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Rezension | Leben und Sterben im Kongo
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Nach einem neuerlichen M23-Einmarsch ist wieder ein Stück Normalität in diesem Teil Gomas nahe der Grenze zu Ruanda eingekehrt. Foto: AFP/JOSPIN MWISHA »On est là« lautet eine gängige Begrüßungsformel in der Demokratischen Republik (DR) Kongo, wenn man jemanden nach dem Befinden fragt. Es ist hier nämlich keine Selbstverständlichkeit, noch da zu sein, noch am Leben zu sein.
In besonderem Maße trifft dies für die Millionenstadt Goma ganz im Osten des riesigen zentralafrikanischen Landes zu. Idyllisch gelegen am Ufer des Kivu-Sees unweit des Nationalparks Virunga und am Fuße des Vulkans Nyiragongo, sind die Bewohner praktisch allen Geißeln der Menschheit ausgesetzt: Bittere Armut und Arbeitslosigkeit treffen hier auf immer wieder aufflammende Bürgerkriege, Bandenüberfälle, Übergriffe staatlicher Stellen, Korruption von Polizei und Verwaltung, verheerende Vulkanausbrüche und alle erdenklichen tödlichen Krankheiten bei nur rudimentärer oder zu teurer Gesundheitsversorgung. Das Ganze wird überlagert vom Rohstoffreichtum, der unzählige Milizen finanziert, vom Erbe der belgischen Kolonialzeit und der ruinösen Herrschaft von Diktator Mobutu, der am Ende allen Untertanen angesichts der ruinierten Wirtschaft empfahl, sich gewaltsam zu bereichern.
Wie der Alltag und der Überlebenskampf hier heute aussieht, schildert Judith Raupp auf eindrückliche und bewegende Weise in ihrem kürzlich erschienenen Buch »Morgen gehe ich einkaufen, falls der Markt noch steht.« Die Journalistin, die nd-Lesern durch zahlreiche Berichte und Reportagen bekannt ist, zog 2010 in die DR Kongo, um für eine Frauenorganisation eine Pressestelle aufzubauen. Sie unterrichtet zudem Journalismus an verschiedenen Unis und bildet Trainer für den Verband der Kommunalradios in Goma aus.
Als Geheimrezept gilt im Kongo »Article 15«, wie sie schreibt. Der ist in aller Munde, auch wenn man in der Verfassung vergeblich nach ihm sucht. Im Prinzip besagt er, dass man sich irgendwie durchschlagen muss. Das gelingt vielen – wenn sie sich dabei auch noch ihre Würde bewahren, gleicht das unter den gegebenen Umständen einem Wunder. Der früh verstorbene Rumba-Star Pépé Kallé widmete dem imaginären Artikel einen Song, in dem es um Tagelöhner und alleinerziehende Mütter geht.
»Die Zähigkeit, wie ich sie im Kongo mitbekomme, ist mir andernorts nicht begegnet.«
»In vielen ärmeren Ländern beißen sich die Menschen durch«, schreibt Judith Raupp. »Aber die Zähigkeit, wie ich sie im Kongo mitbekomme, ist mir andernorts nicht begegnet.« Dabei beschönigt die Autorin nichts, Armut wird nicht romantisiert. Sie nimmt den hiesigen Leser mit in einen Alltag und macht auch deutlich, dass sie mit ihren Erfahrungen aus dem wohlhabenden Deutschland immer wieder an ihre Grenzen kommt.
Etwa wenn als Brautpreis ein ganzes Jahreseinkommen verlangt wird (weil es für die Brautfamilie eine wichtige Einnahmequelle ist und weit verzweigte Familien den nicht existenten Sozialstaat ersetzen müssen). Wenn gefasste Taschendiebe auf offener Straße halb zu Tode geprügelt werden (weil die Polizei nichts gegen sie unternehmen würde). Wenn Hilfsgüter für Flüchtlingslager verscherbelt werden (um damit das Schulgeld für die Kinder zu bezahlen). Oder wenn Dorfbewohner in einem Naturschutzgebiet weiterhin Bäume schlagen und Holzkohle herstellen oder Wildfleisch konsumieren, weil von den vielen Hilfsgeldern für das Projekt bei ihnen nichts ankommt.
Judith Raupp entführt ihre Leser in eine Welt, in der das Sterben auch junger Leute zum Alltag gehört. Immer werden abgelegene Dörfer von einer der zahllosen Milizen geplündert, Bewohner massakriert, Frauen vergewaltigt; die Überlebenden landen in einem der vielen Flüchtlingslager, in denen es teils am Notwendigsten fehlt. Psychologische Hilfe, um die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, gibt es quasi nicht. Dass die unfähige oder hilflose UN-Schutztruppe nie eingreift, sorgt zusätzlich für viel Ärger.
Ein Erbe des Völkermords in Ruanda ist der Konflikt mit dem kleinen Nachbarland, das die Rebellengruppe M23 unterstützt, die alle paar Jahre Eroberungszüge durchführt und dabei selbst in Goma Angst und Schrecken verbreitet. In Friedenszeiten plündern hier aber auch bewaffnete Banden oder Regierungstruppen. Polizisten töten bei Kontrollen schon mal Passanten, die das verlangte Schutzgeld nicht zahlen wollen. Menschenrechtsaktivisten landen immer wieder willkürlich im Gefängnis, das sie nicht immer lebend verlassen. Kleinkinder sterben an Malaria, weil die Eltern die Behandlung nicht bezahlen können oder sich das gekaufte Medikament als Fälschung entpuppt. Daher waren Ebola-Ausbrüche oder die Covid-19-Pandemie – im Gegensatz zur Perspektive von WHO und europäischer Presse – kein großes Drama, eher im Gegenteil: In solchen Situationen kommen die großen Hilfsorganisationen und schaffen viele neue, gut bezahlte Jobs vor Ort. Bei Corona hatten Kongolesen Mitleid mit den Europäern, die plötzlich auch mal in großer Zahl starben, oder Unverständnis über manche Maßnahmen.
Das Gute an dem Buch von Judith Raupp ist, dass sie selbst nicht urteilt und nicht versucht, gute Ratschläge aus der Außenperspektive zu verteilen. Schon gar nicht nimmt sie den Blickwinkel der immer wieder hereinschneienden, gutbezahlten Entwicklungshelfer aus dem globalen Norden ein, die sich meist in abgeschotteten Reichenvierteln aufhalten und viel Geld in teils fragwürdige Projekte stecken.
Wenn die Autorin Partei ergreift, dann tut sie es für die unermüdlichen Überlebenskünstler, denen sie ständig begegnet: die alleinerziehende Mutter, deren geringes Einkommen für die irrwitzige Miete für eine Bruchbude draufgeht; die Menschenrechtsaktivistin, die trotz aller Repression ihren Kampfesmut nicht verliert; den alten Mann, der nach Kriegen, Plünderungen und Vulkanausbrüchen immer wieder bei null anfangen musste, trotzdem immer neue Geschäftsideen entwickelte und sich zum Lebensende um eine Schar Hühner kümmert. Und für die, die auch in schwierigsten Zeiten ihren Humor nicht verlieren. Als sie nach einem Deutschland-Besuch einen Adventskalender mitbringt, der vorzeitig geleert wird, meint ein Kollege: »Du musst essen, wenn du etwas zum Essen findest. Man weiß nie, was morgen ist.«
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Source: nd