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Rente | Die Legende vom Generationenkonflikt

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Alt und Jung sollten sich beim Thema Rente nicht bekämpfen, sondern Seite an Seite stehen. Foto: Unsplash/Curated Lifestyle Neulich, beim Verdrängen der Nachrichten mithilfe eines Serienstreamingdienstes, wurde mir mehrfach die verstörende Werbung eines großen Versicherungsanbieters vorgespielt. Junge Menschen erzählen dort, warum es wichtig sei, privat für die Rente vorzusorgen – etwa um, wie eine junge Frau sagt, »im Alter nicht Flaschen sammeln zu müssen«. Okay, Werbung ist Werbung, und in diesem Fall sollte man eben animiert werden, sich in Sachen »Vermögensaufbau« beraten zu lassen. Aber eine Diskursfigur wie »Wenn ich das nicht tue, werde ich gezwungen, Flaschen zu sammeln« – die feste Überzeugung also, dass Altersarmut mit der gesetzlichen Rente alternativlos sei – muss bereits existieren, um an sie werberisch anknüpfen zu können. Und genau so ist es ja auch.

Wenn es, wie derzeit mal wieder, um die Rente, gerne auch um die »Reform« der Rente geht, denke ich oft: In kaum einem anderen Teilbereich der Sozialstaatsdebatte sind die etablierten Grundannahmen so falsch wie hier (dann fällt mir Hartz‑IV wieder ein, aber trotzdem …). Seit Jahren wird sie öffentlich vor allem als »Generationenkonflikt« verhandelt: Weil die Boomer es alle so gut hätten (Lüge Nummer eins) und wegen der Demografie sei nicht genug »übrig« für die Jungen. Für die staatlich organisierte Rente folgten daraus unumgänglich: höhere Beiträge, niedrigere Renten und längere Lebensarbeitszeit. Und private Vorsorge sei zwingend notwendig, wolle man nicht, na wie gesagt: später mal Flaschen sammeln müssen. Je früher man privat für die Rente spare und anlege, desto besser, weshalb die Bundesregierung plant, derartige Vorhaben ab der Grundschule zu bezuschussen.

Nelli Tügel ist Redakteurin der Monatszeitung »Analyse & Kritik« und freie Journalistin. Hier nimmt sie Ausbeutung, Arbeiter*innenbewegungen und linke Strategien unter die Lupe.

Nichts dagegen, für schwere Zeiten vorzusorgen, wirklich! Aber die Rentendiskussion ist von vorn bis hinten schief – und für jene, die die Axt an die Rente anlegen, ist das unglaublich praktisch. Denn: Die Legende vom Generationenkonflikt verdeckt – und das im Moment leider sehr erfolgreich –, dass hier ein Klassenkonflikt vorliegt. Dass etwa ein Zusammenhang zwischen niedrigen Löhnen und niedrigen Renten besteht; dass es absurd hohen Reichtum in der Gesellschaft gibt, den jene, die immer länger arbeiten und weniger Rente bekommen sollen, erarbeiten, aber von dem sie nichts haben, auch in der Rentenkasse nicht, in der sich ja hauptsächlich Lohnabhängige gegenseitig versichern; dass der Anteil der Rentenausgaben am Bruttoinlandsprodukt nicht gestiegen, sondern gesunken ist, ebenso wie das Rentenniveau.

Gerät all dies in den Hintergrund, ist die Schlussfolgerung: Schuld sind die Alten; und lösen lässt sich das Problem nur individuell – mit privater Vorsorge – sowie politisch mit »Reformen« (also Kürzungen). Dabei wäre das Gegenteil richtig: Da junge und alte Menschen, Erwerbstätige und Rentner*innen hier gemeinsame Interessen haben, führt ein Generationenkampf für sie nirgendwohin außer vielleicht in die Altersarmut. Dass es durchaus anders, nämlich kollektiv, geht, dafür muss man gar nicht so weit blicken, ein paar Hundert Kilometer nach Westen reichen schon. In Frankreich bringt die Verteidigung der Rente regelmäßig Hunderttausende auf die Straßen: Junge und Alte.

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Source: nd