was, erinnern wir uns. Der Widerschein der Flammen in den Augen belebt die Erinnerung.«

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