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Reproduktive Rechte | »Nicht für immer als Opfer fühlen«
Nach einer Totgeburt saß die Salvadorianerin Teodora Vásquez über zehn Jahre unschuldig im Gefängnis. Heute hilft sie anderen kriminalisierten Frauen
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Foto: IMAGO/TT Sie kommen ursprünglich aus Ahuachapán, einer ländlichen Region von El Salvador an der Grenze zu Guatemala. Wie sind Sie in der Hauptstadt San Salvador gelandet?
Foto: IMAGO/TT Meine Mutter hat elf Kinder geboren, ich war die Nummer sechs. Als ich gesehen habe, wie meine älteren Schwestern nach und nach geheiratet haben, habe ich Angst bekommen, weil ich das Gefühl hatte, mir würde dasselbe passieren. Also habe ich mein Dorf verlassen.
Da waren Sie gerade einmal zwölf Jahre alt.
In der Stadt habe ich Menschen getroffen, die mich unterstützt haben. Ich habe mich am Anfang um andere Kinder gekümmert und auf sie aufgepasst, obwohl ich natürlich selbst noch ein Kind war. Als ich dann langsam älter wurde, habe ich in Restaurants gearbeitet, als Kellnerin oder in der Küche. Das Wichtigste für mich war, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Ich habe nicht viel verdient, aber ich bin über die Runden gekommen. Mit 20 wurde ich dann zum ersten Mal schwanger und habe einen Sohn geboren.
Teodora Vásquez, 43, kommt aus El Salvador. Aufgrund einer äußerst rigiden Abtreibungsgesetzgebung werden dort immer wieder Frauen nach einer Totgeburt für viele Jahre unschuldig inhaftiert, weil ihnen Kindsmord unterstellt wird. Mit ihrer seit 2022 bestehenden Organisation Mujeres Libres de El Salvador (Vereinigung Freier Frauen in El Salvador) kümmert sich Vásquez um diese Frauen.
Ein paar Jahre später standen Sie kurz vor der Geburt Ihres zweiten Kindes, als Ihr Leben eine dramatische Wendung nahm.
Der Arzt hatte mir gesagt, es werde wohl noch drei Wochen dauern. Ich dachte also, ich hätte noch Zeit, um in mein Dorf zu fahren, damit meine Mutter sich während der Geburt um mich kümmern kann. Aber dann ging alles viel schneller.
Sie waren gerade auf Ihrer Arbeit in einer Cafeteria in der Hauptstadt San Salvador, als die Wehen eingesetzt haben.
Ich habe den Notruf gewählt, und die Frau am Telefon sagte mir, dass schon ein Krankenwagen unterwegs sei. Dann habe ich noch mal angerufen, weil der Krankenwagen nicht kam. Ich habe bestimmt fünfmal angerufen und niemand ist gekommen. Schließlich habe ich es nicht mehr ausgehalten und musste mein Kind dort zur Welt bringen, wo ich eben war.
Sie haben das Bewusstsein verloren, Ihr Kind ist bei der Geburt gestorben. Nach dieser traumatischen Erfahrung wurden Sie viel zu spät in eine Klinik gebracht.
Ich habe überhaupt nicht verstanden, was passiert war. Ich hatte das Gefühl, ich würde sterben. Als ich im Krankenhaus aufgewacht bin, war ich mit Handschellen ans Bett gefesselt und Journalisten standen um mich herum. Sie haben mich gefragt: »Warum hast du das Kind umgebracht?«
In El Salvador gilt ein absolutes Abtreibungsverbot, selbst Totgeburten werden immer wieder als Kindsmord interpretiert. Sie waren unschuldig – wurden aber zu 30 Jahren Haft wegen schweren Mordes verurteilt. Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis überstanden?
Ich habe das alles ausgehalten, weil ich wusste, dass mein Sohn draußen auf mich wartet. Ich hatte Angst vor den anderen Häftlingen, ich hatte Depressionen, aber mein Sohn hat mir Hoffnung gegeben.
Es gab noch andere Frauen, die auch wegen angeblichen Kindsmordes verurteilt worden waren und im Frauengefängnis in Ilopango lange Haftstrafen verbüßten – aber Sie kannten diese Frauen, die in einer ähnlichen Situation waren wie Sie, anfangs gar nicht. Warum nicht?
Wir wurden von den anderen Häftlingen stark diskriminiert. Unser Motto war deshalb: »Je weniger ich sage, umso weniger wird mir passieren.« So haben wir überlebt – indem wir einfach nichts erzählt haben.
Erst als ein salvadorianischer Rechtsanwalt systematisch nach ähnlichen Fällen wie Ihrem gesucht hat, haben Sie die anderen Frauen kennengelernt. Der Rechtsanwalt hat insgesamt 17 Fälle gefunden – eine lokale NGO hat daraus die Kampagne »Las 17« gemacht – »Die 17 Frauen«, um gemeinsam mit internationalen Organisationen wie Amnesty International für ihre Freilassung zu kämpfen.
Ja, das war eine große Kampagne, da wurde viel Aufmerksamkeit für unseren Fall geschaffen, auf nationaler und internationaler Ebene. Aber das Einzige, was ich damals wusste, war: Wann immer sich eine Möglichkeit ergeben sollte, das Gefängnis zu verlassen, würde ich sie ergreifen. Also habe ich mitgemacht.
Nach zehn Jahren und sieben Monaten sind Sie schließlich freigekommen. Ihnen wurde dann auch Unterstützung angeboten, um das Land zu verlassen. Doch stattdessen sind Sie in Ihrer Heimat El Salvador geblieben. Warum?
Ich bin vor allem deshalb geblieben, weil ich mich und meinen Namen rehabilitieren wollte. Man hatte mich kriminalisiert und verurteilt. Wenn ich jetzt geflohen wäre, dann wäre ich vor genau diesen Problemen geflohen!
Sie mussten Ihr Leben komplett neu aufbauen. Wie haben Sie das geschafft?
Als ich freigelassen wurde, gab es einen großen Rummel: Viele Journalisten und Kameramänner waren da, und viele Menschen, die mich unterstützt hatten. Aber als sich der ganze Lärm verzogen hatte, war ich allein und fühlte mich schrecklich. Also kam mir die Idee, andere Frauen um Rat zu fragen, die eine ähnliche Situation durchgemacht hatten und schon vor mir freigekommen waren. Ich habe einen Raum organisiert, und alle sind gekommen. Die Frauen begannen dann davon zu erzählen, was sie brauchten: Arbeit zum Beispiel und psychologische Begleitung. Einige wollten studieren, andere brauchten eine Wohnung oder finanzielle Unterstützung, wieder andere wollten einen Beruf lernen.
Sie haben dann die Vereinigung freier Frauen in El Salvador gegründet, die Frauen mit einem ähnlichen Schicksal wie Ihrem nach der Haft etwa bei der Wohnungs- und Jobsuche unterstützt oder psychologische Begleitung anbietet. Es gibt sogar ein Haus, in dem die Frauen für eine Weile unterkommen können. Was bedeutet Ihnen der Verein?
Diese Arbeit macht mir viel Spaß, aber sie gibt mir auch die Kraft zu sagen: Es stimmt zwar, dass wir aus einer sehr schwierigen Situation kommen, aber wir wollen uns auch nicht für immer als Opfer fühlen. Stattdessen übernehmen wir Verantwortung für andere Frauen, damit sich unsere Geschichte in künftigen Generationen nicht wiederholt.
Sie haben schlimme, traumatische Erfahrungen gemacht – und sprechen trotzdem in aller Öffentlichkeit darüber. Das braucht viel Mut!
Ich habe immer gedacht: Je mehr man über eine schmerzhafte Erfahrung spricht, desto einfacher wird es. Es gibt Tage, da muss ich mehr weinen, an anderen Tagen weine ich weniger. Natürlich ist es für mich schmerzhaft, über dieses Thema zu sprechen, aber es ist eben auch sehr befreiend, und ich kann einen Teil des Schmerzes, der noch da ist, gehen lassen.
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